Begegnungen mit Max von der Grün

Bevor ich Max von der Grün persönlich kennen lernte, hatte ich bereits zwei seiner Bücher verschlungen: Irrlicht und Feuer und Fahrtunterbrechung. Ich wollte Romanschriftsteller werden und war auf der Suche nach Vorbildern. Max von der Grün war ein Held für mich, ebenso wie Hans Fallada, Heinrich Böll, und, ja, ich gebe es zu, ich mochte auch Johannes Mario Simmel. Aber die Bücher von Max berührten mich anders.

Ich kannte die Menschen, von denen er sprach, genau so waren sie, die Leute, zwischen denen ich im Ruhrgebiet aufwuchs. Dann kam es – ich glaube, in Witten – zu einem ersten Treffen. Bezeichnenderweise fand es auf einem Marktplatz statt, zwischen den Ständen. Links neben uns verkaufte einer Bratwürstchen, rechts neben uns Obst. In der Mitte dazwischen ein Tisch, auf dem Literatur angeboten wurde. Wir Autoren sollten dort lesen. Richard Limpert und Josef Büscher, die Bergarbeiterdichter aus Gelsenkirchen, hatten mich mitgebracht. Ich war siebzehn Jahre alt, gerade wieder mal dabei, auf dem Gymnasium sitzen zu bleiben und hatte erste Geschichten und Gedichte in Zeitungen veröffentlicht. Hier sollte ich jetzt lesen. Ich sah die Situation und schämte mich in Grund und Boden. Wer, bitteschön, sollte denn hier zuhören? Die Leute hasteten mit ihren Einkaufstüten vorbei, stritten sich lauthals über die Fußballergebnisse und Tauben pickten auf dem Boden die Krümel auf, die um den Abfalleimer verstreut lagen. Ich war sofort der Meinung, diese ganze Aktion könnte nicht gelingen, alles sei blödsinnig und müsse abgeblasen werden. Wir würden uns doch nur lächerlich machen. Nein, hier will uns kein Mensch zuhören.

Noch bevor ich ihn sah, roch ich den Tabaksqualm seiner Pfeife. Dann stand Max von der Grün neben mir. „Na, hasse Schiss?“, fragte er mich und ich bekam nicht mal einen vernünftigen Satz heraus, sondern brummte etwas wie: „Hmm.“ Kurze Zeit danach begann der von mir bewunderte Autor tatsächlich mit der Lesung. Er benutzte dabei ein Megaphon (kein Mikrophon, ich rede wirklich von einem Megaphon. So einer Flüstertüte mit einem ganz schrecklichen Klang) und Max las nicht irgendwelche kämpferischen Gedichte vor, die man den Leuten vielleicht im Vorbeigehen zuschreien konnte, oh nein. Er trug eine Erzählung vor. Ja, geschlagene zwanzig Minuten lang las er ohne großes Aufhebens von sich zu machen, fast ohne Gesten, ganz ruhig eine Erzählung.

Und das Unmögliche geschah: Menschen blieben stehen, hörten zu, stellten ihre Einkaufstüten neben sich auf den Boden und schon nach kurzer Zeit war Max gar nicht mehr zu sehen, so groß war die Menschentraube, die ihn umgab. Ein kleiner Junge fiel mir auf, der seine Mutter weiterzerren wollte, doch sie sah ihn streng an und zischte ihm ein „Pssscht!“ zu. Ich beobachtete den Jungen. Max las eine Erwachsenenerzählung. Ein bisschen traurig war sie und so gar nichts für Kinder, dachte ich. Doch nach kurzer Zeit hatte er auch die Aufmerksamkeit des Jungen. „Siehste, geht doch“, sagte Richard Limpert zu mir und stupste mich dann an, dass ich nun beginnen sollte. Und irgendwie schaffte ich es dann, zwischen Ohnmacht und Tagtraum eine Kurzgeschichte vorzulesen. Ein paar Leute gingen. Jeder Einzelne tat mir weh. Aber eins wog alles auf: Max blieb da, sog an seiner Pfeife und hörte mir zu.

Als wir fertig waren, sagte Josef Büscher: „Na, willzn Pils?“ Gemeinsam gingen wir vier in eine Kneipe und tranken im Stehen am Tresen. Irgendwie war das meine Feuertaufe als Autor und wir lachten, hatten Spaß miteinander, erzählten uns immer wieder von den Gesichtern einzelner Menschen. Ich hatte mir in meiner überheblichen Gymnasiastenart den Arbeiterdichter – so wurde Max oft genannt – ganz anders vorgestellt. Irgendwie ungebildeter. Aber er hatte während der Kriegsgefangenschaft Hemingway, Faulkner, Upton Sinclair, John Steinbeck, Jack London, B. Traven, Shakespeare und James Joyce gelesen und zwar in der Originalsprache. Autoren, die ich gerade in Deutsch für mich entdeckte. Er konnte Goethes Faust, mit einem Bier in der Hand, auswendig zitieren und zwar endlose Passagen lang.

