Interview im WORTeffekte Magazin

Interview im WORTeffekte Magazin

Interview im „WORTeffekt Magazin“

Im Original nachzulesen auf worteffekte.de von Björn Othlinghaus

Es gibt viele Regionalkrimiautoren, aber Klaus-Peter Wolf ist ein Phänomen! Insgesamt verkaufte der in Gelsenkirchen geborene und in Norden lebende Schriftsteller bis heute 13 Millionen Bücher und ist damit einer der erfolgreichsten Autoren Deutschlands.

Seiner Wahlheimat Norden-Norddeich bescherte er eine Touristenschwemme und Beliebtheit ungeahnten Ausmaßes, und jene real existierenden Personen, die es als Charaktere in seine Bücher geschafft haben, sind an der Küste inzwischen selbst zu Promis geworden. Anlässlich des Erscheinens seines neuen Romans „Ostfriesenhölle“ führte Björn ein ausführliches Interview mit dem Erfolgsautoren, dessen vierte Verfilmung eines seiner Ostfriesen-Krimis („Ostfriesengrab“) gerade erfolgreich im ZDF zu sehen war. Hierbei verrät der Autor unter anderem einiges über seinen neuen Roman, seine Sicht auf die Verfilmungen, ob auch Serienkiller Dr. Bernhard Sommerfeldt bald im Fernsehen zu sehen sein wird und welche Parallelen es zu seinem vor 10 Jahren erschienenen Virus-Thriller „Todesbrut“ und der aktuellen Corona-Problematik gibt.

 

Beginn des Interviews

Björn Othlinghaus: Mit „Ostfriesenhölle“ belegte bereits zum 10. Mal in Folge ein Buch von dir aus dem Stand Platz eins der Spiegel online Bestsellerliste für Taschenbücher! Wie erklärst du dir den unglaublichen Erfolg deiner Ostfriesenkrimis?

Klaus-Peter Wolf: Mein Erfolg ist ganz klar von Leserinnen und Lesern gemacht worden. Die deutsche Literaturkritik hat daran leider keinen Anteil, sondern begeisterte Leser haben ihren Freunden und Freundinnen von den Büchern erzählt.

So ist mein Erfolg langsam gewachsen. Dann habe ich endlose Lesereisen zu meinem Publikum gemacht, manchmal in kleine Bibliotheken oder Buchhandlungen. Zu Beginn saßen dort sieben, manchmal zehn, wenn es toll lief, zwanzig Gäste. Inzwischen sind meine literarisch-musikalischen Krimiabende in Stadthallen, Theatern und Kirchen mit ein paar hundert Gästen pro Abend meist Wochen vorher ausverkauft. Manchmal kann ich das Glück kaum fassen.

Björn Othlinghaus: Im Mittelpunkt von „Ostfriesenhölle“ stehen zwei YouTube-Stars. Obwohl du selbst sehr Internet-affin und vor allem auf Facebook und auf Instagram aktiv bist, machst du dich auf YouTube eher rar. Wie kommt das?

Klaus-Peter Wolf: Es gibt natürlich ein paar Sachen von mir auf Youtube, zum Beispiel Talkshowauftritte bei „3nach9“ oder so. Ich selbst bin meist nur in meine Geschichten versunken, recherchiere, schreibe oder bin auf langen Lesereisen.

Björn Othlinghaus: Hast du für „Ostfriesenhölle“ auch in der YouTube-Szene recherchiert oder einen „Informanten“ gehabt, der dir Hintergrundinfos geben konnte?

Klaus-Peter Wolf: Na klar. Ich bekomme viel mehr Informationen, als ich verwenden kann, auch von Polizei, Justiz, praktisch aus allen Bereichen der Gesellschaft. Leserinnen und Leser schreiben mir, berichten von ihren Erfahrungen, laden mich ein. Mir steht sehr viel Wissen von Freunden meiner Kriminalromane zur Verfügung. Ständig bekomme ich auch Angebote: „Guck dir mal den Ort an, das wäre toll für eine Leiche.“ – „Wenn du wüsstest, was bei uns im Büro los ist, so entsteht Mobbing, so entstehen Mordgedanken. Willst du nicht mal vorbeikommen?“

Björn Othlinghaus: In deinen Romanen spielen oft real existierende Personen mit. Suchst du dir diese Menschen immer selbst aus und fragst dann nach, ob sie damit einverstanden sind, dass sie im Roman auftauchen, oder kommen inzwischen auch Personen auf dich zu, die dich darum bitten, mitspielen zu dürfen? Und wenn ja, erhörst du solche Bitten manchmal?

Klaus-Peter Wolf: Ja, ganz zu Beginn, als ich ein großes Gesellschaftspanorama schreiben wollte, habe ich mir überlegt, so viele real existierende Personen wie möglich in den Roman aufzunehmen. Ich mag Literatur nicht mit solch leblosen Pappkameraden. Ich wollte richtige Menschen in meine Bücher holen und die gibt es ja. Zum Beispiel den Maurermeister Peter Grendel (ein Nachbar von mir), den Journalisten Holger Bloem, mit dem ich seit Jahrzehnten befreundet bin, den Konditormeister Jörg Tapper und seine Frau Monika Tapper, die gemeinsam das Café ten Cate betreiben, einen wichtigen Handlungsort meiner Bücher. Ich weiß, wie diese Menschen reden, wie sie denken, wie sie sich verhalten.

Ich projiziere dann dieses Wissen in fiktive Situationen. Ich fiktionalisiere sozusagen ihre Person in meinem Werk. Die Sängerin Bettina Göschl, im Roman eine Nachbarin von Ann Kathrin Klassen, ist ja meine Ehefrau, die kenne ich auch recht gut. Diese Menschen sind in Ostfriesland sehr berühmt geworden, oder kennst du viele Maurer, die Autogramme geben? Neulich sah ich noch, wie Jörg Tapper für Touristen Brötchentüten signieren musste. Das Café ist ja geradezu ein Wallfahrtsort für Fans geworden. Natürlich wollen viele jetzt auch in die Bücher hinein und täglich bekomme ich solche Angebote. Manchmal passt es, aber das hat immer mit dem Stoff und der Geschichte zu tun. Das Wichtigste ist immer die Geschichte, die ich erzählen will. Dann schaue ich, was ich vom Außen dazu verwenden kann.

Björn Othlinghaus: Vor kurzem lief mit „Ostfriesengrab“ die vierte Verfilmung deiner Ostfriesenkrimis im Fernsehen, einmal mehr mit einer hohen Sehbeteiligung von 5,89 Millionen Zuschauern. Es handelte sich dabei um die erste Verfilmung mit Julia Jentsch als Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Nach meinem Empfinden entsprach sie noch direkter der Ann-Kathrin, wie ich sie mir vorstelle, als ihre Vorgängerin Christiane Paul. Wie siehst du das?

Klaus-Peter Wolf: Ich hatte von Anfang an fünf Schauspielerinnen auf meiner Liste, von denen ich mir vorstellen konnte, dass sie Ann Kathrin Klaasen spielen können. Meine Wunschkandidatinnen. Eine davon war Christiane Paul, die uns einen wunderbaren Start ermöglicht hat, eine andere war Julia Jentsch. Ich hatte sie in der Rolle der Sophie Scholl gesehen und war und bin begeistert von ihr. Da die Figur der Ann Kathrin Klaasen sehr facettenreich ist, sie Abgründe hat, lockt dies natürlich Schauspielerinnen auch, die Rolle dementsprechend zu gestalten. Julia Jentsch versucht gar nicht, sich bewusst abzugrenzen und etwas ganz anderes zu tun. Sie spielt nur die Seiten der Figur heraus, die für sie wichtig sind. Ich finde, sie macht das großartig.

Björn Othlinghaus: Noch mehr als die vorangegangenen Verfilmungen unterschied sich „Ostfriesengrab“ vom Buch, was in einigen Besprechungen und auch von Zuschauern kritisiert wurde. Ist dir bei den Adaptionen deiner Bücher wohler, wenn sich die Filmemacher eng an der Romanhandlung orientieren, oder findest du es spannender, wenn sie ihren kreativen Spielraum voll ausnutzen?

Klaus-Peter Wolf: Ich inspiriere mit meinen Romanen andere Künstler. So sehe ich das. Nicht nur Drehbuchautoren, Schauspieler, Regisseure, sondern auch Szenenbildner, Ausstatter usw. Jeden Regisseur – wir arbeiten ja immer wieder mit neuen Regisseuren – führe ich vorher durch „mein Ostfriesland“, zeige ihm meine Orte, bringe ihn mit den real existierenden Personen zusammen. Ich will, dass sie „mein Ostfriesland“ begreifen, bevor sie ihre eigene Vision davon auf die Leinwand bringen.

Je näher sie sich an die Romane halten, umso besser gefällt es natürlich der wirklich großen Leserschaft. Manchmal weichen Filme vom Roman ab, das hat auch damit zu tun, dass Film ein ganz eigenes Kunstwerk ist. Nur um ein Beispiel zu bringen: Der Roman hat 400 Seiten, das Drehbuch 92. Da müssen ganze Handlungsstränge wegfallen oder Dinge verkürzt werden. Das geht gar nicht anders. Ich glaube auch, dass ein Roman, den man einfach Seite für Seite abfilmen würde, als Film eine Katstrophe wäre, ja, unzumutbar. Wer seinen eigenen Film im Kopf haben will, kann ja die Hörbücher hören, ich lese sie selbst ein. Es gibt ungekürzte Fassungen, bei „Ostfriesenhölle“ sind das zum Beispiel 16 Stunden auf zwei MP3s.

Björn Othlinghaus: Mir gefallen die drei Romane um Dr. Bernhard Sommerfeldt sehr und ich war ehrlich gesagt ein bisschen traurig, dass die Reihe nach dem dritten Band endgültig abgeschlossen sein soll. Du hast aber immerhin erwähnt, dass Sommerfeldt in den Ostfriesenkrimis als Nebenfigur auftreten soll. Kannst du schon einen Hinweis geben, wann es ein Wiedersehen mit ihm geben wird?

Klaus-Peter Wolf: Ja, Dr. Sommerfeldt ist eine wunderbare Figur, die auch viele Fans fasziniert. Als ich die Trilogie beendet hatte, sind einige richtig wütend geworden und haben mir geschrieben: „Das kann doch nicht sein, es muss doch weitergehen!“ Nun, im Moment sitzt Sommerfeldt in Lingen im Knast. Aber ich kenne ihn gut. Er wird wieder freikommen, soviel kann ich versprechen. Einer wie der sitzt nie besonders lange. Im 15. Band der Ostfriesenkrimireihe – der Roman wird „Ostfriesenzorn“ heißen – spielt Sommerfeldt wieder so richtig mit. Allerdings ist seine Trilogie, sprich Bücher, die ganz aus seiner Perspektive geschrieben sind, beendet. Viele Fans schreiben ja so witzige Sachen wie: „Wann erscheint denn endlich Band 4 der Trilogie?“ Nun, ganz so wird es nicht werden. Aber ich arbeite gerade mit großer Freude an „Ostfriesenzorn“ und habe gestern noch einen Sommerfeldt-Auftritt erzählt.

