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Interview »Treffpunkt Tatort«

Nichts für schwache Nerven.

Klaus-Peter Wolf über seine neue Buchreihe und das Potential von Krimis für Jugendliche.

Klaus-Peter Wolf gilt als »einer der besten Drehbuchautoren deutscher Sprache« (SWF). Er hat mit seinen Arbeiten fürs Fernsehen nicht nur ein Millionenpublikum zur besten Sendezeit in seinen Bann gezogen, sondern auch die Kritiker begeistert und dem deutschen Spielfilm international zu neuem Ansehen verholfen. Seit 2007 schreibt er für arsEdition … Das folgende Interview führte Doris Müller-Höreth, Buchhandlung Pelzner, Nürnberg.

Herr Wolf, Sie behaupten, dass Jugendliche Krimis brauchen. Was meinen Sie damit?

In guten Krimis ist sehr viel Wirklichkeit enthalten. Es werden Ängste thematisiert und bearbeitet, die sonst zu oft verdrängt werden. Wer hat sich noch nie davor gefürchtet, das Opfer eines Verbrechens zu werden? Oder zu Unrecht in Verdacht zu geraten...?

Glauben Sie nicht, dass Sie mit Ihrer Reihe »Treffpunkt Tatort« den Jugendlichen zu viel zumuten?

Nein, überhaupt nicht. In meinen »Treffpunkt Tatort«-Krimis werden Jugendliche ernst genommen. Nehmen wir zum Beispiel »Der Einzelgänger«. Erzählt wird die Geschichte eines Schülers, der zu Hause von seiner psychisch kranken Mutter schwer misshandelt wird. Er schützt sie, weil er sie trotz allem liebt. Er schweigt aus Angst und Scham. Schließlich werden seine Klassenkameraden verdächtigt, ihm die Wunden zugefügt zu haben. Sie beginnen zu ermitteln, um sich selbst von dem schrecklichen Verdacht zu befreien. Was hier erzählt wird, ist in vielen Klassen Lebenswirklichkeit. Immer mehr Lehrer nutzen den Roman »Der Einzelgänger« als Klassenlektüre. Sie sagen, plötzlich werden aus Lesemuffel richtige Leser.

Das hört sich gut an. Aber was ist, wenn die Schüler damit allein gelassen werden?

In meinen Büchern werden Jugendliche nicht allein gelassen. Die Schwierigkeiten werden von verschiedenen Seiten beleuchtet und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Es gibt Identifikationsangebote, die auch genutzt werden.

Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, Sie würden Gewalt zu drastisch darstellen?

Das tue ich gar nicht. Bei mir ist das niemals Effekthascherei, sondern dramaturgische und erzählerische Notwendigkeit. Die Nachrichten im Fernsehen und in den Zeitungen sind unendlich viel mehr von Gewaltdarstellung geprägt als meine Krimis. Vergessen Sie nicht – ich habe den Erich Kästner Preis für gewaltfreies jugendgerechtes Fernsehen bekommen. Das ist auch eine Verpflichtung für mich.

Ihre Krimis sind also pädagogisch wertvoll?

Dort werden Werte vermittelt. Die Ungerechtigkeiten und Verbrechen werden nicht akzeptiert, sondern durch gemeinsames solidarisches Handeln verändert. In meinen Krimis steht nicht: »Man kann sowieso nichts machen!« Da steht: »Tu was! Schau genau hin! Frag nach! Akzeptiere keine Vorurteile!«

Trotzdem ist zum Beispiel »Sklaven und Herren« starker Tobak. Verkraften Jugendliche das?

Erwachsene verdrängen im Alltag gern, Literatur ist Vergegenwärtigung. Das Böse verliert viel von seiner Kraft, wenn es benannt wird, und viel von seiner Faszination, wenn es in seiner Erbärmlichkeit vorgeführt wird. Darf ich Sie auch etwas fragen?

Aber sicher!