Jeder gab mal eine Runde und als es am Ende ans Bezahlen ging, kramte ich wohl ziemlich lange in meinen Taschen, denn Max übernahm meinen Deckel. Er musste zurück nach Dortmund und ich mit Josef Büscher und Richard Limpert nach Gelsenkirchen. Wir waren mit öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen. Richard regte sich über die „unverschämten Fahrpreiserhöhungen“ auf. Als wir uns verabschiedeten, drückte Max von der Grün mir ein Fünfmarkstück in die Hand, einen sogenannten Heiermann. Max sagte kein Wort dazu. Ich spürte nur die Münze in meiner Hand brennen und als ich ihn darauf ansprechen wollte, guckte er mich so an, dass es mir unmöglich war, etwas dazu zu sagen. Ich vermute, er hatte Angst, ich könnte mir die Rückfahrkarte nicht leisten, denn ich hatte erwähnt, dass die Veranstalter uns ja ein Honorar versprochen, das aber nicht ausgezahlt hatten. Sie wollten jedem von uns fünfzig D-Mark überweisen und ich ließ den Satz fallen: „Bargeld wäre mir lieber gewesen.“

Diese fünf Mark waren damals sehr wichtig für mich. Es war so etwas wie ein Zeichen, dass ein großer Autor an mich glaubte. Und ich schwor mir, sollte ich es jemals schaffen und mich „freischreiben“, wie Josef Büscher und Richard Limpert es nannten, würde ich Max die fünf Mark zurückgeben.

Jahre später, ich war inzwischen fünfundzwanzig, gab es eine weitere Begegnung mit Max von der Grün, die ich nie vergessen werde. Ich war von dreizehn Autoren zum Geschäftsführer des ersten wirklich autoreneigenen Verlages der Bundesrepublik gewählt worden. Wir wollten mit dem Literarischen Verlag gegen die Bertelsmänner antreten und all den großen Buchfabriken zeigen, wie man richtig spannende Literatur macht. Leider überschätzten wir uns und unsere Fähigkeiten und ich musste dreizehn Monate später Konkurs anmelden. Ich hatte viel Geld verspielt, das mir nicht gehörte und dazu blieben 2,7 Millionen D-Mark Schulden an mir persönlich kleben. Eine, wenn man fünfundzwanzig Jahre alt ist, vollkommen unvorstellbare Summe. Viele Leute verloren Geld, unter ihnen auch einige Autoren, die für den Verlag gebürgt oder mir Geld geliehen hatten. Meine Frau war gerade schwanger, ich hatte die Wohnung verloren, weil wir, um aus Arbeit und Leben eine Einheit zu machen, alle gemeinsam im Verlagsgebäude wohnten, unsere Autos waren gepfändet und ein übereifriger Gerichtsvollzieher hatte sogar meine Schreibmaschine mitgenommen.

Einige Leute taten aber so, als sei ich ein abgezockter Hund, der mit jeder Menge Kohle durchgebrannt wäre, was nicht den Tatsachen entsprach. Man strengte sogar mehrere Gerichtsverfahren gegen mich an, das vermutlich originellste wegen Diebstahls eines Autorenporträts schwarzweiß. Ich war ganz unten angekommen. Das letzte, was ich nun verlor, war mein guter Ruf. In Leverkusen tagte der Schriftstellerverband und ich beschloss, hinzufahren. Es fiel mir unglaublich schwer. Ich hatte Angst davor, den Kollegen zu begegnen und doch wusste ich, dass ich mich dieser Situation stellen musste. Gerade jetzt, in der heißen Phase des Konkurses, in der so viele Gerüchte blühten. Ich kam ein bisschen zu spät und mit zittrigen Beinen ging ich ins Kongressgebäude. Ein Kollege, Rainer Horbelt, stand rauchend draußen vor der Tür und rief mir fröhlich zu: „Na, dass du dich hierhin traust! Du hast ja Nerven!“ Ich wäre am liebsten wieder umgekehrt und weiß nicht, woher ich den Mut nahm, doch reinzugehen, vorbei an ein paar Kollegen, einer klopfte mir auf die Schultern und sagte höhnisch: „Na, Klaus-Peter, Freigang in der JVA?“