Björn Othlinghaus: Wie du vor einiger Zeit mal erwähnt hast, hat sich die Produktionsfirma „Schiwago Film“ bereits die Rechte für die Verfilmung der Sommerfeldt-Romane gesichert, ist aber noch auf der Suche nach Partnern. Gibt es in dieser Hinsicht inzwischen etwas Neues und können sich Fans vielleicht sogar schon konkret auf eine Verfilmung der Werke freuen?Klaus-

Klaus-Peter Wolf: Ja, meine Freunde von der Schiwago-Filmproduktion, Martin Lehwald und Simon Grohe, sind ebenfalls von Sommerfeldt fasziniert und prüfen, welche Möglichkeiten es gibt, die Trilogie zu verfilmen. Das ist natürlich immer ein langwieriger Prozess. Es müssen Sender gefunden werden, die nicht nur Sendeplätze, sondern auch genügend Geld zur Verfügung stellen, Schauspieler usw. Hier sind wir mitten im spannenden Prozess.

Björn Othlinghaus: Gäbe es für dich eine Traum-Besetzung für Sommerfeldt und wer könnte das sein? Die Fans haben ja mal bei Facebook ein paar Vorschläge gemacht.

Klaus-Peter Wolf: Da bin ich noch ganz offen. Ich finde es schön, dass die Fans das schon diskutieren, ich selber halte mich aber da raus. Ich würde ja einen Schauspieler beschädigen, wenn ich den jetzt nenne und der wird es danach nicht. Auch meine Liste der fünf Schauspielerinnen, die ich mir als Ann Kathrin Klaasen vorstellen konnte, habe ich immer unter Verschluss gehalten. Lediglich meine Frau und mein Filmproduzent kannten die Namen.

Björn Othlinghaus: Du schreibst gemeinsam mit deiner Frau Bettina Göschl die Jugendbuchreihe „Nordseedetektive“. Könntet ihr euch vorstellen, auch mal ein ganz anderes Buchprojekt zusammen zu schreiben, einen Thriller, einen Krimi oder etwas völlig anderes?

Klaus-Peter Wolf: Es ist ein großer Spaß, mit Bettina zusammen zu schreiben. Solche Bücher sind ja ohnehin recht dialogisch. Bettina übernimmt dann zum Beispiel die Patenschaft für Emma und ich für Lukas und so werden die Dialoge immer spitzer. Die gemeinsame Arbeit ist ein großes Vergnügen, ja, wie ein Tanz. Ob wir auch zusammen auch etwas völlig anderes schreiben könnten, weiß ich nicht. Darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht.

Im Moment nimmt uns gerade der 8. Band der „Nordseedetektive“ voll in Anspruch. Besonders freut mich übrigens, dass die Reihe auch ins Chinesische übersetzt wurde und sowohl in der Volksrepublik als auch in Taiwan erschienen ist. Dort wird die Reihe sehr gut angenommen. Es freut mich auch sehr, dass Bettinas Stimme jeweils im Vorspann der Ostfriesenkrimis auftaucht. Sie summt sozusagen die Titelmelodie.

Björn Othlinghaus: Im Sommer erscheint bereits dein nächstes Buch „Rupert Undercover – Ostfriesische Mission“, bei dem deine beliebte Kult-Figur Rupert seinen ersten eigenen Fall bekommt. Wird die Geschichte da eher in Richtung Krimi gehen oder dominieren die komödiantischen Elemente?

Klaus-Peter Wolf: Viele Fans haben sich gewünscht, dass Rupert endlich ein eigenes Buch bekommen soll und jetzt ist es soweit. Rupert hat ja immer wieder versucht, beim BKA anzufangen, die haben ihn nie genommen (die hatten auch gute Gründe). Aber jetzt ist eine Situation entstanden, in der sie ihn dringend brauchen. Sie haben einen Gangsterboss verhaftet, der ein Riesen-Drogengeschäft in Europa durchziehen soll und der sieht Rupert zum Verwechseln ähnlich. Also schickt das BKA Rupert ins Rennen, installiert ihn ganz oben an der Spitze der Verbrecherorganisation, um den ganzen Laden von dort aus aufzurollen und in den Griff zu kriegen. Alle sind sich einig, dass es keinen Schlechteren für diese Mission gibt als Rupert, aber es gibt auch keinen anderen, der genauso aussieht … Natürlich sorgt Rupert für viel Freude, manchmal auch Schadenfreude, aber es ist ein hochspannender Roman. Ein richtiger „Wolf“ mit wirklich witzigen Elementen. Aber die gibt es ja auch in den Ostfriesenkrimis.

Björn Othlinghaus: Vor 10 Jahren brachtest du den Roman „Todesbrut“ heraus, in dem es um ein tödliches Virus geht. Angesichts des Corona-Virus und zahlreicher Ereignisse dazu ist dieses Buch heute erschreckend aktuell.

Klaus-Peter Wolf: Ich war selber ganz erschrocken. Als ich „Todesbrut“ schrieb, habe ich natürlich lange vorher recherchiert, mit Fachleuten gesprochen, die Pläne der WHO analysiert und vor Ort mit vielen Behördenvertretern geredet, die hinterher die Pläne umsetzen müssen. Das erste, was mir auffiel, war, dass einige davon überhaupt keine Ahnung hatten, ja, nicht mal von ihrer Zuständigkeit wussten. Im Zweifelsfalle muss das örtliche Gesundheitsamt mit der Sache klarkommen, was natürlich eine vollkommene Überforderung ist. Politiker wälzen hier lediglich die Verantwortung auf untere Chargen ab. In meinem Roman bricht das Virus in Emden aus und eine Fähre, die von Emden nach Borkum losgefahren ist, lässt man in Borkum nicht an Land. Die Passagiere wollen aber auch nicht nach Emden zurück, weil sie nicht in ein „verseuchtes Gebiet“ hineinlaufen wollen. Emden wird dann von der Bundeswehr abgeriegelt. Diese Pläne existieren alle.

Im Zweifelsfalle wird es so werden und die örtlichen Behörden müssen dann sehen, wie sie mit der Sache klarkommen. Nachdem ich das alles gelesen und meine Interviews geführt hatte, war mir klar: so geht das nicht. Hier werden lediglich Zuständigkeiten verschoben. Wenn ich das Herumgeeiere jetzt sehe, wird mir schlecht. Gerade die Politiker, die immer von „Europa“ reden und schon eine gemeinsame Währung eingeführt haben, sind jetzt nicht in der Lage, eine europäische Lösung herbeizuführen, sondern stattdessen sollen vor Ort die Gesundheitsämter entscheiden? Während wir dieses Interview führen, wurde die Buchmesse in Frankreich schon abgesagt. In Leipzig sieht es aber noch so aus, als würde es eine Buchmesse geben (Anmerkung: Auch die Leipziger Buchmesse wurde inzwischen abgesagt). Soll dort jetzt das örtliche Gesundheitsamt entscheiden, ob Verlage aus der ganze Welt kommen und ein paar hunderttausend Menschen? Im meinem Roman „Todesbrut“ erzähle ich davon, wie Menschen etwas Gutes wollen und damit etwas Schreckliches heraufbeschwören. Es geht bei mir gar nicht so sehr um das Virus, sondern es geht um menschliches Verhalten. Das ist es, was mich als Autor am meisten interessiert. Je größer eine Gefahr wird, umso monströser sind die Auswirkungen menschlichen Versagens.

Quelle: http://www.worteffekte.de/interview-mit-dem-norder-krimiautor-klaus-peter-wolf/

Interview zu Feuer

Interview zu Feuer

Interviewer: Herr Wolf, wenn Romane verfilmt werden, gibt es oft scharfe Konflikte zwischen den Autoren des Buches und den Regisseuren und Filmleuten. Denken wir nur an »Die unendliche Geschichte«. Wie war das bei der Verfilmung Ihres Jugendromans, »Feuerball«?

Klaus-Peter Wolf: Ganz anders. Ich habe mir Maria Knilli als Regisseurin gewünscht. Sie hat sich sehr sensibel in den Stoff eingearbeitet. Manchmal haben wir Stunden über eine Bewegung oder ein Handlungsmotiv diskutiert. Warum tut die Person gerade jetzt das? Warum macht sie das so und nicht anders? Was denkt sie dabei? Was filmt sie dabei? Was gibt sie von sich preis, und was verschweigt sie bewusst? Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Was man auch daran sieht, dass ich Maria ein neues Drehbuch angeboten habe.

Interviewer: Wie muß man sich die Zusammenarbeit zwischen Schriftsteller und Filmleuten überhaupt vorstellen?

Klaus-Peter Wolf: Nun, zuerst suche ich für meine Stoffe Geldgeber. Also Sender oder Produzenten. Mit denen gemeinsam suche ich den Regisseur aus und mit diesem dann die Schauspieler, Drehorte usw. Am Anfang steht aber immer die gute Geschichte, eine tragfähige Story. Anders geht es nicht.

Interviewer: Sie bestimmen also das Endprodukt, den Film, maßgeblich mit?

Klaus-Peter Wolf: Film ist Teamarbeit. Wer nicht teamfähig ist, gehört da nicht hin. Man kann keine Schauspieler in Handschellen zum Set bringen und zwingen, etwas so zu spielen. Aber man kann versuchen, sie zu überzeugen, die Rollen zu erklären. Mit Gaby Dohm zum Beispiel gab es lange Gespräche. Sie hat sich ganz intensiv auf die Rolle vorbereitet, und ich finde sie als Dr. Silvia Jansen wunderbar. Sie ist so präsent. Sie strahlt wirklich die Kraft aus, die Silvia im Roman hat und die aus ihrem Inneren kommt.

Interviewer: Der Film ist aber ganz anders als das Buch »Feuerball«. Im Roman hat Jens eine Schwester, die eine wichtige Rolle spielt. Sie fehlt im Film.

Klaus-Peter Wolf: Richtig. Der Film ist ein ganz anderes Medium. Im Film habe ich nur 90 Minuten. Im Roman 220 Seiten. Da musste ich verknappen und mit der Zahl der Personen ökonomisch umgehen. Sonst kommen als Nebenfiguren nur blutleere Pappkameraden heraus. Wenn ich keinen Raum habe, Nebenfiguren wirklich lebendig werden zu lassen und sie mit eigener Geschichte auszustatten, lasse ich sie lieber weg. In dem Sinne ist natürlich ein Roman immer reichhaltiger und vielschichtiger als die beste Verfilmung.

Interviewer: Das sagt jemand, der mehr als 50 verfilmte Drehbücher geschrieben hat?

