Wenn ich an Hugo Ernst denke…

Wenn ich an Hugo Ernst Käufer denke, komme ich an die Wut der frühen Jahre. Wut auf ignorante Lehrer und auf meinen Vater, Wut auf die ganze, mich damals umgebende Erwachsenenwelt, von der ich mich drangsaliert und eingeengt fühlte.

Die Nachkriegsgesellschaft lag wie eine Wolldecke auf den Gesichtern der jungen Menschen, und wir konnten darunter kaum atmen. Es war 1968. Ich war 14. Irgendwo da draußen in den fernen Metropolen rumorte es. Aber auch in Gelsenkirchen, wo ich gerade Klassensprecher und anschließend Schulsprecher geworden war, gab es Lichtblicke. In der Schule unterrichteten nicht nur Lehrer, die uns, egal, in welchem Unterrichtsfach, erklärten, warum wir den Krieg eigentlich doch gewonnen hatten, sondern Beuysschüler waren da, wie der wunderbare van der Grinten, und schließlich, später, Johannes Stüttgen.

Aber noch bevor dies seine Kraft entfaltete, war einer da, der stellvertretende Leiter der Stadtbibliothek, ein Lyriker, der Autoren einlud, Schreibwerkstätten gründete, Lesungen veranstaltete und das Ganze „Literarische Werkstatt Gelsenkirchen“ nannte.

Ich besuchte einige dieser Veranstaltungen. Dort wurde viel geraucht und diskutiert. Intellektuelle reisten aus anderen Städten an, um dabei zu sein. Aber irgendwie, so spannend es für mich war, schmorte es im eigenen Saft. Es kamen doch immer die gleichen dreißig, vierzig Leute.

Hugo Ernst trug eine Brille, das Glas kam mir so dick vor wie das der Colaflasche, aus der ich so gerne trank, wenn ich es mir leisten konnte. Er nahm mich ernst, hörte sich meine Sorgen an und diskutierte mit mir eine Stunde, wenn es sein musste, über einen Halbsatz oder das richtige Wort. Er kleidete seine Kritik an meinen ersten literarischen Versuchen in Fragen. Das tat mir gut. Eine halbe Stunde bei Hugo Ernst brachte mich weiter als zwei Jahre Deutschunterricht.

Er war mutig, forderte das Experiment. In seinem Büro war eine Aufbruchsstimmung zu spüren. Und er zahlte mir das erste Honorar für eine Lesung: Fünfzig Mark.

Er organisierte die Lesungen nach einer Art Hitparaden-Prinzip. Es wurde abgestimmt, welcher Autor am besten war und der kam dann eine Runde weiter und las gegen die Sieger aus einer anderen Veranstaltung und so ging es Runde um Runde.

Dass ich dabei sein durfte, war unglaublich wichtig für mich. Es war die eigentlich große literarische Auszeichnung meines Lebens. Die Fünfzig Mark das wichtigste Honorar.

Plötzlich stand mein Name auf einem Plakat. Hugo Ernst gab mir ein paar davon und fragte, ob ich die nicht irgendwo aufhängen könne und ich solle doch auch ein paar Schüler zu der Lesung einladen.

Ich hängte die Plakate im Grillo-Gymnasium auf. Die Schülerzeitung Janus, bei der ich mitgearbeitet hatte, wurde gerade verboten und auch die Plakate hingen nicht lange. Ich hätte das Aufhängen vorher im Direktorzimmer genehmigen lassen müssen, was ich natürlich nicht getan hatte. Schon alleine aus Protest gegen das Verbot der Schülerzeitung.

