Der Autor Klaus-Peter Wolf

Die Pleite

Leider übernahm der Verleger Helmut Braun sich und ging pleite. Klaus-Peter Wolf versuchte mit dreizehn anderen Autoren, den Verlag zu retten. Sie gründeten eine Art Auffang GmbH, in der nur Schriftsteller Einleger werden durften. Niemand anderes sollte Stimmrecht erhalten. Es sollte der erste wirklich autoreneigene Verlag der Bundesrepublik werden, und natürlich sollte ein Autor diesem Verlag vorstehen: Klaus-Peter Wolf.

 Zunächst sorgte der Verlag für viel Wirbel in der Branche. Er war die „Rakete auf dem Buchmarkt“ (Die Zeit). Klaus-Peter Wolf wurde zum „Aufsteiger der Woche“ (STERN). Zahlreiche Künstler unterstützten das Unternehmen. So spendierte der legendäre Holzschneider HAP Grieshaber einige Originalholzschnitte, andere Künstler gaben Geld oder standen mit Bürgschaften zur Seite. Neben den Romanen von Edgar Hilsenrath erschien das gesamte lyrische Werk von Rose Ausländer und ein Songbuch von Ina Deter im Literarischen Verlag Braun. Dort erschien nun sein Roman Dosenbier und Frikadellen, der das Leben einer kriminellen Jugendbande (einer Rockergruppe aus dem Ruhrgebiet) erzählte.

„Halbstark mit Sturzhelm“ aus der BWZ 05.1980

Klaus-Peter Wolf hatte eine Weile mit diesen Leuten zusammen gelebt. Der Roman wurde ein Erfolg, von der linken Untergrundpresse bis zur FAZ in den höchsten Tönen gelobt. Lizenzen gingen ins Ausland, die Filmrechte wurden verkauft. Aus heutiger Sicht betrachtet man die Arbeit des Verlages und seine Entdeckungsfreude mit Wohlwollen. Das Gesamtwerk von Rose Ausländer erschien (jetzt 5. Fischer und dtv), doch die anderen Bücher des Verlages floppten. Wolf sagt über sich selbst:

Ich führte den Verlag wie ein Geisteskranker. Kein Wunder, dass ich nach 13 Monaten wieder pleite war. Ich war 25 und hatte 2,7 Millionen in den Sand gesetzt. Geld, das mir nicht gehörte.
 Eine harte Zeit begann. Die Gläubiger waren hinter ihm her. Man pfändete alles. Da er mit seiner Frau und einigen Mitarbeitern im Verlagsgebäude wohnte, blieb ihnen nichts. Sie mussten raus aus dem Haus. Die Konten gepfändet, die Gehälter gestoppt, die Autos beim Konkursverwalter. Nicht genug damit, Übereifrige strengten sogar einen Betrugsprozess gegen ihn an, und er wurde zu drei Monaten ohne Bewährung verurteilt.

Der junge Autor setzte sich hin und schrieb einen Brief an zwölf deutsche Verleger. Er schilderte seine Situation, und um Geld genug für das nächste halbe Jahr zu bekommen, bot er seinen neuen Roman an, von dem bis dahin nicht eine einzige Zeile existierte. Er erhielt den gewünschten Vorschuss und schrieb den Roman Vielleicht gibts die Biscaya gar nicht. Der Roman erzählt die Liebesgeschichte zwischen einem Tramper und der vierzig Jahre alten Hausfrau Gisela, die bereits zwei erwachsene Söhne hat und aus ihrem Leben aussteigen will. Auch in diesem Roman, wie bereits in Dosenbier und Frikadellen verarbeitete Klaus-Peter Wolf eigene Erfahrungen. So sagt er über seinen Roman:

Jeder noch so gute oder schlechte Roman ist doch ein Stück Biografie des Autors. Belanglos, ob er das will oder nicht. Belanglos, ob er es zugibt oder nicht. Um Spekulationen vorzubeugen, will ich mich also lieber gleich zu erkennen geben.
Ja, ich hatte eine Geliebte, die zwanzig Jahre älter war als ich. Ich habe auch versucht, in Schweden zu wohnen und zu leben. In Istanbul im Papyrus habe ich gegessen und Raki getrunken, im Divan geschlafen und im Dreck gelegen, als mir die Kugeln um die Ohren flogen. Dieser Roman ist aus den gemachten Erfahrungen gearbeitet. Er wäre ohne sie undenkbar.
Trotzdem bin ich nicht Mick, und Gisela ist nicht identisch mit meiner ehemaligen Geliebten. Auch die anderen Figuren dieses Buches sind keine Kopien von wirklichen Menschen. Nur – ohne diese wirklichen Menschen mit Anschrift und Bankverbindungen wären auch die Figuren im Roman nicht möglich.

Fast nebenbei gelang Klaus-Peter Wolf in dem Roman die Gefühle der Siebziger einzufangen. Der Roman wurde von der Kritik als „der große Liebesroman der Siebziger Jahre“ gefeiert. „Ein Buch, von der ersten bis zur letzten Zeile schön“, schrieb der Düsseldorfer Express. 1988 widmete die DDR-Kulturzeitschrift Der Sonntag Klaus-Peter Wolf eine ganze Seite. Die Redakteurin Regina General ging der Frage nach:

Wer ist das eigentlich, dieser KP Wolf? Ein Genie? Ein Scharlatan? Ein Senkrechtstarter, der den ehrgeizigen Projektionen aus der fliegenden Technik gleich unsanft auf der Erde landen wird.

Als Autor war er schon damals für viele ein Rätsel, unfassbar, versteckt hinter seinen Geschichten.

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