Klaus-Peter Wolf: Ja und zwar aus voller Überzeugung. Ich liebe Filme. Ich glaube, dass Menschen ohne Geschichten, Bücher, Filme oder Comics verrückt werden oder abstumpfen. Die schönste und tiefste Art, eine Geschichte zu erfahren, ist aber ganz sicher, sie zu lesen. Wer liest, wird selbst Regisseur und dreht einen Film im eigenen Kopf. Und dieser eigene Film ist immer besser als der, den andere Leute gedreht haben.

Interview zu Karma-Attacke

Interview mit Klaus-Peter Wolf zu seinem Roman Karma-Attacke

Interviewer: Herr Wolf, Sie sind bekannt als Autor, der seine Romane hart in der Wirklichkeit recherchiert. Für ein Buch wie Traumfrau gründeten Sie eine Firma für Mädchen- und Frauenhandel, ließen sich sogar beim Finanzamt dafür eine Steuernummer geben und arbeiteten zwei Jahre in diesem Gewerbe, um den Roman schreiben zu können. Später hat das Buch sogar die Parlamente beschäftigt. Wie kommt es, dass gerade Sie sich der Frage zuwenden, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, und ob es gar Möglichkeiten gibt, sich daran zu erinnern?

Klaus-Peter Wolf: Als ich ein kleiner Junge war, noch nicht in der Schule, hatte ich große Angst vor meiner Oma. Sie kleidete sich in Schwarz. Mit einem steifen, weißen Kragen. Und sie hatte in meiner Erinnerung silberne, ja fast weiße Haare. Ihre Stimme war streng. Die meisten Menschen, die ich kannte, hatten Angst vor ihr. Ich hatte das Wort Engelmacherin gehört, wusste nicht, was damit gemeint war, brachte es aber mit ihr in Verbindung.
Eines Tages machte ich sie irgendwie wütend. Sie zerrte mich zur Toilette und schloss mich dort mit den Worten ein, ich könne dort bleiben, bis ich schwarz würde. Sie schloss ab – und ich hatte panische Angst.
Ich kletterte auf einen Eimer, den ich auf den Deckel der Toilette gestellt hatte und versuchte, hoch oben zu einem Fenster zu kommen, das aber unerreichbar über mir lag. Noch heute läuft mir ein Schauer den Rücken herunter, wenn ich davon erzähle. Ich glaube, ich war damals zum ersten Mal in Todesangst.
Später habe ich diese Szene oft geträumt. Ich sah alles ganz genau. Die Tür, den Griff, den Eimer, das Fenster – auch mich. Aber etwas stimmte nicht: Ich sah alles aus der falschen Perspektive. Ich sah es nicht mit meinen Augen, sondern von oben. Als wären meine Augen über mir an der Decke gewesen und hätten von dort diesen kleinen Jungen in seiner Angst beobachtet.
Ich hatte natürlich, gerade als Kind, keine Erklärung dafür und behielt es einfach für mich. Ich hatte Angst, wenn ich davon erzählte, würde ich für verrückt erklärt.

Interviewer: Gab es mehrere solcher Ereignisse in Ihrem Leben?

Klaus-Peter Wolf: Ein paar Jahre später hatte ich einen Autounfall. Ich flog, vom Wagen angefahren, im hohen Bogen durch die Luft, mit dem Kopf zuerst nach unten. Der Schulranzen rutschte von meiner Schulter, so dass ich nicht auf das Kopfsteinpflaster aufschlug, sondern der Lederranzen meinen Fall dämpfte. Ein Krankenwagen kam, plötzlich war auch meine Mutter da. Ich wurde ins Krankenhaus gefahren. Dort retteten Notärzte mein Leben.
Und wieder erinnere ich die Szene aus einer scheinbar unmöglichen Perspektive: Ich sehe den Unfall von oben. Ich sehe mich durch die Luft fliegen, sehe, was mit dem Schulranzen passiert, wie ich in den Krankenwagen verladen werde, wie meine Mutter dazusteigt – sogar die Operation.
Später stellte sich mir immer öfter die Frage, ob es möglich ist, dass die Seele im Augenblick größter Angst, ja, in Todesnot, aus dem Körper austritt und alles von oben betrachtet. Dieser Gedanke schien mir verrückt. Ich hatte ein sehr materialistisches Weltbild, doch meine Erfahrungen waren halt andere. Es widersprach jeder Vernunft und allem angelernten Wissen, aber dennoch gehörte es zum Fundus meiner Erlebnisse.
Dann kam das Jahr 1993. Dies war ein sehr einschneidendes Jahr für mich. Ich musste mich einer Herzoperation unterziehen. Wieder geschah dasselbe. Ich wurde in der Intensivstation wach, sah mich aber von oben im Bett liegen. Das Verrückte war: Ich kriegte die Augen gar nicht auf. Dazu war ich zu schwach. Ich sah aber, was geschah, als würde ich über mir im Raum schweben.
Mein materialistisches Weltbild geriet immer mehr ins Wanken. Ich erlaubte mir endlich, die Erfahrungen als Kind ernst zu nehmen und sie mit Anderen zu diskutieren. Ich traf Menschen, die meine Erlebnisse überhaupt nicht merkwürdig fanden. Buddhisten erzählten mir davon, dass wir nach dem Tod wiedergeboren werden, zurück auf die Erde kommen und erneut in den Kreislauf eintreten. Der Gedanke, dass nur unser Körper stirbt, die Seele aber nach dem Tod den Körper verlässt und wiedergeboren wird, taucht ja in vielen Kulturen und Weltreligionen auf.
In der Tat stellte ich mir die Frage: Wenn die Seele austritt aus dem sterbenden Körper, wo bleibt sie dann? – Nein, um es gleich ganz klar zu sagen, ich gehöre keine Sekte an und nicht einmal einer Glaubensgemeinschaft. Ich wollte nur diesem merkwürdig tabuisierten Phänomen nachspüren. Es stellte sich mir die nächste Frage: Wenn wir schon einmal gelebt haben, vielleicht viele Male, und die Seele immer wieder neu geboren wurde, gibt es dann eine Möglichkeit, sich daran zu erinnern? Wird bei dem erneuten Eintritt ins Leben alles gelöscht?
Es gab eine Zeit, da erklärten wir alles mit der Chemie im Gehirn. Dann waren die Gene dafür verantwortlich, schließlich die Erziehung, die Umwelt, die Eltern. Das alles war mir immer zu monokausal. Konnte es nicht sein, dass die menschliche Seele beeinflusst wird durch Erlebnisse, die sie in früheren Leben gehabt hat? Dass also einige Probleme, die wir im Jetzt haben, auf Erfahrungen aus der Vergangenheit fußen, an die sich unser Verstand nicht mehr erinnert, die unsere Seele aber beeinflussen? Warum kriegen manche Menschen Platzangst an bestimmten Orten und andere nicht? Wieso wird die eine ess-brech-süchtig und die andere nicht? Wieso ist der eine ein Workaholic und der andere ein faules Schwein? Wieso fühlt sich der eine für allen Mist, der auf der Welt geschieht, verantwortlich und der andere nicht mal für den Mist, den er selbst anrichtet?anrichtet? Natürlich faszinierte mich als Autor von Romanen der Gedanke, dass wir im Hier und Jetzt möglicherweise etwas austragen, das viel früher begann, ganz außerordentlich. Die erzählerischen Möglichkeiten, die diese Annahme in sich birgt, sind ja gewaltig.
Ich fragte mich also, ob es Möglichkeiten gibt, sich an frühere Leben zu erinnern oder ob das alles vergessen ist. Ich suchte Einzelpersonen und Gruppen, die sich damit ernsthaft befassten. Natürlich traf ich einige Spinner, aber die gibt es unter praktizierenden Ärzten oder Psychologen auch.
Der Name Thorwald Dethlefsen fiel immer wieder.
Es stellte sich rasch heraus, dass es vier Methoden für Rückführungen gibt. Durch Hypnose, durch Drogen, durch Holotropes Atmen, durch Tiefenentspannung.
Experimente mit Drogen wollte ich auf keinen Fall machen, auch nicht mit Hypnose arbeiten. Es kam mir darauf an, bei dem, was geschieht, mit wachem Verstand dabei zu sein, mir nichts einreden zu lassen und keinen durch Chemie herbeigeführten Trugbildern aufzusitzen.
Die Methode durch Tiefenentspannung schien mir also die geeignete zu sein, denn dabei schaltet das Wachbewusstsein nicht ab. Der kritische Verstand ist die ganze Zeit dabei, ja, er macht sich teilweise sogar lustig über das, was geschieht.
Ich habe auch das Holotrope Atmen ausprobiert, aber das ist nicht ganz mein Ding.
Einige Gruppen und Institute boten sogar Ausbildungen an zum Reinkarnationstherapeuten, Rückführer usw. An der Akademie für Psyche und Soma konnte man sogar ein Diplom erwerben, natürlich kein staatlich anerkanntes. Darum ging es mir ja auch nicht. Ich suchte für mich eine Wahrheit. Eine Möglichkeit. Wollte etwas ausprobieren.

Interviewer: Sie haben also eine Ausbildung zum Reinkarnationstherapeuten gemacht?

Klaus-Peter Wolf: Ja. Bei Viktoria Stratenwerth. Das war sehr interessant für mich und eine echte Bereicherung.

Interviewer: Wie muss man sich so eine Gruppe vorstellen? Sind das Spinner? Ausgeflippte?

Klaus-Peter Wolf: Nein. Eher ganz normale Menschen. Eine Werbekauffrau, ein Bäcker, jemand, der zwölf Jahre als Berufssoldat hinter sich hatte, eine Erzieherin, eine Frau, die eine Gaststätte in Zürich betreibt – also doch recht normale Menschen. Natürlich Leute, die sich tiefe Fragen stellen, vielleicht aus ähnlichen Gründen kamen wie ich. Die Erklärungen reichten ihnen nicht aus. Sie suchten und experimentierten.

Interviewer: Sie haben sich selbst zurückführen lassen und auch Rückführungen geleitet?

Klaus-Peter Wolf: Natürlich. Wie sonst sollte ich herausfinden, ob etwas dran ist. Ich habe an mehr als 150 Rückführungen teilgenommen. Manchmal habe ich zurückgeführt, manchmal mich zurückführen lassen.

Interviewer: Und – sind die dann immer alle etwas Besonderes gewesen? Berühmte Persönlichkeiten?