Und dann die erste Lesung in der Literarischen Werkstatt. Hugo Ernst war begeistert, denn es kamen so viele junge Leute und die wollte er ja erreichen. Er strahlte, klopfte mir auf die Schultern: „Das hast du prima gemacht!“

Doch die Geister, die man ruft, wird man dann oft nicht mehr los. Natürlich spiegelte das Abstimmungsergebnis nicht unbedingt literarische Qualität wider, sondern war auch ein Solidaritätsverhalten der Schüler zu mir. Viele von ihnen wussten, dass ich gerade wieder die Androhung eines Schulverweises erhalten hatte, weil ich mich für ihre Interessen einsetzte. Ein Schüler, der dabei ist, sitzen zu bleiben, in Deutsch zwischen vier und fünf steht und wegen seiner renitenten Arbeit als Schülersprecher unter mächtigem Druck steht, den zum besten Autor des Abends zu wählen, war damals eine Selbstverständlichkeit für viele. Es war ein Protest gegen verknöcherte Strukturen.

Hugo Ernst sah es mit einem lachenden und einem weinenden Auge, weil einige Autoren nicht mehr bereit waren, mit mir zusammen aufzutreten. Sie hatten Angst, ohnehin niedergestimmt zu werden, egal, wie die literarische Qualität ihrer Texte war.

Aber draußen tobte eine Studentenrevolte. Rudi Dutschke kam nach Wattenscheid und diskutierte mit Johannes Rau. Getrieben von der unbändigen Lust, dabei zu sein, alles in mich aufzusaugen und schließlich zu Literatur zu verarbeiten, holte ich mir bei Hugo Ernst Unterstützung. Er redete mir ins Gewissen. Ich solle erst eine vernünftige Ausbildung machen und nicht einfach nur Schriftsteller werden. Ein wirklicher Schriftsteller sei einer, der nicht so gut unter Druck zu setzen sei, weil er einen Brotberuf habe und nicht vom Schreiben leben müsse.

Ich sah das anders. Hatte nicht gerade Max von der Grün seinen Brotberuf verloren, weil er einen großartigen Roman geschrieben hatte?

Wir stritten manchmal bis in die Nacht. Aber es war kein Streit, der irgendetwas kaputtmachte, sondern es war das Suchen nach dem richtigen Weg, und dann umarmten wir uns.
Ich spürte, dass Hugo Ernst sich Sorgen um mich machte, weil ich mich politisch immer mehr radikalisierte. In der Undergroundpresse wurden meine ersten Sachen gedruckt. Ich gründete eine eigene Schülerzeitung und bei jedem Schritte begleitete Hugo Ernst mich. Natürlich bekam ich auch Gedichte von ihm für mein Blatt.

In den Ausscheidungsrunden der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen stieg ich immer weiter auf. Hundertfünfzig Zuhörer an einem Abend waren inzwischen ganz normal, und da wurde nicht nur vorgelesen, sondern politisch gestritten um den richtigen Weg.
Es war eine herrliche, eine kraftvolle Zeit.

Schließlich, in der Endrunde, trat ich an gegen Kurt Küther, den damals schon sehr renommierten Arbeiterschriftsteller aus Bottrop. Die Lyrikerin Lieselotte Rauner war dabei, Josef Büscher, Richard Limpert, die Protestsängerin Fasia Jansen. Holzschnitte von Horst-Dieter Gölzenleuchter wurden verkauft. Das Dritte Fernsehprogramm (WDR) drehte mit, viele Zeitungen schickten Journalisten. Auch der legendäre Detlef Marwig stand Rothhändle rauchend und Altbier trinkend zwischen den Schülern. Hugo Ernst hielt eine Grundsatzrede über Schreiben und Beschreiben heute.

Ich gewann mit weitem Abstand. (Mein Honorar legte ich übrigens in Büchern der Ruhrgebietsautoren an, die ich mir stolz signieren ließ und dann kaufte ich für die damals unglaubliche Summe von zwanzig Mark einen Original-Gölzenleuchter. Ein Holzschnitt, der dann in meinem Zimmer hing. Schwarzweiß ersetzte mir das Blatt ein buntes Beatles-Poster, das vorher an der Stelle gehangen hatte.)
Am anderen Tag waren in den Zeitungen Bildmontagen, die ich als verletzend empfand. In Sprechblasen sagte ich Dinge, die ich in Wirklichkeit nie gesagt hatte. In manchen Blättern und Leserbriefen wurden die Schüler als Claqueure bezeichnet und Detlef Marwig brachte es auf den Punkt, indem er sagte, das Grillo-Gymnasium habe gewonnen.

