Ostfriesenkiller

Der erste Teil der Ann Kathrin Klaasen Reihe

Eine Serie von Morden erschüttert eine kleine Stadt in Ostfriesland. Nach und nach werden mehrere Mitglieder des Vereins „Regenbogen“ auf grausame Weise umgebracht. Wer hasst so sehr, dass er sie alle auslöschen will? Für Ann Kathrin Klaasen wird dieser Fall zu einer echten Bewährungsprobe.

Ann Kathrin Klaasen trennt sich von ihrem Ehemann. Es erschüttert sie, dass ihr Sohn Eike mit dem Vater geht. Sie stürzt sich in die Arbeit, um den Schmerz nicht zu spüren und jagt einen Serienkiller, der in Ostfriesland Menschen umbringt, die im ›Regenbogen-Verein‹ arbeiten.

Von vielen Fans wird OSTFRIESENKILLER auch die „Einstiegsdroge“ genannt.

Foto: Wolfgang Weßling

Infos zum Buch

Erstausgabe Fischer Taschenbuch, April 2007
Umfang 310 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-596-16667-1

22. Auflage Fischer Taschenbuch, Mai 2019
Umfang 310 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-596-16667-1

als Hörbuch
Verlag Jumbo Neue Medien, Oktober 2007
Umfang 3 CDs
ISBN 978-3-8337-2006-2

Leseprobe:

Es war erst Ende April, doch in der klaren Luft prickelte die Sonne angenehm auf seiner Haut. Die kleinen Wasserlachen im Watt glitzerten, als hätte das Meer bei seinem letzten Besuch einen Teppich aus Diamanten hinterlassen. Jetzt sah es aus, als ob noch Ebbe wäre, als könnte man vom Festland mühelos nach Juist oder Norderney laufen. Aber die Flut drückte das Wasser bereits zurück in die Priele. In einer knappen Stunde, wenn die Sonne hinter Juist untergegangen war, konnte das Watt zu einer tödlichen Falle für Touristen werden. Erst vor ein paar Wochen hatte sich das Meer einen Familienvater geholt, der ohne Wattführer von Norddeich nach Norderney gehen wollte, um in der »Oase« seine Frau und seine Kinder zu treffen. Ulf Speicher erzählte gern solche
Geschichten. Zum Beispiel von der untergegangenen Stadt unter den Muschelbänken. »An manchen Sonntagen, wenn der Wind günstig steht«, behauptete er, »glaubt man, die versunkenen Kirchturmglocken läuten zu hören.« Oder von der Frau, die schon bis zum Hals im Schlick eingesackt war und nicht mehr wagte, sich zu bewegen. Sie musste angeblich mit einem Kran herausgezogen werden. Und von der Schulklasse, die mit ihrem Lehrer auf eine Wattwanderung ging und ohne ihn zurückkam. Er erzählte diese modernen Gruselgeschichten mit einem Augenzwinkern. Großstädter hörten so etwas gerne, wenn sie Urlaub am Meer machten. Ulf Speicher liebte es, den feuchten Meeresboden unter seinen Füßen zu spüren, wenn der Schlick zwischen seinen Zehen hervorquoll. Er fühlte sich
dann gut und lebendig. Er war jetzt 55, hatte einen Kugelbauch und den Ansatz einer Glatze. »Und noch nie in seinem Leben hatte er mehr und besseren Sex gehabt als in den letzten Jahren.« Er bereute es nicht, von Frankfurt hierher an die Nordsee gezogen zu sein. Seitdem er im hohen Norden wohnte, hatte sich sein Leben von Grund auf verändert. Er war jetzt der Leiter des Vereins Regenbogen, von dem behinderte Menschen und deren Angehörige betreut wurden. Die meisten Ehen zerbrachen, wenn ein behindertes Kind geboren wurde. Die Belastung für die Beziehung war zu groß. Speichers Verein Regenbogen entlastete die Angehörigen. Die Frauen konnten endlich einmal Urlaub machen, ausspannen und wussten ihre Kinder gut betreut. Manch eine hatte zum erste Mal in Jahren
endlich wieder so etwas wie Freizeit und bändelte schon aus lauter Dankbarkeit mit ihm an. So wie das Leben jetzt lief konnte Ulf Speicher nur zufrieden damit sein. Die beiden sahen gar nicht aus wie Schwestern. Alexa Guhl hatte ein behindertes Kind und war eine eher stämmige Frau. Ihre Schwester Liane Rottland dagegen wirkte zart und zerbrechlich. Frustriert von Männern und gescheiterten Zweierbeziehungen hatten sich die beiden zusammengetan und kümmerten sich rührend um den geistig behinderten Markus. Alexa, die einen traurigen Zug um die Mundwinkel hatte, gefiel Ulf Speicher am besten. Mit ihr konnte er sich so manches schöne Schäferstündchen vorstellen. Er musste nur noch die dünne Schwester irgendwie loswerden. Der Wind trug ihr Kreischen zu ihm her
über. Sie steckte im Schlick fest. Ulf Speicher dachte nur einen kurzen Augenblick an seine Freundin Jutta Breuer. Sie würde ihm nicht in die Quere kommen. Als er sie vor einigen Jahren kennen gelernt hatte, hatte er auf seiner Unabhängigkeit bestanden, auf getrennten Wohnungen. Er stellte beim Regenbogenverein die Dienstpläne auf und wusste immer, wann sie sich wo befand. Sie hatte eine häusliche Pflege und würde bis mindestens 22 Uhr damit beschäftigt sein. Danach würde sie nicht mehr zu ihm kommen, sondern ihm höchstens noch Gute-Nacht-Grüße per SMS schicken. Ihre Stiefel blieben immer öfter im Schlick kleben. Der weiche Meeresboden machte schmatzende Geräusche, wenn die Frauen ihre Füße herauszogen. Es klang fast unanständig. Irgendwie gierig.
Die beiden sahen sich an. Sie wagten nicht, es auszusprechen, doch sie dachten beide dasselbe: Es hörte sich an, als sei das Meer hungrig. Ulf Speicher forderte die beiden Frauen auf, die Stiefel auszuziehen und wie er barfuss zurück zu waten. Gerade lief die Frisia V durch die ausgebaggerte Fahrrinne in Norddeich ein. Es sah aus, als würde sie auf Rädern durchs Watt gezogen werden. Irgendwie gespenstisch. Ein Schiff, das auf dem Trockenen fuhr. Ulf Speicher grinste, als er die riesige Graffiti sah: Nordsee ist Mordsee. Die Schrift, eingerahmt von Totenköpfen, musste über mehrere Meter gehen. Er hatte so einen Graffiti-Künstler unter seinen Zivildienstleistenden. Vielleicht war Kai das, dachte er nicht ohne Stolz. Ulf Speicher hob eine Muschel aus dem Wass
er, zeigte sie vor und aß sie demonstrativ auf. Er wusste, dass das die beiden Frauen wahrscheinlich ein bisschen ekelte. Dann ließ er seinen üblichen Spruch los: »Frischer kriegt man sie nirgendwo.« Er schlürfte das Innere der Muschel aus und schluckte es absichtlich laut runter. Über Alexas Rücken lief eine Gänsehaut. Es hatte etwas Animalisches, wie er diese Muschel aussaugte. Und schon bückte er sich nach der nächsten. Er hielt ihr die Muschel hin. Ihre Schwester wendete sich angewidert ab: »Das wirst du doch wohl nicht essen!« Alexa nahm die Muschel. Hier ging es nicht um eine kleine Meeresfrucht. Das hier war etwas anderes. Das hier war eine Verabredung, eine Verabredung zum Sex. Sie wusste es, und Ulf Speicher wusste, dass sie es wusste. Sie na
hm die Muschel zwischen ihre Lippen und schluckte sie mit einem leichten Ekelgefühl hinunter. Ulf Speicher nahm sie in den Arm und lachte. Er beglückwünschte sie und lud beide Frauen zu sich nach Hause zum Muschelessen ein. Liane kapierte natürlich sofort, dass diese Einladung nicht wirklich für sie galt. Ein bisschen freute sie sich für ihre Schwester, die in den letzten Jahren nun wahrlich kein einfaches Leben gehabt hatte und gönnte es ihr. Aber ein bisschen war sie auch erstaunt, dass ihre solide Schwester sich auf einen Mann einließ, den sie erst heute morgen kennen gelernt hatte. Liane lehnte dankend ab, sie wollte in ihre Ferienwohnung zurückzugehen, um sich ein bisschen auszuruhen. Sie habe sich wohl bei der Wattwanderung heute etwas übernommen.
Als sie das Festland erreichten, gingen Ulf und Alexa bereits Hand in Hand wie ein frisch verliebtes Pärchen. Liane ging gut zwanzig Meter hinter ihnen, um nicht zu stören. Ulf Speicher bewohnte eine Doppelhaushälfte. 127 Quadratmeter. Groß genug für ihn und seine fast viertausend Bücher umfassende Bibliothek. Das Haus gefiel Alexa. So eins hatte sie sich immer gewünscht. Die roten Backsteinziegel strahlten friesische Heimeligkeit aus. Das Garagentor funktionierte per Fernbedienung. Überlebensgroß war John Lennons Kopf auf das Tor gemalt. Alexa lächelte. Jetzt wusste sie wenigstens, welche Musik er mochte. Im Flur zogen sie sich schon im Stehen aus. Sie konnten ihre Sachen gar nicht schnell genug loswerden. Sie überlegte, wann sie sich zum letzten M
al vor einem Mann nackt ausgezogen hatten. Es war mindestens vier, fast fünf Jahre her und in einer Beziehungskatastrophe geendet. Danach hatte sie sich irgendwie aufgegeben und war auseinander gegangen wie ein Hefekloß. Ihre Schwester sagte, sie habe einen Schutzpanzer um sich herum geschaffen, einen Panzer aus Fett. Ulfs Bauch und seine einem Teddybär ähnliche Figur machten es ihr leichter. Er meinte verschmitzt, dass er mit diesen halb verhungerten Frauen aus den Illustrierten nichts anfangen könne. Er stünde mehr auf Rubensmodelle, auf richtige Frauen, wie sie eine sei. Sie war ihm dankbar dafür. Während er zärtlich ihre großen Brüste streichelte und liebevoll küsste, wurde die Kugel, die dazu bestimmt war, das Leben von Ulf Speicher auszulöschen, in den Gewehrlauf geschoben.
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Hörprobe:

Pressestimmen:

Klaus-Peter Wolf

Ostfrieslandkrimis