Klaus-Peter Wolf: Nein, das ist überhaupt nicht so. Ich habe nie erlebt, dass jemand eine Persönlichkeit war, die ich aus dem Geschichtsbuch kannte oder aus dem Lexikon. Es waren immer kleine, oft sehr unbedeutende Leben. Manche sogar sehr mitleiderregend. Einige Menschen waren sehr erschrocken, weil sie sich als Täter erlebten, die Furchtbares in einem Leben getan haben. Dinge, mit denen sie sich jetzt natürlich überhaupt nicht mehr identifizieren können. Ein Mann, der jetzt mit einem Helferleinsyndrom herumläuft und seiner seelischen Verfassung gemäß in einen sozialen Beruf ging – was gar nicht gut für ihn war, weil er ständig am Rande der Selbstaufgabe arbeitete – erlebte sich bei der Rückführung als furchtbaren Menschen, der andere unterdrückte und nur auf sein eigenes Wohl bedacht war. Er stellte sich nach der Rückführung die Frage, ob er im jetzigen Leben vielleicht aus dem Gefühl heraus agiert, etwas wiedergutmachen zu müssen.

Interviewer: Wie war es bei Ihnen selber? Wie muss man sich das überhaupt vorstellen? Sieht man etwas, riecht man etwas, hört man etwas? Weiß man, wer man ist?

Klaus-Peter Wolf: Ich erinnere mich genau daran, wie ich während einer Rückführung meine Füße sah, wie sie über den Boden gingen. Also genau die Perspektive, wie man sich wirklich sieht. Wenn Sie beim Gehen nach unten schauen, sehen Sie halt nicht Ihren Kopf, sondern Ihre Beine von den Knien an abwärts. Ich hatte Schuhe an, die vorne spitz zuliefen. Später erst erfuhr ich, dass man diese Schuhe Schnabelschuhe nennt. Sie waren goldfarben, mit blauen und grünen Fäden durchzogen. Ich sah dann erstaunt meine Hände. Ich hatte spitze Fingernägel und einen sehr leichten, jugendlichen Gang. Ich sah die Ornamente auf dem Boden. Später dann sah ich in einem Spiegel mein Gesicht. Es war ein rundes, asiatisches Gesicht mit so einem langen Ziegenbart nur unten am Kinn. Ich wurde gefragt, wie ich heiße und ich antwortete: Hansi. Ich musste lachen, weil ich das mit dem Verstand ja alles sehr wach registrierte. Das heißt, über die Bilder, die die Seele mir zeigte, hat mein Verstand lachen müssen.
Ich unterhielt mich während der Rückführung mit den Freunden, die dabei waren, darüber. »Niemand, der so aussieht, heißt Hans«, lachte ich. »Auch nicht Otto oder Paul. Hier stimmt etwas überhaupt nicht!«
Ich wurde nach der Zeit gefragt und ich konnte sehr genau das Jahr bestimmen.
Dann kamen sehr schnelle Szenen, die mir überhaupt nicht gefielen. Es waren plötzlich englische Soldaten da. Es gab Schießereien. Ich musste fliehen und meine sicheren Räume verlassen. Ich war ein wohlhabender, gebildeter Mann.
Die Rückführung ging etwas über eine Stunde. Während der Zeit war ich ständig auf der Flucht vor den Engländern.
Als ich wieder ganz im Wachzustand zurück war, zweifelte mein Verstand das alles an. Ein Freund, der dabei war, suchte dann am Computer im Internet Antworten auf einige Fragen, die er mitgeschrieben hatte. Das erste, was mich verblüffte, war: Dort, wo ich angeblich gelebt hatte, in Südchina, war Han Si ein durchaus geläufiger Name.
Mein Freund fand dann heraus, dass auch meine Zeitangabe richtig war. Es gab damals tatsächlich dort kriegerische Unruhen, allerdings hatte ich mich um ein Jahr vertan, und es waren nicht die Engländer, sondern die Franzosen.
Ich schüttelte den Kopf. Ich war mir völlig sicher, es waren Engländer. Ich hatte die englischen Worte im Kopf und – was mich völlig beeindruckte – ich hatte jetzt, nach der Rückführung, während wir dort saßen und einen Kaffee tranken, immer noch einen mörderischen Hass in mir auf Engländer. Es reichte schon, dass jemand ein englisches Wort benutzte, und ich wäre ihm am liebsten an die Gurgel gegangen. Solche Gefühle sind mir sonst im Leben völlig fremd.
Glücklicherweise konnte ich dies formulieren.
Dann lachte mein Freund am Computer auf und sagte: »Klaus-Peter, schau dir das an! Ein Jahr später kamen die Engländer.«
Dann wurde von dem Aufstand berichtet.
Dies hat uns alle wirklich sehr beeindruckt, zumal ich sagen muss, dass ich überhaupt kein Chinakenner bin, mich auch nicht für das Land und die Leute sonderlich interessiert habe.

Interviewer: Man kann also dabei zu richtigen, historisch überprüfbaren Ergebnissen kommen?

Klaus-Peter Wolf: Ja, das kann man, wobei ich darin aber nicht den Sinn der Rückführungen sehe. Ich erinnere mich an eine Rückführung mit einem Freund, bei dem er im Berlin der zwanziger Jahre ankam und sehr genau wusste, wo eine Bahn gehalten hat, wie die Straße hieß, die Häuser sah, wusste, wer da wohnte – und das alles lässt sich hinterher natürlich genau überprüfen, und man kommt zu erstaunlichen Ergebnissen.
In diese Richtung ging meine Arbeit aber nicht weiter. Solche Beweise kann man natürlich immer anzweifeln und sagen: »Na klar, das ist alles nur Show, das wussten die schon vorher, oder das Unterbewusstsein erinnert sich da an Bücher oder Filme, die sie früher mal gesehen oder gelesen haben.«
Viel beeindruckender fand ich, dass sich für viele Menschen Probleme, die sie im Jetzt haben, auflösten. Die Leben ergeben einen roten Faden. Nicht so, wie in einigen Religionen gelehrt wird: Man macht etwas Böses und wird im nächsten Leben dafür bestraft. Nein, so gar nicht. Sondern es hat zu tun mit einer seelischen Verfassung. Einer Gemütslage, wenn Sie so wollen. Einer Charakterprägung.

Interviewer: Können Sie das genauer erklären?

Klaus-Peter Wolf: Jemand, der in einem Gefängnis verhungert ist und diesen Hungertod während der Rückführung miterlebt, kriegt plötzlich ein anderes Verständnis für das Körpergefühl, das er im Jetzt hat. Ich habe so eine Rückführung mit einem esssüchtigen Mann gemacht. Ich glaube, er war dabei, sich totzufressen. Ein gebildeter, intelligenter Mann. Er wusste natürlich genau, was geschah. Er aß auch nicht aus Lust, sondern mit dem Gefühl von Angst.
Die Rückführung hat ihm erklärt, was mit ihm geschieht. Wenn jetzt diese Angst kommt, weiß er, dass sie zweihundert Jahre alt ist und dass er im Jetzt nicht verhungern wird. Vielleicht hilft es ihm, das nächste Steak stehen zu lassen.

Interviewer: Das hilft wirklich?

Klaus-Peter Wolf: Ich sage nicht, Rückführungen helfen jedem und allen in allen Lebenslagen, ich sage, ich habe einige Male erlebt, dass so etwas wirklich geholfen hat, weil andere Therapien zu kurz griffen. Denn, welche Therapieform Sie auch wählen, sie erreichen doch alle nur die Zeit bis zur Geburt. Hat die Traumatisierung früher stattgefunden, greifen diese Therapien zu kurz.

Interviewer: Muss man an Rückführungen und frühere Leben glaube, damit solche Therapien Erfolg haben?

Klaus-Peter Wolf: Nein, man muss ja auch nicht an Aspirin glauben, damit es wirkt. Für mich ist auch nicht bewiesen, dass es frühere Leben gibt. Es kann genauso gut sein, dass im Zustand der Rückführung, dieser tiefen Entspannung die Seele dem Menschen Bilder zeigt, die ihm seine Situation erklären. Ihm die Möglichkeit geben, einen roten Faden in seinem Leben zu finden. Es geschieht während der Rückführung etwas Heilendes. Ob das nun aus einem früheren Leben ist oder nicht, spielt ja kaum eine Rolle. Das ist eher eine Glaubensfrage.
Ich habe z.B. eine junge Frau zurückgeführt, die in ihrem jetzigen Leben sehr aktiv ist. Sie macht Kampfsport, Judo, Karate, ist ein eher harter Typ. Aber sie hat ein Problem: Sie kann nicht Zugfahren. Schon wenn sie in die Nähe eines Bahnhofs kommt, steigt Panik in ihr auf. Sie schämt sich deswegen, denn sie möchte doch so gern die coole, toughe Frau sein, und es passt überhaupt nicht dazu, nicht Zugfahren zu können. Sie erlebt im Zug aber eine Art körperlichen Zusammenbruch, als gehe es um Leben und Tod.
Bei der Rückführung landete sie augenblicklich in einem vollgestopften Einsenbahnwaggon. Es war ein Judentransport. Sie wussten nicht, wohin sie gebracht wurden, nur, dass ihnen etwas Schreckliches geschehen würde.
Wundert es Sie, dass diese Frau im jetzigen Leben Panikattacken kriegt, wenn sie in einen Zug steigen soll? Vielleicht ist das alles wirklich geschehen, vielleicht zeigt die Seele ihr auch nur, was sie innerlich erlebt, wenn sie in einen Zug steigt.

Interviewer: Hat die Rückführung der Frau genutzt?

Klaus-Peter Wolf: Sie fährt jetzt wieder Zug. Sie kann es. Besonders gut geht es ihr dabei aber immer noch nicht. Alte Erinnerungen brechen auf.

Interviewer: Der Titel Ihres Romans ist Karma-Attacke. Was bedeutet das eigentlich genau?

Klaus-Peter Wolf: Manchmal erleben Menschen eine Karma-Attacke, wenn etwas Altes, Unbearbeitetes, in ihnen aufsteigt und nach ihrer Seele greift. Für die junge Frau, von der wir gerade sprachen, geschieht innerlich so ein Angriff, wenn sie einen Bahnhof betritt. Wenn also frühere Erlebnisse in unser jetziges Leben hineinwirken, ja, plötzlich dominant werden, dann kann man von einer Karma-Attacke sprechen. Fast jeder Mensch kennt diesen Zustand, meist ohne das Wort zu kennen. Er nimmt sich dann ein paar Tage Urlaub, Tabletten, kriegt irgendwie die Krise. Manch einer säuft sich bloß einen, andere lassen sich scheiden, toben herum, flippen aus. Ich glaube, die Arztpraxen sind voll von Menschen, die eine Karma-Attacke erleben. Meistens kriegen sie Beruhigungstabletten.

Interviewer: In dem Roman treffen Menschen aufeinander, die noch eine Rechnung offen haben. Sie fechten im Jetzt aus, was früher begann …

Klaus-Peter Wolf: Ja. Und das ist für mich ein wunderbar aufregender Stoff. Das Leben findet auf zwei Wirklichkeitsebenen statt. Im Grunde ist dies übrigens kein Bruch mit meinen früheren Büchern, sondern nur eine Fortsetzung. Ich habe mich immer, auch in dem von Ihnen erwähnten Roman Traumfrau, mit der menschlichen Seele und den Abgründen der menschlichen Seele, beschäftigt. Das tue ich auch in Karma-Attacke. Nur diesmal geht es noch eine Etage tiefer. Ich nutze all diese Erfahrungen und Möglichkeiten, um einen Psychothriller zu erzählen. Etwas anderes habe ich nie getan. Ich habe immer meine Stoffe genau recherchiert und dann daraus einen spannenden Roman gemacht.