Innen war ein Podium aufgebaut, auf dem Max zusammen mit anderen Autoren saß und eine politische Stellungnahme abgab, die aber völlig an mir vorbeirauschte, weil ich noch wie benommen von der Begrüßung draußen ziemlich weit hinten stand und mich nicht traute, nun durch die Reihen zu einem freien Platz nach vorne zu gehen. Da stand Max auf, verließ das Podium, lief mit offenen Armen auf mich zu, drückte mich an sich und rief: „Der Klaus-Peter! Schön, dass du da bist, Junge! Ich hoffe, du überstehst das alles. Dir bläst der Wind ja gerade gewaltig ins Gesicht.“ Er sagte noch viel mehr, aber das hörte ich nicht mehr. Seine Begrüßung, so laut, öffentlich, vor allen, die demonstrative Umarmung – das war wie ein Ritterschlag. Was sollte mir jetzt noch passieren? Wer wollte mich jetzt noch angreifen?

Dann gesellten sich andere Kollegen zu uns. Josef Reding kam, Herbert Somplatzki und Volker W. Degener. Ich traute mich gar nicht weg aus der Nähe von Max. Es war, als würde ich in seiner Aura von einer Art Schutzhülle umgeben. Ich war als Schwarzfahrer gekommen und hatte weder Geld, mich dort zu verpflegen noch für die Rückfahrt. Ich behauptete also in der Mittagspause, keinen Hunger zu haben, weil ich schon gegessen hätte. Max sah mich an, verzog den Mund und zischte: „Erzähl doch nicht so´n Scheiß!“ Dann bestellte er eine Mahlzeit für mich. Er tat das leise, unspektakulär, ohne irgendein Aufsehen zu erregen. Ich verstand, er wollte mir die Ehre lassen. Ich hätte ihm gerne die fünf Mark zurückgegeben, die ich ihm noch aus Witten schuldete. Doch von meiner Zeit als Schüler am Grillo-Gymnasium bis zu diesem Autorenkongress war es nicht gerade bergauf mit mir gegangen. Trotzdem verließ ich den Kongress irgendwie gestärkt. Als Sieger. Ein zweites Mal hatte seine Anerkennung mich gerettet.

Im Februar 1987 kam es dann zu unserem dritten, denkwürdigen, für mich unvergesslichen Treffen. Ich hatte mich mit Romanen als Autor etabliert und das Glück, fürs Fernsehen schreiben zu dürfen. Der Filmproduzent Günter Herbertz ließ mich ganze Serien entwickeln und ich war in der Lage, meine Schulden abzubezahlen. Es war nicht immer einfach, aber es ging mir gut und ich konnte mit meiner Kunst meine kleine Familie ernähren. Ich hatte mich „freigeschrieben“. Max von der Grün war auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Vorstadtkrokodile war zur Schullektüre geworden und Max ein international renommierter Autor, dessen Romane verfilmt wurden. Irrlicht und Feuer in der DDR, die anderen dann auch in Westdeutschland.

Ich stand zuhause und bügelte (ja, ich weiß, das hört sich lächerlich an) einen pinkfarbenen Rüschenrock meiner Tochter, als die Postbotin klingelte und mir ein merkwürdiges Telegramm brachte. Es kam aus Moskau und hatte 371 Worte. Angeblich war es von Dschingis Aitmatow und Michail Gorbatschow. Ich wurde darin zu einem Forum nach Moskau eingeladen, in dem es um die Erhaltung der Zivilisation und des Friedens auf Erden gehen sollte. Es las sich dramatisch. Die Welt stand an einem Abgrund (wer wollte das bezweifeln?), mitten durch Deutschland verlief eine schreckliche Grenze, die Weltmächte bedrohten sich gegenseitig mit Atomraketen, und es konnte jederzeit losgehen. Ein zufällig anwesender Freund sagte: „Wenn sie dich jetzt brauchen, um die Welt zu retten, Klaus-Peter, dann sieht es wirklich finster aus. Ich an deiner Stelle würde fahren.“ Aber ich war mir gar nicht so sicher, ob dieses Telegramm echt war. Kam es wirklich von Michail Gorbatschow und Dschingis Aitmatow oder machten sich nur ein paar besoffene Freunde von mir mit ihrem letzten Geld in Moskau kurz vor dem Heimflug einen Witz? Ich rief Max an.

