Josef Büscher

Die Literarische Werkstatt Gelsenkirchen

Josef Büscher war sehr wichtig für die Stadt Gelsenkirchen und seiner Schreibschule verdanken viele junge Autoren eine Menge.

Zu den Gästen der LWG, die uns kollegial verbunden waren, gehörten auch Josef Reding, (lange Zeit Vorsitzender des Schriftstellerverbandes NRW), Volker W. Degener (sein Nachfolger) und Max von der Grün. Als der verzweifelte Max von der Grün mit seinem Roman nicht weiterkam, fuhr er zu Josef Büscher, der sich wie immer mit Engelsgeduld, bei kreativen Problemen oder Schreibblokaden endlos Zeit für seine Schriftstellerfreunde nahm. Ich war ebenfalls mit Schreibproblemen im Hause Büscher.

Natürlich ließ ich dem großen, von mir bewunderten Max von der Grün den Vorrang. Tante Waltraut (so wurde sie von vielen genannt) kochte mir einen Tee und tröstete mich über die Wartezeit hinweg. Ich will nicht behaupten, dass Josef Max die entscheidenden Stellen diktiert hat, aber es hörte sich für mich fast so an. Das klingt heute komisch, aber so war das damals, man diskutierte die Texte miteinander vor der Veröffentlichung heftig. Dadurch veränderten sich Texte. Meist wurden sie besser. Die LWG war in dem Sinne wirklich eine Werkstatt in der der Werkstattgedanke auch hoch gehalten wurde.

Meine erste Kurzgeschichte wurde an einem Abend in einem fast chirurgischen Eingriff um zwei Seiten gekürzt. Das tat der Geschichte gut. Beteiligt an den Kürzungen waren Josef Büscher und Detlef Marwig, der praktisch jedes Adjektiv aus dem Text warf und Sätze die mehr als fünf Worte hatten, waren seiner Meinung nach sowieso zu lang. Er liebte die literarische Verknappung.

Nicht alle Autoren hielten es aus, ihre Texte so zu diskutieren. Einige schreckte das auch ab. Sie kamen nie wieder, fühlten sich angegriffen und fertiggemacht. Für mich war es eine harte aber sehr, sehr gute Schule. Oft wenn ich mit einem Drehbuch sieben oder acht Leuten gegenübersaß, die daran herumnörgelten, (dem Produzenten war es zu teuer, dem einen Redakteur zu links, dem anderen zu unpolitisch, dem Regisseur zu verquatscht, dem Hauptdarsteller fehlten die Großaufnahmen), dachte ich an die Werkstattgespräche zurück und begann mich durchzusetzen.

Ich hatte ja das große Glück in der Aufbruchstimmung der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen mit dabei sein zu dürfen. Da waren Lesungen große gesellschaftliche Ereignisse. Meist reichten die Stühle nicht. Die Zuhörer waren eine Stunde vor Beginn da, um gute Plätze zu bekommen. Es wurde heftig diskutiert. Da rannte auch schon mal ein so kritisierter Autor heulend raus, oder zerriss seine Texte. Da wurden Fragen nach der politischen Relevanz von poetischen Texten gestellt und so mancher junge Autor fand sich nicht im Elfenbeinturm wieder, sondern auf dem „heißen Stuhl“.

Hugo Ernst Käufer, der Lyriker und Bibliothekar, war das Herz des Ganzen. Er ließ die Szene um sich rotieren. Josef Büscher leitete die „Schreibschule“, die zur LWG gehörte, und warf jeden raus, der glaubte, hier könne man seine Deutschnoten verbessern. Nachhilfestunden waren das nicht! Zumindest nicht für schlechte Schüler.

Später übernahm Monika Kummerhoff die Schreibschule für eine Weile, und hat dort wahrlich gute Arbeit geleistet. Aber ohne das Kraftzentrum eines Hugo Ernst Käufer war sie chancenlos. Die Literarische Szene in Gelsenkirchen zog auch viele Künstler an, die nicht in Gelsenkirchen wohnten. Frank Göhre – der später neben seinen Krimis – auch viele Tatorte schrieb, war oft dabei, der Holzschneider Horst Dieter Gölzenleuchter, ja sogar HAP Grieshaber unterstützte die Arbeit von Hugo Ernst mit Malerbriefen von der schwäbischen Alp.

Manche Bücher konnten nur erscheinen, weil Grieshaber oder Gölzenleuchter Originalarbeiten für Vorzugsausgaben stifteten. Die lagen dann vom Preis so hoch, dass dadurch der ganze Druck finanziert wurde. Es war ein Zusammenhalt, der ganz viel mit Freundschaften untereinander zu tun hatte. Man las sich vor, man half sich gegenseitig. Es gab Visionen literarischer und politischer Natur, über die heftig gestritten wurden. So einfach wiederholen lässt sich das nicht, auch nicht mit einem Büro und viel Geld – obwohl das helfen könnte.

Als ich von Gelsenkirchen in den Westerwald zog, habe ich dort die Literarische Werkstatt sehr vermisst und versucht, in Altenkirchen eine neue zu gründen. Die Resonanz war riesig. Am ersten Abend kamen vierzig Poeten. 15 Jahre lang trafen wir uns einmal im Monat und veranstalteten gemeinsame Lesungen. Für mich wehte dann immer der Wind der LWG durch den Westerwald. Die Anwesenheit von Hugo Ernst Käufer, Josef Büscher und all den anderen Ruhrpottpoeten konnte ich, wenn ich die Augen schloss, fast physisch spüren. Und ich roch auch Detlef Marwigs unverzichtbare Rothändle.

Klaus-Peter Wolf

Ostfrieslandkrimis