Wissen Sie, wer der meistgelesene Jugendautor in Deutschland ist?

Cornelia Funke?

Das wäre schön. Im letzten Jahr habe ich mehr als 400 Veranstaltungen in Schulen gemacht. Hauptschulen, Realschulen, Gymnasium. Am Ende habe ich immer gefragt, was die Schüler denn lesen. Ich habe nicht gefragt: »Welche Bücher schenkt euch Oma – oder was lest ihr in der Schule.« Nein. »Was lest ihr – wenn überhaupt?«

Und?

Der mit weitem Abstand meistgelesene Autor unter Jugendlichen ist Stephen King. Das stimmt mich nachdenklich.

Wie erklären Sie sich das?

Er beschreibt auch die dunkle, böse Seite.

Genau wie Sie ...

Irrtum. Bei mir kommt das Böse nicht aus dem Weltall oder dem Inneren der Erde. Bei mir kommt es aus den Verletzungen der menschlichen Seele. Bei mir wird am Ende kein Monster geschlachtet, sondern ein Täter überführt, dessen Motiv wir verstehen, weil wir auch seine Not spüren. Die Mutter, die im »Einzelgänger« noch das »gefürchtete Monster« ist, macht in »Sklaven und Herren« eine Therapie und sammelt die Scherben ihres Lebens auf. Das ist der Vorteil einer Reihe. Ich kann erzählen, wie Schicksale sich weiterentwickeln. Krimileser glauben daran, dass Verhältnisse sich zum Besseren verändern können.

Das bedeutet immer ein Happy End?

Nein. So einfach ist es nicht. Ich treffe schon ganz zu Anfang des Krimis mit meinen Lesern eine Vereinbarung: Komm ruhig mit. Ich werde dir die Hölle zeigen, aber keine Angst, ich kenne auch eine Tür, durch die wir da wieder herauskommen. Diese Gewissheit bleibt! Und im Gegensatz zu großen Teilen der Fantasyliteratur sind die Lösungen im Krimi konkret und alltagstauglich.

Wie meinen Sie das?

Wörtlich. Es gibt all das, wovon ich erzähle. Es sind reale Gesetze. Sie gelten für jeden. Es gibt die Institutionen, in denen Menschen sitzen, die Hilfe anbieten.

Krimis als Lebenshilfe?

(K.P. Wolf lacht.) Zunächst mal ist das einfach spannende Unterhaltungsliteratur, die ihre Leser ernst nimmt. Das Krimitypische ist die darin enthaltene Wirklichkeit. Mich interessiert, was passieren musste, damit jemand zum Verbrecher wurde. Es wird doch keiner geboren und ist böse und will gerne ein Schwein werden. Die meisten wollen Tierärztin werden, Meeresbiologe, Schauspieler ... Und plötzlich sind sie verurteilte Straftäter. Was ist da schief gelaufen?

Warum sind die Romane in einer sehr einfachen Sprache geschrieben?

Ich würde sie eher klar und bildreich nennen. Ich habe schon als ganz junger Autor meinen Sprachstil an Hemingway, Hans Fallada und ja – ich scheue mich nicht, es zu sagen –, Simmel geschult. Autoren, die in Romanen ihre Bildung vorführen, haben wir schon genug. Im Grunde steht in diesen ach so wortgewaltigen Bildungswerken: »Ich bin schlau und du, lieber Leser, bist doof.« Jugendliche stehen nicht wirklich auf solche Art von Büchern.

Auf Ihren endlosen Lesereisen treffen Sie auf Ihre jugendlichen Leser. Wie reagieren die?

Manchmal gibt es sehr emotionale Gespräche. Viele kommen mit ihren Nöten und Sorgen zu mir.

Warum gerade zu Ihnen?

Vielleicht weil sie beim Lesen spüren, dass sie einer ernst nimmt und nicht vorschnell verurteilt, sondern nach der Wahrheit hinter der Fassade der Dinge sucht.

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg.

Danke.