Interviewer: Werden Sie jetzt Rückführungstherapeut werden?

Klaus-Peter Wolf: Nein, das habe ich nicht vor. Ich werde weiterhin Romane schreiben und Filme machen. Das ist mein eigentliches Handwerk. Ich versuche nur, sie so genau wie möglich zu recherchieren.

Interviewer: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Interview mit Esotera

Interview mit Esotera

Esotera: Herr Wolf, wie kommt ein erfolgreicher Schriftsteller wie Sie dazu, Reinkarnations-Therapeut zu werden?

Wolf: Eigentlich wollte ich eines für mich herausfinden: Ich wollte wissen, ob es möglich ist, dass man schon einmal gelebt hat und eventuell wiedergeboren wird. …

Esotera: Gab es dazu einen konkreten Anlass?

Wolf: Ja, es gibt zwei traumatische Erlebnisse in meinem Leben: einen schweren Verkehrsunfall in meiner Kindheit und eine Herzoperation als Erwachsener. Beide Male hatte ich das Gefühl, mich von außen zu betrachten. Aufgrund dieser Träume war ich dann Klient mehrerer psychotherapeutischer Methoden. Doch nach einiger Zeit merkte ich, dass sie zu kurz griffen. Sie gingen alle nicht zurück bis vor die Zeit der Geburt. Sollte meine Annahme der Wiedergeburt stimmen, dann war das eigentlich auch kein Wunder: Wenn wirklich die Zwänge, Ängste und Konflikte, die ein Mensch hat, nicht nur aus diesem Leben kommen, sondern aus einem vorherigen, dann nutzen die herkömmlichen Therapien nichts. Die Spur wurde ganz woanders gelegt. Ich konnte zunächst mit niemandem darüber reden, dachte, die halten dich für verrückt und sperren dich weg. Gleichzeitig wollte ich mehr darüber wissen, das ist nun mal der Forschungsdrang des Romanschriftstellers, der die Weltverstehen will, um darüber schreiben zu können. Also nahm ich Kontakt auf zu Leuten, die sich schon länger mit diesem Thema befassten, und ließ mich von ihnen mehrere Male rückführen. Das faszinierte mich dermaßen, dass ich mich zum Reinkarnations-Therapeuten ausbilden ließ.

Esotera: In einer Therapiemethode, die nun nicht gerade das ist, was man »wissenschaftlich anerkannt« nennt …

Wolf: Wer heilt, hat Recht! Die Beweise haben mich nie interessiert, sondern die Möglichkeit der Heilung. Da ist es letztendlich auch völlig egal, ob man an Reinkarnation glaubt. Wenn die Heilung nicht deshalb funktioniert, weil es frühere Leben gibt, dann erfolgt sie doch mit Sicherheit dadurch, dass die Seele dem Menschen Bilder gezeigt hat, die er offenbar nötig hatte und die ihm geholfen haben. Heute kommen Menschen zu mir, die seit zehn, fünfzehn Jahren mit schweren Szene aus Wolfs preisgekröntem Film »Svens Geheimnis«seelischen Defekten herumlaufen und fast jede Art von therapeutischer Hilfe ausprobiert haben. Und oft ist es so: Wenn ich ihnen zeige, dass es einen roten Faden gibt, der vor ihrem Leben seinen Anfang nimmt, dann kommen sie besser klar. Ich sage dann in der Rückführung meistens, dass die Seele jetzt das Leben zeigen wird, in dem die Probleme begonnen haben.

Esotera: Haben Sie ein konkretes Beispiel für einen solchen Fall von »seelischer Spontanheilung«?

Wolf: Naja, von spontan kann nicht die Rede sein, es sind schon mehrere Sitzungen nötig. Ich half einmal einem Mann mit einer schweren Ess-Störung. Er war buchstäblich dabei, sich zu Tode zu fressen. In der Rückführung stellte sich heraus, dass er in einem früheren Leben in einen »Schuldturm« geworfen worden und dort qualvoll verhungert war. In seinem jetzigen Leben aß er also niemals mit Genuss, sondern aus Angst, dieses Schicksal würde sich wiederholen. Durch die Rückführungen wurde ihm klar, dass dies alles dreihundert Jahre her war und er heute keine Angst mehr zu haben brauchte. Sein Leben hat sich geändert. Natürlich hat er immer noch Ernährungsprobleme. Die sind aber bei weitem nicht mehr lebensbedrohlich. Darüber hinaus glaube ich, dass viele Menschen, die wegen Wahnvorstellungen in den Psychiatrien einsitzen, in Wahrheit geflutet werden von Erlebnissen aus früheren Leben, die sie nicht einordnen können und die ihnen Angst machen.

Esotera: Wie sieht eine Rückführung in der Praxis aus?

Wolf: Es gibt die vier Methoden: die Zuhilfenahme von Drogen, die Hypnose, das holotrope Atmen und die Tiefenentspannung. Ich habe mich für die Letztere entschieden, denn hier ist der Klient mit vollem Bewusstsein dabei, aber die Gefühle und die Bilder, die er sieht, werden weniger vom Verstand kontrolliert. Bei dieser Art der Rückführung wird auch viel gelacht, weil die Sinne immer noch voll aktiv sind. Ich leite den Menschen dazu an, sich gewisse Sachen genauer anzusehen. Vor allem aber ist mir wichtig, ihm die Angst zu nehmen, Thriller über die Abgründe des Menschen denn oft erleben die Menschen Schlimmes. Wenn zum Beispiel jemand sein eigenes Sterben noch einmal durchmacht, dann gehe ich mit ihm so lange weiter, bis er seine Geburt in einem anderen Leben erfährt. Allein durch dieses Erlebnis bewegt sich mancher heute wesentlich angstfreier und bewusster. Wer mitbekommen hat, das er auf dieser Erde wiedergeboren wird, geht mit ihr auch vollkommen anders um.

Esotera: Kann es bei dieser Art von Rückführung zu »therapeutischen Unfällen« kommen – beispielsweise, dass der Klient in einem Trauma stecken bleibt, dass vor ein paar Hundert Jahren geschah?

Wolf: Die Nebenwirkungen sind gering. Für die einen ist es so, als hätten sie in einem alten Fotoalbum geblättert, für die anderen war es eine Kinovorstellung. In jedem Fall ist jedoch etwas Hochspannendes passiert.

Esotera: Zurück zu ihrem eigentlichen Beruf, der Schriftstellerei. Wie schafft man es, so ungewöhnlich kreativ zu sein wie Sie?

Wolf: Schreiben ist für mich ein Ventil, um der nette, humorvolle und umgängliche Mensch sein zu können – der ich zweifelsohne bin. Vielleicht liegt es an einem früheren Leben, dass ich so viel zu erzählen habe. …

Interview zu Svens Geheimnis

Interview mit Klaus-Peter Wolf

„Interview zu Svens Geheimnis“

Wie haben Sie die Geschichte von »Svens Geheimnis« entwickelt? Gab es einen konkreten Anlaß?

Als Schriftsteller liebe ich es, auf Lesereisen zu gehen. Ich glaube, dass dies eine wesentliche Form der Literaturvermittlung ist. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass viele Schüler ein sehr klischeehaftes Bild von Schriftstellern haben. Die erwarten, dass man in Schlips und Anzug kommt, eher etwas langweilig ist und wenig Ahnung vom Leben hat. Ich habe mittlerweile 52 verfilmte Drehbücher geschrieben und wollte mit diesem Film einmal einen Schriftsteller bei seiner wirklichen Arbeit zeigen, nämlich auf einer Lesereise. Und so habe ich als Vorbereitung für diesen Film meine Eindrücke und Erlebnisse auf meinen Lesereisen notiert. »Svens Geheimnis« ist somit auch ein Film über die Literaturvermittlung eines Autors, und was er dabei an Schulen erlebt. Da ich auf Lesereisen normalerweise mindestens eine Woche in einer Stadt bin und viele Schulen besuche, hatte ich die Gelegenheit, morgens Schülern vorzulesen, mit ihnen zu diskutieren und dieselben Schüler nachmittags und abends am Hauptbahnhof zu beobachten, wie sie auf den Strich gehen. Das ist in Großstädten mehrfach passiert. Ich habe dann mit den Schülern und ihren Lehrern darüber gesprochen. In den Lehrerzimmern reagierten alle gleich. Angeblich hatten die Lehrer keine Ahnung von dem Doppelleben ihrer Schüler. Was ich aber nie geglaubt habe, denn dazu sind diese Menschen viel zu intelligent und kennen auch ihre Stadt zu gut. Später, wenn man sich näher kennenlernte und das Vertrauen wuchs, kamen oft Sätze wie der Direktor sie im Film sagt. Der Film ist keine Pädagogenschelte. Viele Lehrer, die ich für gute Pädagogen halte, haben vielmehr resigniert. Und das hat auch mit persönlichen Erfahrungen zu tun. In der Regel haben sie, wenn sie sich in das Leben ihrer Schüler einmischten, so sehr eins auf den Hut gekriegt, dass sie mittlerweile lieber wegsehen. Wenn der Lehrer zu Eltern sagt, ihre Tochter geht übrigens abends auf den Strich und ihr Sohn betätigt sich mit 14 als Zuhälter, dann reagieren die Eltern erst mal gegen den Lehrer. Das kann schon sehr bedrohlich werden.

Die Charaktere der Jugendlichen wirken sehr authentisch und lebensnah, ebenso wie ihre Sprache …

Wie in allen meinen Romanen und Filmen habe ich mir auch für »Svens Geheimnis« das Milieu und die Menschen sehr genau angesehen. Ich würde nie ein Buch oder einen Film über Menschen schreiben, die ich nicht kenne und über die ich nur was im »Spiegel« gelesen habe. Denn dann gelingt es nicht, die Figuren wirklich wahrhaftig und auch in ihrer Widersprüchlichkeit zu schildern. Natürlich gehört auch die Sprache dazu. Durch meine Lesereisen habe ich, wie gesagt, häufig kontakt zu Jugendlichen. Abgesehen davon, dass ich selber Kinder in dem Alter habe. Aber gerade in »Svens Geheimnis« steckt auch noch mehr drin. Ein sehr enger Freund sagte mir einmal, dass ich in dem Film zweimal vorkomme, einmal als der Schriftsteller Wolfgang Fischer und einmal als der kleine Sven. Daran ist was Wahres. Obwohl ich beide Figuren nicht wirklich in der Realität verkörpere, so einfach ist das nie. Aber in dieser irren Wut auf die Erwachsenenwelt und in der Auflehnung gegen sie, darin trägt Sven ganz viele Züge von mir.