Was aussah wie ein Triumph, entpuppte sich als sehr schwierige Situation, ja vielleicht gar als Niederlage. Ich glaube, Kurt Küther hat es mir nie verziehen. Immer wieder, wenn ich ihn in Radio- oder Fernsehrunden traf, sprach er es an. Es muss ihn damals sehr verletzt haben, dass so ein Schnösel den Wettbewerb gewann und nicht er.
Seitdem habe ich keine Lust mehr, mich an solchen Wettbewerben zu beteiligen. Selbst die Poetry-Slam-Geschichten haben für mich einen merkwürdigen Beigeschmack.

Damals hat Hugo Ernst mich getröstet und in langen Gesprächen mit mir die ersten öffentlichen Angriffe und Attacken aufgearbeitet. Das war sehr wichtig für mich. Da ich immer noch den Wunsch hatte, Berufsschriftsteller und nichts anderes zu werden – ich wollte nicht reich werden und auch nicht berühmt, ich suchte einfach eine mögliche Existenz als Schriftsteller -, machte Hugo Ernst mich mit Leuten bekannt, von denen er glaubte, sie könnten meinem Weg nützlich sein und ich solle mit ihnen diskutieren. Josef Reding, Volker W. Degener, Frank Göhre, Max von der Grün, Rainer Horbelt (mit dem ich später gemeinsam Theaterstücke geschrieben habe).

Hugo Ernst Käufer ist tot. Mit ihm ist einer meiner letzten Meister und Lehrer gegangen. Doch noch heute, wenn ich einen Roman schreibe, habe ich das Gefühl, sie schauen mir über die Schulter. Ja, manchmal höre ich sie Kommentare sprechen:
„Sag das nicht so umständlich.“
„Mensch, das versteht doch keiner.“
„Willst du hier Bildung vorführen oder hast du den Leuten was zu sagen?“
„Lass dich nicht ablenken. Erzähl deine Geschichte.“
„Bleib bei deinen Figuren.“
„Schreib wahrhaftig.“
„Sag nicht relevant, sag wichtig. Dich soll nicht nur der Professor verstehen, sondern auch seine Putzfrau.“

Kurz bevor ein Roman erscheint, wenn der Erwartungsdruck gerade besonders groß ist, dann weiß ich, dass ich mich schützen muss, denn ich tue etwas, das in diesem Land tabuisiert ist: ich bin erfolgreich und habe auch noch Spaß dabei.

Ich weiß inzwischen: je mehr Leser ein Roman findet, umso mehr Wadenbeißer werden nach mir schnappen. Wenn irgendwo in diesen fünfhundert Seiten ein Fehler zu finden ist, werden sie ihn mir um die Ohren hauen und wenn sie keinen finden, werden sie es ebenfalls tun, mit ihrer nackten Meinung. Im Internet hat dann auch jeder anonym drei Wurf frei.
Ich nehme diese Schattenseite des Erfolges wahr wie ein Hintergrundgeräusch. Wirklich wichtig ist für mich nach wie vor die Meinung meiner alten Meister. Wenn ich sie lachen höre und spüre, dass sie stolz auf mich sind, dann bin ich glücklich. Dann sehe ich den warmen Blick von Hugo Ernst, der lächelt, weil er stolz ist, dass sein Schüler es so weit gebracht hat. Max klopft mir auf die Schulter, Josef Büscher steht neben mir und ja, Mensch, dann geht es mir gut, mit dem Club der toten Dichter.