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Klaus-Peter Wolf zurück in seinem Revier

Eine Rede von Jörg Loskill

Eine Rede von Jörg Loskill zur Lesung von Klaus-Peter Wolf am 11. März im Grillo-Gymnasium Gelsenkirchen (Klaus-Peter Wolf alter Schule)

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Schon in der Schule gründete er eine »Geschichtenerzählerbande« – das war noch nicht hier, an diesem Gymnasium, sondern in der Grundschule um die Ecke. Da war er acht Jahre alt… Stundenlang, so berichtet er aus seiner Jugend, ging er mit Mitgliedern der »Bande« auf dem Garagen- oder Schulhof spazieren. Und man erzählte sich von großen und kleinen Abenteuern, vom Weltall-Experiment oder vom Indianerüberfall, H.-J. Loskill, Stationen des Schaffens von K.-P. Wolf (Foto: Uwe Rudowitz)vom Alltag zuhause oder von Fantasy- und Märchenfiguren. Der Spagat zwischen Realität und Fiktion hält bis heute an: Klaus-Peter Wolf, Jahrgang 1954, hat von Gelsenkirchen aus die literarische Welt erobert. Er hat, wie das so schön heißt, Karriere gemacht.
Ein paar Zahlen zu seinem Werk: rund 20 Romane, fast 50 Kinder- und Jugendbücher wie »Drei tolle Nullen« oder »Jens-Peter und der Unsichtbare«, etliche CDs und Musikkassetten, über zehn Spiel- und TV-Filme, darunter Drehbücher für den »Tatort«, für »Polizeiruf 110«. Vielleicht die bekanntesten Titel in seinem inzwischen immensen Schaffen: »Samstags, wenn Krieg ist«, »Feuerball«, »Donnas Baby«, »Dosenbier und Frikadellen«, die »Abschiebung« beispielsweise.
Er beherrscht nahezu alle Genres – von der Kurzgeschichte bis zum Roman, vom Krimi bis zum Jugend-Reißer, vom Psychothriller bis zum Bilderbuch, vom Spielfilm bis zum Charakterthema via Bildschirm.
Dafür hat er viele Preise eingeheimst: Förderpreis des Landes (da gab auch ich eine Empfehlung ab), den Anne-Frank-Preis, Erich-Kästner-Preis, Magnolia Award Schanghai und Rocky Award (Kanada).
Foto: Uwe RudowitzUnd die letzten Zahlen in diesem Zusammenhang: Er kann sich längst Millionär nennen – die Auflage seiner Bücher beträgt fast 9 Millionen. Sie wurden bisher in 24 Sprachen übersetzt. Und das alles nahm seinen Anfang in Gelsenkirchen.
Als ich ihn in den 70-er Jahren kennenlernte, war ich für die Kultur bei der WAZ in dieser Stadt seit kurzem tätig. Klaus-Peter Wolf fiel mir sofort auf – durch seine Frische, seine Hartnäckigkeit, seine Zuversicht, seine frühe Professionalität. Und durch seinen Mut, Risiken einzugehen.
Er kann selbst am besten von jener Zeit berichten: vom Kampf mit den Lehrern Tag für Tag (besonders bei Mathe, weil er in das offizielle Schulbuch des Faches ein Daumenkino über einen Boxkampf malte), vom Protest gegen die Borniertheit vieler Erwachsener, vom Streit um die kulturellen Strukturen, von der oftmaligen Verzweiflung, erwachsen zu werden. Und immer ging es bei ihm um Geschichten, um Bücher, um Veröffentlichungen. Sein erstes Heft beschäftigte sich mit einem Jungen, der gegen das Böse kämpfte – sein Schulbanknachbar kaufte es ihm für einen Groschen ab. Der Weg zum großen Autor war somit programmiert…
Hier am Grillo-Gymnasium – es sei »leichter gewesen, auf einer solchen Schule seinen literarischen Gedanken nachzuhängen, als in einer anderen Schulform« – schrieb er jedenfalls praktisch in jeder freien Minute: für Anthologien, für Lyrikmagazine, für die Undergroundpresse, fürs Radio.
Die WAZ gehörte damals zu den Abnehmern seiner Geschichten. Böll und Lenz und von der Grün hier – Klaus-Peter Wolf da. Ein Jung-Talent, von seinen Mitschülern »Lord Ede« genannt, brach sich Bahn. Einer seiner Lehrer hier war übrigens van der Grinten, der spätere »Herr auf Schloss Moyland« und bedeutende Beuys-Kenner und -Sammler. Hier entstand damals auch die Filiale der FIU, der Free International University, in der Joseph Beuys und sein Schüler Johannes Stüttgen die Lehren von »Jeder Mensch ist Künstler« verlautbarten.
Foto: Uwe RudowitzNoch eine Schote aus jenen Tagen: Wolf schrieb für die Schülerzeitung »Janus« am Grillo-Gymnasium, die aber schnell wieder verboten wurde: Bernd Aulich, ein langjähriger Kollege von mir, hatte einen Artikel über Sexualität geschrieben, der nicht allen gefiel…
Wolf gründete daraufhin eine eigene Zeitung. Und er schaute sich bei älteren Kollegen um: Denn er holte sich literarische Meriten bei der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen (LWG) ab. Hier lernte er u.a. Richard Limpert, Frank Göhre, Hugo Ernst Käufer, Josef Büscher, Kurt Küther und vor allem Michael Klaus kennen.