»Svens Geheimnis« erzählt die düstere Geschichte von Jugendlichen, ohne zu pädagogisieren, auch ohne Lösungen anzubieten. Was war Ihnen bei dem Stoff wichtig zu erzählen?

Die Jugendlichen in »Svens Geheimnis« werden gerne als Außenseiter bezeichnet. Eigentlich sind das gar keine Außenseiter. Sie sind ein direkter Spiegel dessen, was in der Gesellschaft passiert. Ich glaube sehr an den Satz, dass jede Gesellschaft die Jugend hat, die sie verdient. Die Jugendlichen spiegeln im Grunde nur unser eigenes Verhalten wider. Das wird mir auch immer an den Reaktionen von Schülern auf den Film bewusst. Viele sind genau wie die Schulklasse im Film sehr davon betroffen, dass Vera Loewe ihren Schülern kostenlosen Nachhilfeunterricht anbietet und sich bedingungslos für sie einsetzt. dass man sich um sie kümmert, ohne Geld zu verlangen, das können die wenigsten verstehen, denn das bedeutet ja, dass hier nicht nur eine berufliche Aufgabe erfüllt wird, sondern dass noch ein anderer Grund dahintersteckt, dass man die Jugendlichen einfach mag. Das macht viele Jugendliche betroffen, weil sie das kaum noch erleben. Und parallel dazu kann die Erwachsenenwelt das ja auch nicht ohne weiteres akzeptieren. Auch die Lehrerkollegen werfen Vera Loewe vor, dass sie kostenlos Nachhilfestunden gibt. Das passt nicht in das übliche Schulsystem. Ich stelle die Situation einfach nur dar, so wie ich sie erlebt habe. Lösungen kann und will ich nicht anbieten, aber ich werfe Fragen auf. Ich will, dass man einfach genauer hinsieht, was ist denn da eigentlich los? Zum Beispiel am Anfang des Films, wenn man den kleinen Sven sieht, kriegt man auf die Jugend von heute Wut und möchte, dass dieser rotzfreche Bengel endlich zur Raison gerufen wird. Im Laufe des Films kommt man ihm immer näher und am Ende ist man im Grunde so weit, dass man ihn am liebsten adoptieren würde. Würden wir unsere Kinder lieben und mit ihnen anders umgehen, hätten wir den Ärger gar nicht, den wir oft haben. Ich glaube, das ist die Grundaussage, auf die man meine Bücher und Filme reduzieren kann.

Ist das auch Svens Geheimnis?

Ja. Das Geheimnis ist, dass dieser Junge brutal und böse aussieht, und dass man ihn nicht im Nachbarhaus wohnen haben möchte. Wenn man aber sein Geheimnis kennt, merkt man, dass die Gewalt eigentlich aus einer ohnmächtigen Wut geboren wird. Spätestens in der Szene, in der er mit dem Kopf gegen die Tür haut und hört, wie vernichtend seine Eltern gegenüber der Lehrerin über ihn reden, dann versteht man, was mit dem Jungen los ist. Man hat uns vorgeworfen, der Film habe eine unverschämte emotionale Wucht. Das stimmt, nur verstehe ich das nicht als Vorwurf. Die emotionale Kraft entsteht, wenn man tiefer in die Seelen solcher Kinder hineinguckt. Dann könnte man auch als Erwachsener anfangen zu heulen.

Im Grunde ist es ein Höllenszenario auf Erden, das sie schildern. Was bleibt da noch übrig, außer Hoffnungslosigkeit?

Kinder wie Sven und Swetlana werden nicht so geboren wie sie sind; es sind also tatsächlich Höllenszenarios, die sie dazu formen. Und diese Abgründe will ich zeigen, im Detail. Dazu braucht man nicht das Böse von Stephen King, das von irgendwo kommt, sondern das Böse kommt allein aus den zwischenmenschlichen Beziehungen. Indem ich da genauer hinsehe, kann ich auch die Wurzeln erkennen, aus denen bestimmte Handlungen resultieren. Und so hoffnungslos finde ich das dann gar nicht mehr. Denn wenn man die Wurzeln des Übels erkennt, dann hilft das schon ein Stück weiter.

Haben Sie den Film auch auf Ihren Lesereisen eingesetzt?

Erste Reaktionen auf den Film erfuhr ich auf einer Lesereise in Mecklenburg-Vorpommern. Eine Direktorin einer Schule bedankte sich ausdrücklich für den Film, der in ihrem Kollegium großen Widerstand hervorgerufen hatte. Doch dann sei plötzlich darüber gesprochen worden, was wirklich in den Klassen passiere. Es ist merkwürdig, dass wir Wirklichkeit erst dann als Wirklichkeit akzeptieren können, wenn sie durch das Fernsehen transportiert wird. Der Lehrer, der in der Klasse vor allen diesen Problemen steht, traut sich – wie Vera Loewe – nicht damit raus, weil die Geschichten ja wirklich so monströs sind. Dadurch, dass sie im Fernsehen gezeigt und diskutiert werden, kann man auch selbst darüber reden. Eine andere Lehrerin hat mir einen sehr bösen Brief geschrieben, wie ich dazu komme, ihre Geschichte zu verfilmen. Sie dachte, dass ihr Exmann mir alles verraten hätte. Ich kannte die Frau überhaupt nicht. Das zeigte mir aber, wie nah ich an der Wirklichkeit bin.

Und wie reagierten Jugendliche auf den Film?

Bis auf einen Jungen, der sehr aggressiv auf den Film reagierte, habe ich sehr viel Positives über den Film gehört. Viele fanden die Geschichte als wahrhaftige und ungeschönte Darstellung ihrer Situation. Oft war es so, dass keiner der Schüler etwas mit Drogen, Kriminalität oder Prostitution zu tun hatte. Aber viele kannten zum Beispiel die Situation, dass die Schwester die Mutter ersetzt weil die Eltern sich um ihre Elternrolle drücken, oder die Kinder vaterlos aufwachsen, und die Mutter überfordert ist. dass Kinder in die Rollen von Erwachsenen schlüpfen, also viel zu früh groß und stark sein müssen, das sprach viele an. Letztlich holen sich Jugendliche aus dem Film offensichtlich das raus, was sie in ihrem eigenen Leben am meisten bewegt. Aber es war manchmal nicht leicht, den Schülern klarzumachen, dass ich zwar auf Probleme von Jugendlichen hinweise, sie aber nicht lösen kann. Einzelne haben mir so viel Vertrauen entgegengebracht, dass sie mir ihre eigenen Lebensgeschichten erzählten. Das ist für mich nicht einfach gewesen, denn ich bin ja kein Sozialarbeiter und fahre nach der Lesung einfach weiter. Ich kann die Jugendlichen lediglich zu einem Lehrer bringen oder zu Sozialarbeitern, die ihnen hoffentlich helfen können.

Entsprach die Inszenierung des Films durch Regisseur Roland Suso Richter Ihren Vorstellungen?

Ich habe mir Roland Suso Richter als Regisseur gewünscht. Wir hatten schon einmal zusammen gearbeitet. Er hat das Drehbuch nach meinem Roman »Samstags, wenn krieg ist« verfilmt, und das war für mich beispielhaft. Wir haben auch das Drehbuch zu »Svens Geheimnis« intensiv besprochen. Ich halte Roland Suso Richter für einen hervorragenden Regisseur und würde gerne noch einmal ein Projekt mit ihm machen. Auch die Besetzung der Rollen finde ich ideal. Katharina Meinecke war genau die Vera Loewe, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Und die Kinderdarsteller Katharina Schüttler (Swetlana) und Christopher Erbslöh (Sven) halte ich für wirkliche Entdeckungen.

War der Film von Anfang an für ein jugendliches Publikum konzipiert?

Nein. Der Film ist von der Redaktion Fernsehspiel vom WDR produziert worden. Meine große Angst war, dass durch die jugendlichen Hauptrollen der Film als Kinder- oder Jugendfilm abgestempelt wird und damit auf einem Sendeplatz um 15 Uhr im Nachmittagsprogramm landet. Dann hätte ich aber die Geschichte nicht mehr erzählen können, die ich erzählen wollte. Die nächste Frage war dann, akzeptieren erwachsene Zuschauer Jugendliche in den Hauptrollen? Dass das eine Frage ist, die lange diskutiert wurde, sagt etwas aus über die Situation in diesem Land zwischen Erwachsenen und Jugendlichen und spiegelt sehr genau wieder, wovon der Film erzählt. Wenn der erwachsene Zuschauer, der 4-jährige, wenn es dem nicht zumutbar ist, einen Film zu sehen, in dem ein 13-jähriger die Hauptrolle spielt, dann frage ich mich, wieso sollen sich l3-jährige eigentlich immer Filme ansehen mit 50-jährigen Rechtsanwälten in der Hauptrolle? Aber das erwartet man völlig selbstverständlich. Der Film ist dann in der ARD-Reihe »Wilde Herzen« ausgestrahlt worden und ich denke, da hat er sehr gut reingepaßt. Die Einschaltquote war eine der höchsten in der Reihe; ich glaube es waren 8 ½ Millionen. Viele sind offensichtlich in den Film reingeswitcht und dringeblieben. Was will man mehr? Das zeigt aber auch, dass man Jugendliche nicht so leicht verarschen kann. Denn manchmal hat man mit der Zielrichtung auf die jungen Leute einen Film gemacht, weil man sie als Zuschauer haben wollte und geheuchelt, sie als Hauptfiguren ernst zu nehmen. Das kriegen Jugendliche mit.

Schreiben Sie eher für ein jugendliches Publikum als für Erwachsene?

Ich habe viele Romane für Erwachsene geschrieben, aber ich auch gelte als einer der meistgelesenen Jugendbuchschriftsteller deutscher Sprache.

In der Branche ist das Etikett »Jugendbuchschriftsteller« häufig nicht besonders beliebt.

Das stimmt. Kinder- und Jugendbücher, oder auch Kinder- und Jugendfilme gelten in den jeweiligen Branchen nicht viel. Das geht so weit, dass man für Kinder- oder Jugendfilme weniger Geld zur Verfügung hat, was dem Film nicht bekommt, weil man das am Ende auf dem Bildschirm auch sieht. Als Autoren bekommt man sogar weniger Honorar, wenn man Jugendbücher schreibt. Und in der Literaturszene ist man als Jugendbuchschriftsteller auch abgestempelt. Da gilt das Vorurteil, das sind doch die, die nicht gut genug sind, um für Erwachsene zu schreiben. Auch dieses Denken spiegelt unseren Umgang mit Kindern und Jugendlichen wider und wie ernst wir sie nehmen. Ich kann nur sagen, für mich haben die eigentlichen literarischen Ereignisse der letzten zwanzig Jahre in der Kinder- und Jugendbuchliteratur stattgefunden und keineswegs im Erwachsenen Bereich.