Wie immer am Telefon meldete er sich erst mal bärbeißig und abweisend. Als er dann hörte, wer dran war, wurde er freundlich. Ich erzählte ihm von dem Telegramm und fragte ihn, was er davon hielt. Er selbst hatte auch vor wenigen Minuten so ein Telegramm erhalten und wusste es selbst noch nicht genau einzuordnen. Wollte uns da jemand im großen Stil reinlegen? Wir beschlossen, jeder einen anderen Kollegen anzurufen, um zu sehen, ob „die auch so etwas bekommen haben“. Wir machten eine kurze Liste der Kollegen, „die man bestimmt auch angeschrieben hat, wenn das echt ist.“ Ich rief Bernt Engelmann und Günter Wallraff an. Beide hatten auch so ein Telegramm erhalten. Die sowjetische Botschaft wusste von nichts, das Auswärtige Amt der Bundesrepublik hatte völlig andere Sorgen, aber Max erreichte Josef Reding und auch der Kollege hatte eine Einladung bekommen. Wir entschieden uns also dafür, dass es sich nicht um einen dummen Witz handelte und trafen uns wenige Tage später am Flughafen Köln-Bonn.

Nur Bernt Engelmann war nicht da. Er zog es wegen seiner Flugangst vor, mit dem Zug nach Moskau zu fahren. Aber es kamen auch noch andere, die wir nicht angerufen hatten, z.B. Lothar Günther Buchheim (Autor von Das Boot), die Schauspieler Maria und Maximilian Schell und Hanna Schygulla. Ein paar Wissenschaftler, die ich nicht erkannte, waren auch da. Die Wissenschaftler flogen zweiter Klasse, die Künstler erster Klasse. Das ließ sich ganz gut an, fanden Max und ich. Im Flugzeug dann wurde uns Schampus und Kaviar geboten. „Wenn wir so die Welt retten können, sind wir doch dabei“, grinste Max und zwinkerte mir zu. Wir saßen nebeneinander und wir waren beide schrecklich nervös. Wir begannen zu kapieren, dass man Künstler eingeladen hatten, die in der Sowjetunion sehr bekannt waren. Alle Autoren hier im Flugzeug waren ins Russische übersetzt worden und hatten dort große Auflagen. Hanna Schygulla war durch die Fassbinder-Filme in der Sowjetunion eine unglaublich bekannte Schauspielerin, Maria und Maximilian Schell kannte auch jeder.

Gemeinsam gingen wir ins Cosmos-Hotel. Petra Kelly (damals Bundestagsabgeordnete der Grünen) war auch da und Andrej Sacharow, den ich nur mit der Zusatzbezeichnung „Regimekritiker“ kannte. Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch kamen zeitgleich mit uns an. Peter Ustinov wollte einen ausgeben, das ging aber nicht, weil wir die Drinks an der Hotelbar nicht bezahlen konnten, schließlich waren wir geladene Gäste. Mir wurde ganz komisch, als neben mir auf der Toilette plötzlich Graham Greene stand und als Max und ich im Fahrstuhl hochfuhren, stieg mit uns Yoko Ono ein. Sie trug ein Kleid, das ein bisschen aussah, als hätte sie es auf dem Flohmarkt gekauft. Wir sahen uns an, grinsten, sagten aber beide nichts. Sie beschwerte sich darüber, dass ihr der Kaffee nicht schmeckte und als wir zu unseren Zimmern gingen, tänzelte Max plötzlich vor mir her und machte Yoko Ono nach. „Just wanna have a coffee.“

Ich erlebte die Tage wie im Rausch. Ich war nicht müde, ich kannte keine Uhrzeit und Max ging es genauso. Wir blieben immer auf Sichtkontakt, als müssten wir uns gegenseitig vergewissern, dass das hier gerade wirklich stattfand. Gorbatschow redete davon, dass es so nicht weitergehen könne und beschrieb uns eine Zukunftsvision, wie wir sie kühner kaum hätten träumen können. Die gigantischen finanziellen Mittel, die das Wettrüsten jetzt noch verschlang, sollten freigesetzt werden, um Hunger und Elend in der Welt zu bekämpfen, wodurch auch die Kriegsgefahren eingedämmt werden sollten. Es wurde ein offenes Wort gesprochen, freie Reden gehalten, niemand musste vorher ein Manuskript abliefern. Ich hatte im Westerwald an einer Luftballonaktion gegen Tiefflieger teilgenommen und war angezeigt worden, wegen Behinderung des Luftverkehrs über der Bundesrepublik Deutschland. Max fand, ich solle das thematisieren, das gehöre genau hierhin. Ich war unentschlossen, mich zu melden, bei all den Geistesgrößen glaubte ich, dass es mir gar nicht wirklich zustand, etwas zu sagen. Aber Max ließ mich auf die Rednerliste setzen und Engelmann führte seinen Vorschlag aus.