Wolf und Klaus – das waren zwei Autoren, die eine neue Literatur-Ära im Ruhrgebiet einleiteten. Nicht immer Bergbau, Kohle, Kumpel, Krisen – sondern Geschichten aus dem menschlichen Alltag im Revier waren Trumpf. Da kam frischer Wind auf. Klaus-Peter Wolf wurde Mitglied im Schriftsteller-Verband VS, einer der jüngsten im erlauchten Kreis.
Als er den Verleger Helmut Braun aus Köln kennen lernte, schaute er erstmals in die Tücken und Tiefen eines Verlagsprogrammes. Der Braun-Verlag veröffentlichte Wolfs erstes »richtiges« Buch. Und dann weitere Bände. Für Wolf bedeutete dieser Erfolg: Mein Beruf ist das Schreiben. Ich werde Autor. Der junge, alte Geschichtenerzähler hatte sein professionelles Profil gefunden. Bis heute.
Als er eines Tages in der Redaktion vor mir stand und berichtete, dass er zusammen mit befreundeten Kollegen den insolventen Braun-Verlag übernehmen wollte, hielt ich ihm das Risiko vor. Wolf schwärmte vom ersten Autoren-eigenen Verlag in Deutschland. Als »Rakete auf dem Buchmarkt«, wie die »Zeit« damals schrieb, beeindruckten Wolf & Co. Leser, Gesellschaft, Presseleute. In dieser Phase veröffentlichte er die Romane von Edgar Hilsenrath, das lyrische Schaffen von Rose Ausländer und das erste Song-Buch von Ina Deter – sämtlich Hits in der Branche. »Dosenbier und Frikadellen« hieß der Titel der Rocker- und Punk-Romans von Wolf selbst, der in diesem Verlag erschien.
Wolf sagte später einmal zu dieser Phase: »Ich führte den Verlag wie ein Geisteskranker. Kein Wunder, das ich nach 13 Monaten pleite war. Ich hatte rund 2,7 Millionen DM in den Sand gesetzt. Das war Geld, das mir nicht gehörte.« Sondern den Autoren, die Einlagen in den Verlag gegeben hatten.
Foto: Uwe RudowitzAn dieser wuchtigen Pleite hatte er Jahre lang zu kauen. Mit seinen Erfolgsbüchern trug er den Schuldenberg ab… Hätte er damals doch auf den Jung-Redakteur Loskill bei der WAZ gehört…
Das alles ist lange her. Vor Ihnen steht heute ein echtes literarisches Schwergewicht: Klaus-Peter Wolf hat sich durchgesetzt, regional, deutschlandweit, international.
Und längst ist er ein Meister des Mordes geworden. Vor allem im Norden lässt er seine Täter durch Nebel und über Deiche und das Watt tasten und tapern. Sein jüngster Fall mit der Kommissarin Ann Kathrin Klaasen, die aus Gelsenkirchen stammt (wie Wolf), erzählt von Mord- und Nordsee: »Ostfriesensünde« (nach den Erfolgen mit »Ostfriesengrab« und »Ostfriesenkiller« und »Ostfriesenblut«).
Alle Orte des Geschehens bei Wohl, der inzwischen längst selbst in Norden am Meer lebt, sind real; seine Charaktere haben Vor-Bilder. Dennoch: die Geschichten sind frei erfunden, darauf legt Wolf großen Wert.
Worum geht es diesmal: Soviel sei nur verraten: Die Kommissarin mit Revier-Blut in den Adern wird mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Ihr Vater geriet einst in dieses Verbrechen. Und nun findet Ann Kathrin die ehemalige Geliebte ihres Vaters tot vor. Und es geht munter in diesem Stil weiter.
Es wird nicht das letzte Buch dieses überragenden Geschichtenerzählers sein. Denn die Inspiration lauert überall – Wolf schnuppert in fast jeder gesellschaftlichen und politischen Ecke, er hat sich den Außenseitern geöffnet, er spürt Seelenhintergründe in der scheinbaren Normalität auf.
Hier steht er nun und liest Ihnen aus seinem jüngsten Krimi vor. Tauchen Sie in die sündige Ostfriesenwelt ein. Wolf kennt sich bestens in dem Metier aus. Biografisches mischt sich mit Surrealem, Revierkolorit mit Wind. Wellen und Sand an der Nordsee.
Man könnte Wolfs wechselhafte Autoren-Zeit noch weiter fortschreiben. Ich will es hiermit bewenden lassen. Er kann ja selbst noch mehr erzählen.
Denn, da seien Sie sicher: Er hat als Beobachter von Menschen, Situationen und Entwicklungen noch jede Menge Stoff dazu.
Nur: Heute geht er nicht mehr über den Garagen- oder Schulhof, um seine Stories unters Volk zu bringen.
Heute ist er gefragt bei Verlagen, bei den Rundfunkanstalten, bei Fernseh- und Filmproduktionen.
In einem seiner Romane schreibt Wolf: »Einen Besessenen kann nichts aufhalten.«
Es ist ein wirklich wahrer Satz. Eine typische Wolf-Erkenntnis.
Also – Viel Vergnügen – und Dank für die lebendige Begegnung mit diesem literarisch »Besessenen« bei der Buchhandlung Junius, bei der Dame Piechaczek, bei Herrn Wöhrl. Bei mir kamen in diesem Zusammenhang – wobei ich Wolfs Spur nie verloren habe – viele spannende Erinnerungen hoch.
Jetzt ist der Ex-»Bandenführer« an der Reihe.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören.

Fotos: Uwe Rudowitz