Holger Bloem fragt bei Klaus-Peter Wolf nach

Holger Bloem fragt bei Klaus-Peter Wolf nach

„Ostfriesland ist ein Sehnsuchtsort“

Holger Bloem: Sie zählen zu den erfolgreichsten Schriftstellern deutscher Sprache. Ihre Romane stürmen regelmäßig die SPIEGEL-Bestsellerliste, Tausende Fans fiebern dem Erscheinen des nächsten Romans entgegen …Erzählen Sie uns doch mal von den Anfängen. Wie begann das alles?

Klaus-Peter Wolf: Meine erste Geschichte veröffentlichte ich mit vierzehn Jahren. Es war eine Geschichte über meinen saufenden Vater. Ich war verzweifelt und habe meinen Frust runtergeschrieben.

Holger Bloem: Schreiben als Therapie?

Klaus-Peter Wolf: Wenn Sie so wollen, war es das damals bestimmt. Es traf aber offensichtlich den Nerv vieler Menschen, denn so pervers war ich ja nicht, dass meine Sorgen und Probleme nur meine Sorgen und Probleme gewesen wären. Viele meiner Generation kannten das auch. Wir hatten mit einer rollenunsicheren Vätergeneration zu tun. Der Krieg war vorbei, sie hatten die Erlebnisse natürlich nicht verarbeiten können und viele betäubten sich mit Alkohol.

Die Geschichte wurde vielfach nachgedruckt. Ich trug sie immer wieder bei Veranstaltungen vor. Ich ging damals in Gelsenkirchen zum Grillo-Gymnasium, machte bei einer Schülerzeitung mit, die verboten wurde. Schließlich gab ich ein eigenes Blatt heraus, das außerhalb der Schule verteilt wurde und von Anzeigen lebte. Ich war zwar Schüler, fühlte mich aber als Berichterstatter.

Holger Bloem: Hatten Sie nie einen anderen Plan als den, Schriftsteller zu werden?

Klaus-Peter Wolf: Ich ging ohne Plan B ins Leben. Ich hatte aber nicht das Gefühl, Schriftsteller werden zu wollen, sondern einfach, einer zu sein. Es kommt darauf an, im Leben herauszufinden, wer man ist und das dann mit allen Konsequenzen zu leben. Ich glaube, ich wäre in jedem anderen Beruf unglücklich geworden. Ich hatte nie eine Alternative. Ich wollte nicht Schriftsteller werden, um reich zu sein oder gar berühmt. Ich wollte meine Geschichten erzählen.

Mein erstes Buch erschien dann, als ich siebzehn war. Der Maler und Holzschneider Horst Dieter Gölzenleuchter hatte Bilder zu meinem Buch gemacht und es in seinem kleinen Verlag herausgebracht. Alles mit der Hand gedruckt und dann selbst zusammengeheftet.

In der FAZ erntete das Buch einen furchtbaren Verriss. Meine Lehrer lasen das und auch meine Klassenkameraden. Mein größter Triumph wurde schnell zu meiner größten Niederlage. Ich wurde verspottet und verlacht.

Gölzenleuchter und ich sind immer noch Freunde. Wir treffen uns regelmäßig und heute lachen wir über die Dinge, die uns damals gewürgt haben.

Holger Bloem: Hatten Sie Vorbilder?

Klaus-Peter Wolf: Ich geriet sehr schnell unter den Einfluss schreibender Arbeiter im Ruhrgebiet. Max von der Grün, Josef Büscher, Richard Limpert. Für uns alle sehr wichtig war damals der Lyriker Hugo Ernst Käufer, der uns immer wieder in die Literarische Werkstatt einlud, wo wir unsere Texte miteinander diskutierten. Da ging es oft hoch her. Ich fand das total spannend und stellte meine Texte gern dort zur Diskussion.

Ich verdanke diesen Leuten sehr viel. Ich habe unendlich viel von ihnen gelernt.

Phillip Wiebe und seine Frau hatten damals eine kleine Agentur, die Kurzgeschichten verkaufte und auch Heinrich Böll und Siegfried Lenz vertraten. Die haben damals meine Geschichten aufgenommen und den Zeitungen und Radiosendern angeboten. Ich war vierzehn oder fünfzehn Jahre alt und wurde von diesen Leuten ernst genommen.

Damals gab es unter den Bergarbeiterschriftstellern einen festen Satz: Wer schreibt sich als erstes frei?

Die haben ja tagsüber unter Tage gearbeitet und ihre Texte in der Freizeit verfasst. Ein Leben als freier Autor, danach strebten sie alle. Nur einige wenige wie Max von der Grün haben es geschafft.

Holger Bloem: Und Sie ebenfalls.

Klaus-Peter Wolf: Ja, das stimmt. Ich habe rechtzeitig nichts Anständiges gelernt und alles auf diese eine Karte gesetzt.

Holger Bloem: Konnten Sie gleich vom Bücher schreiben leben?

Klaus-Peter Wolf: Nein, natürlich nicht. Die besten Honorare bekam ich damals vom Fernsehen. Ich bin, glaube ich, verantwortlich für mehr als hundert Stunden Fernsehen. Es waren sicherlich nicht die schlechtesten Fernsehstunden. Lange Zeit liefen meine Stücke um 20.15 Uhr. Viele „Tatorte“, „Polizeiruf 110“ oder auch einzelne Fernsehfilme wie „Svens Geheimnis“, „Weil ich gut bin“ oder der Thriller „Ein tödliches Wochenende“.

Holger Bloem: Typisch für Ihre Kriminalromane ist der rasante Wechsel zwischen Lachen und Grusel, Situationskomik und Gänsehaut.

Klaus-Peter Wolf: Beim Film lernte ich Dinge, die auch in meinen Romanen wichtig sind: schnelle Szenenwechsel, Bilder im Kopf des Lesers entstehen lassen und eine klare Dialogführung. Ich nutze das Grauen als Fallhöhe fürs Lachen und das Lachen dann als Fallhöhe fürs Grauen. So entsteht eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Holger Bloem: Man sagt, Ihre Ostfriesenkrimis seien characterdriven. Können Sie damit etwas anfangen?

Klaus-Peter Wolf: Ja, ich denke, das stimmt. Eine spannende Handlung mit langweiligen Figuren ist für mich nicht denkbar. Nur aus spannenden Figuren entstehen spannende Geschichten. Jeder trägt die Hölle in sich und wenn sie ausbricht, ist sie eben da.

Ich muss meine Figuren ganz genau kennen. Sie bewegen sich zwischen ihrer größten Angst und ihrer größten Sehnsucht. Und ich weiß immer, wo sie gerade stehe und wohin sie weitergehen.

Holger Bloem: Deswegen möchte man beim Lesen Ihrer Bücher manchmal eine der Figuren anrufen und sagen: Tu das nicht, das ist ein Fehler!

Klaus-Peter Wolf: Ja, bei mir weiß der Leser immer ein bisschen mehr als die handelnden Figuren. Er ahnt also, dass sie ins Verderben laufen.

Holger Bloem: Hat Ihre Hauptfigur Ann Kathrin Klaasen mit Ihnen viel gemeinsam?

Klaus-Peter Wolf: Sie ist jünger als ich und eine Frau. Aber es gibt viele Gemeinsamkeiten. Genau wie ich wurde sie in Gelsenkirchen geboren und ging dort zum Grillo-Gymnasium. Dann hatte sie eine Zeit in Köln und im Westerwald, bevor sie an die Küste kam. Sie ist mir von der Mentalität nah, das Bodenständige aus dem Revier, die rheinische Leichtigkeit – nie würde sie nach unten treten, aber dafür kann sie gnadenlos mit denen da oben umgehen.

Sie hat wie ich den Blick von außen auf die Ostfriesen, kann also über Dinge staunen, die ein Ur-Ostfriese selbstverständlich findet. Sie ist die Verhörspezialistin der ostfriesischen Polizei und hat einige Serientäter zur Strecke gebracht. In ihrer Freizeit sammelt und liest sie Kinderbücher und auf Flohmärkten ist sie hinter signierten Exemplaren ihrer Lieblingsautoren her. Ich finde, das erzählt viel über sie.

Holger Bloem: Sie spricht auch mit ihrem Auto, wenn es nicht anspringt oder redet einem Bankautomaten gut zu, wenn er nicht funktioniert.

Klaus-Peter Wolf: Ja, sie hat schon eine besondere Sicht auf die Welt.

Holger Bloem: In Ostfriesenfeuer haben Kommissar Weller und Ann Kathrin Klaasen geheiratet. Ist auch das eine Parallele zwischen Ihnen und Ihrer Figur?

Klaus-Peter Wolf: Ja. Meine Frau, die Kinderliedermacherin Bettina Göschl und ich, wir haben im Teemuseum in Norden mit einer Teezeremonie geheiratet und genau das tun Weller und Ann Kathrin Klaasen in Ostfriesenfeuer auch.

Holger Bloem: Ist das Leben eine Art Steinbruch für Ihre Romane?

Klaus-Peter Wolf: Das kann man so sagen. Ich wollte von Anfang an ein großes Gesellschaftspanorama schreiben, angelegt auf viele tausend Seiten, in dem unsere Ängste, unsere Sehnsüchte, unsere Sorgen, der ganze Wahnsinn, der uns umgibt, nicht erklärt wird, wohl aber erzählt.

Holger Bloem: Und für dieses Gesellschaftspanorama wählten Sie ausgerechnet den Kriminalroman?

Klaus-Peter Wolf: Ja. Keine Literatur ist so wirklichkeitshaltig wie die Kriminalliteratur. Sie erzählt von den Abgründen der menschlichen Seele, von dem Riss, der durch die Gesellschaft geht. Ich selbst habe über fremde Länder, zum Beispiel über Schweden oder die USA, mehr durch Kriminalromane gelernt, die dort geschrieben wurden als durch soziologische Studien. Außerdem waren die Kriminalromane im Regelfall auch unterhaltsamer und visionärer.

Krimileser sind ein sehr kritisches Publikum. Die glauben ja erst mal gar nichts, sondern wollen einen Sachverhalt überprüfen, eine Motivlage erkennen, einen Täter überführen. So habe ich die erzählerische Möglichkeit, ein Kaleidoskop von Personen und Persönlichkeiten auszubreiten.

Holger Bloem: Wenn man alle Ihre Romane nebeneinander legt, hat man dann am Ende eine Art Spiegelbild unserer Gesellschaft?

Klaus-Peter Wolf: Im Glücksfall eher eine Röntgenaufnahme.

Holger Bloem: Viele Ihrer Figuren gibt es wirklich. Den Maurer Peter Grendel, Monika Tapper vom Café ten Cate und …

Klaus-Peter Wolf: Sie selbst sind ja auch eine Figur aus meinen Büchern.