Als ich dann von der Luftballonaktion sprach, erntete ich spontanen Beifall von Peter Ustinov, der sofort begann, ein Bild zu malen, das ihn als riesigen Luftballon zeigte und er verkündete: „Keine Sorge, Klaus-Peter, wir lassen dich nicht hängen. Wenn der Prozess stattfindet, kommen wir alle.“ (Unnötig zu erwähnen, dass das Verfahren gegen mich auf dem Gnadenwege eingestellt wurde.) Gemeinsam mit Max besuchte ich das Bolschoi-Theater. Neben uns saß ein miesepetriger Max Frisch, der glaubte, das alles käme sowieso zu spät. Er war pessimistisch für die Welt und hatte Mühe, dem Tanz etwas Positives abzugewinnen. An einen guten Ausgang der Konferenz glaubte er ohnehin nicht. So wie Petra Kelly Sacharow anschaute, hätte man glauben können, dass sie verliebt in ihn war. Ihre Verehrung für ihn hatte für mich schon etwas Religiöses, ja, fast Peinliches. Ich flüsterte das Max zu und er sagte, er frage sich auch, ob der leidenschaftliche Atomkraftbefürworter Andrej Sacharow unbedingt der richtige Bündnispartner für die Grünen in Moskau sei.

Am Abend des zweiten Tages, nach den Besprechungen im Kreml und der klugen Rede von Graham Greene, kam es an der Hotelbar fast zu einer Schlägerei. Max ließ sich von zwei Wirtschaftsbossen aus Baden-Württemberg provozieren. Einer sagte leicht besoffen, „es wäre für die Russen besser gewesen, wenn sie den Krieg verloren hätten“, was Max auf keinen Fall so stehen lassen konnte. „Lass die Idioten doch einfach“, sagte ich mehrfach und wollte ihn wegziehen, aber das war mit ihm nicht mehr zu machen. Unsere anderen Gesprächspartner, wie Klaus-Maria Brandauer, waren längst gegangen. Am nächsten Tag setzten Bernt Engelmann und Max ein Telegramm an Ronald Reagan, den damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten auf, ein solches Treffen, wie jetzt in Moskau, auch in den USA zu ermöglichen.

Obwohl wir nur noch wenige Stunden Schlaf vor uns hatten, saßen Bernt Engelmann, Max und ich nachts lange zusammen und fragten uns, welche Bedeutung das Ganze für den Rest unseres Lebens, ja, für die Welt, haben würde, denn wir waren uns durchaus bewusst, gerade Teil von etwas Großem zu sein. Zeugen einer gewaltigen Umwälzung. Wir wurden uns rasch einig, dass die Mauer bald fallen würde. Als wir in Deutschland landeten, war ich dumm genug, diesen Gedanken aufzunehmen. Von einem Westdeutschen Journalisten wurde uns vor laufender Kamera vorgeworfen, wir hätten uns zu Idioten der sowjetischen Außenpolitik machen lassen, dadurch würde zum Beispiel die Mauer in Berlin verharmlost. Ich sagte: „Die Mauer wird bald schon kein Thema mehr sein. Wenn die überhaupt noch irgendwo steht, dann im Museum.“

Max prophezeite mir damals noch in der Flughafenhalle, dass dieser Satz zwar vermutlich richtig sei, aber ich könne mich auf eine Menge Schwierigkeiten gefasst machen. Er hatte, wie so oft, recht. Das Zitat von mir wurde gesendet und nachgedruckt, Schulen luden mich aus, Veranstaltungen platzten. Eine ganze geplante Lesereise wackelte plötzlich. Einige luden mich verschämt, mit fadenscheinigen Begründungen, aus, andere schrieben mir zornige Briefe, jemanden, der so dumm daherrede, wolle man nicht auf die Schüler loslassen. Ich solle doch nach drüben gehen, wenn es mir dort besser gefiele.

Niemand von denen hat sich zwei Jahre später, als die Mauer dann wirklich fiel, bei mir entschuldigt.

Als Max und ich uns trennten, umarmten wir uns heftig und ich nutzte die Gelegenheit, um ihm etwas in die Hand zu drücken: ein Fünfmarkstück. Ich musste nichts erklären. Er verstand es ohne Worte und zwinkerte mir zu. Ich nehme die Romane von Max von der Grün immer wieder zur Hand und lese in ihnen. Manchmal kommt es mir dann vor, als würde ich seinen Pfeifentabak riechen. Noch heute verneige ich mich vor dem großen Meister und bin dankbar für jeden Moment, den wir miteinander verbringen konnten. Max starb am 7. April 2005. Er fehlt mir sehr. Ich wollte ihn noch so viel fragen …

Klaus-Peter Wolf

Ostfrieslandkrimis