Holger Bloem: Ja, und ich werde immer häufiger darauf angesprochen.

Klaus-Peter Wolf: Wenn man Kriminalromane liest oder Krimis schaut, kann man feststellen, dass neue Klischees entstanden sind. Handwerker sind entweder Betrüger oder sie kommen gar nicht oder sie machen nur Mist. Und Journalisten sind eine geifernde Meute, die jeder Polizist am liebsten nur loswerden will. Das ist längst zum Klischee geworden. Damit wollte ich brechen, denn es gibt ja auch den guten, ehrlichen Handwerker, der stolz auf seine Arbeit ist und damit seine Familie ernährt. Den wollte ich erzählen. Und den Journalisten, der einen guten, ehrlichen Job macht.

Zum Glück kenne ich solche Menschen wie Sie und Peter Grendel.

Ich ging also zu Peter Grendel hin und fragte: Darf ich dein Leben fiktionalisieren und aus dir eine literarische Figur machen?

Er war einverstanden. Wie schön!

Holger Bloem: Wenn ich mich nicht irre, ist diese Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit einzigartig in der deutschen Literatur.

Klaus-Peter Wolf: Mag sein. Bei mir stimmt ja alles. Es gibt alles wirklich: Die Orte, die meisten Menschen, jedes Restaurant, jedes kleine Geschäft. Aber den Mordfall habe ich immer erfunden, denn ich glaube, dass die Leser sich besser unterhalten fühlen, wenn sie wissen, dass das Opfer nicht wirklich leiden musste.

Holger Bloem: Sie schreiben Ihre Bücher mit einem Füller in ein Heft. Warum?

Klaus-Peter Wolf: Nun, ich liebe, was ich tue und ich mache es so, wie es mir am meisten Spaß macht. Ich schreibe mit schwarzer Tinte in ein Heft und wenn es gut läuft, habe ich das Gefühl, dem Füller beim Schreiben zuzugucken und ich lese voller Aufregung die spannende Geschichte, die mir erzählt wird. Das ist ein wunderschöner Prozess, ja, man kann hier auch von Glücksmomenten reden. Ich esse dabei viel Schokolade, trinke Kaffee oder Tee, esse manchmal ein Stück Apfelkuchen. Alkohol oder irgendwelche Drogen nehme ich nicht, wenn man Kaffee und Tee mal nicht unter Drogen subsummiert. Ein klarer Kopf ist mir beim Schreiben sehr wichtig.

Holger Bloem: Wo schreiben Sie am liebsten?

Klaus-Peter Wolf: Gern bei mir zuhause im Strandkorb auf der Terrasse. Aber weil ich viel unterwegs bin, oft auch in Intercityzügen, in Hotelbetten und gern in Cafés. Bei ten Cate in Norden gibt es zum Beispiel eine Ecke, in die ziehe ich mich gerne zurück und schreibe. Am Schreibtisch sitze ich praktisch nur, wenn ich meine Steuererklärung machen muss oder Korrespondenzen beantworte.

Holger Bloem: Sie lesen alle Ihre Romane selbst als Hörbücher ein.

Klaus-Peter Wolf: Ich liebe es, das zu tun. Am Anfang dachte ich, vielleicht sollte es ein „Tatort“-Kommissar machen oder so. Aber dann hat mein Produzent Ulrich Maske einige öffentliche Veranstaltungen von mir miterlebt. Er sagte: „Du musst das selber einlesen, Klaus-Peter. Du lieferst eine ganz eigene Interpretation deiner Figuren.“

Holger Bloem: Sie verleugnen dabei nicht, dass Sie aus dem Ruhrgebiet kommen.

Klaus-Peter Wolf: Nein, natürlich nicht. In der Straße, in der ich wohne, sind überhaupt nur noch Peter und Rita Grendel aus Ostfriesland. Die anderen sind Zugereiste aus dem Ruhrgebiet. Das ist hier ein Sehnsuchtsort für viele Menschen. Manchmal geht der Riss durch die Person. Kommissar Rupert zum Beispiel hat eine Mutter aus dem Ruhrgebiet und einen Vater aus Ostfriesland. Wenn er sich seiner Mutter näher fühlt, spricht er fast Jürgen von Manger. Wenn er innerlich näher bei seinem Vater ist, kommt das Norddeutsche mehr zum Ausdruck. Ann Kathrin Klaasen spricht halt wie jemand, der im Ruhrgebiet zur Schule gegangen ist und dann lange im Rheinland gelebt hat. Die Sprachmuster der Menschen sind vielschichtig. Nur, weil ich Ostfriesenkrimis schreibe, müssen nicht alle reden wie Otto Waalkes.

Holger Bloem: Warum haben Sie ausgerechnet Ostfriesland als Spielraum für Ihre Romane gewählt?

Klaus-Peter Wolf: Ich suche das Unverwechselbare. In der globalisierten Welt, in der es so viele Ketten gibt von Kaufhäusern, Schnellrestaurants und – ach …Da sehen doch langsam die Innenstädte gleich aus. Ich weiß gar nicht, bin ich jetzt in Frankfurt, in München oder in Zürich? In der ältesten ostfriesischen Stadt, Norden, gibt es wundervolle Cafés. Ten Cate, Remmers, Grünhoff oder das Kehre wieder. Überall riecht es anders, schmeckt es anders und genau das beschreibe ich.

Außerdem hat die Gegend hier etwas seht Mystisches. Viele sind ja noch Nachfahren alter Piraten.

Es gibt den Wechsel der Gezeiten, Ebbe und Flut, und es gibt eine klare Trennungslinie, an der man sich orientieren kann: den Deich. Wenn er gut und fest gebaut ist, bist du dahinter sicher. Und auf der anderen Seite des Deiches, da beginnt die Gefahr, da lauert unter Umständen sogar der Tod.

Die Landschaft ist in meinen Büchern wie ein Protagonist der Handlung.

Holger Bloem: Deshalb sagen manche Leute, Ihre Romane seien Regio-Krimis. Ärgert Sie das?

Klaus-Peter Wolf: Nein, obwohl ich natürlich die Tendenz darin erkenne, etwas abzuwerten. Aber gute Kriminalliteratur ist immer ganz klar in Zeit und Raum verortet. Alle internationalen Kriminalschriftsteller, die sich durchgesetzt haben, arbeiten so. Henning Mankells Bücher spielen in Ystad, Ian Rankins Bestseller spielen im Grunde alle in Edinburgh und da noch in einem bestimmten Stadtteil. Trotzdem würde denen niemand vorwerfen, Regionalkrimis zu schreiben.

Der Spielraum meiner Kommissare ist viel größer. „Ostfriesenfalle“ beginnt zum Beispiel in New York, endet dann aber auf Borkum. Vielleicht ist das auch ein typisch deutsches Problem. Ich erinnere mich gerade an einen Buchhändler in Baden-Württemberg, der mit erklärte, er könne meine Krimis unmöglich in seinem Laden gut verkaufen, schließlich stünde da Ostfriesland drauf und viele seiner Kunden seien ja noch nie dort gewesen. Er erzählte das vor einem großen Plakat, auf dem für Islandkrimis geworben wurde, die zu einer Pyramide in der Mitte des Ladens aufgebaut waren. Er musste dann selber grinsen, als ich darauf zeigte.

Inzwischen habe ich in seiner Buchhandlung einen eigenen Tisch.

Holger Bloem: Man sagt Ihnen ein sehr intensives, ja komplizenhaftes Verhältnis zu Ihren Lesern nach. Viele sind sogar mit Ihnen auf Facebook befreundet und nehmen zum Teil lange Anreisen auf sich, um Ihre Veranstaltungen zu erleben. Wie erklären Sie sich das?

Klaus-Peter Wolf: Ich bin ein glücklicher Autor, der wirkliche Stammleser hat, richtige Fans, die jedes Buch gelesen haben und sich bereits auf das nächste freuen. Ich fühle mich mit ihnen tief verbunden. Die haben einige tausend Seiten meines Werkes gelesen. Jedes Buch ist so etwas wie ein langer Brief, den ich an meine Leser schreibe. Meine größte Angst ist es immer, mit dem nächsten Roman könnte ich sie enttäuschen. Ich wurde als Autor ja nicht von der Literaturkritik in den großen Feuilletons entdeckt. Ich wurde auch nicht mit Werbekampagnen „gemacht“, sondern ich wurde von den Lesern im Land entdeckt. Die gibt es wirklich. In meinem Fall hat so eine Flüsterpropaganda funktioniert. Der eine erzählt es dem anderen und plötzlich ist aus einer kleinen, fast verschworenen Lesergemeinde ein großer, lebendiger Zusammenhalt geworden.

Holger Bloem: Wann wird die große Literaturkritik Sie entdecken?

Klaus-Peter Wolf: Wenn die Kritiker ihre Kinder, Putzfrauen und Schreibkräfte mal fragen, was die denn so in ihrer Freizeit lesen …Ich sehe das sehr gelassen. Bei Simmel war es genauso. Wenn sein neuer Roman erschien, standen die Leute vor den Buchhandlungen Schlange und ich mit ihnen in einer Reihe. Je mehr Leser er hatte, umso mehr hat die Kritik über ihn gespottet, bestenfalls hat sie ihn ignoriert. Als Simmel dann achtzig wurde, haben sie sich im Grunde bei ihm entschuldigt – bis dahin habe ich ja noch ein paar Jahre Zeit.

Holger Bloem: Ihre Bücher sind Bestseller. Ihre Veranstaltungen oft Monate vorher ausverkauft. Viele Popstars würden sich freuen, wenn sie so von ihrem Publikum gefeiert würden wie Sie. Wie fühlt man sich als Autor in so einer Situation?

Klaus-Peter Wolf: Das geschieht ja nicht von heute auf morgen, so, als würde die Welt um einen herum explodieren, sondern das alles ist langsam gewachsen. Bei meiner ersten Veranstaltung in Leer hat die Stadt ihrem Namen alle Ehre gemacht …Heute ist das anders. Als die Bücher plötzlich wie aus dem Nichts in den Bestsellerlisten auftauchten und dann nach oben gearbeitet haben, da hatte ich zunächst das komische Gefühl, nicht zu genügen und ständig zu versagen.

Holger Bloem: Wie das denn?

Klaus-Peter Wolf: Naja, plötzlich erhielt ich hundertzwanzig bis hundertfünfzig Emails pro Tag. In Spitzenzeiten auch mal doppelt so viele. Das kann man gar nicht mehr alles lesen, geschweige denn beantworten. Ich versuche es natürlich, aber ich gehe dann jeden Abend mit dem Gefühl schlafen, es wieder nicht geschafft zu haben. Dabei ist das ganz wertvolle Post von Lesern, Einladungen zu Veranstaltungen und – ach …Wenn ich zuhause für meine Nachbarn und Freunde koche, dann bin ich kein Star, sondern nur der Depp, der gerade den Fisch versalzen hat …