Sonstiges
Der geheimnisvolle Herr Bödecker
Ich war ein junger Autor, hatte ein paar Bücher veröffentlicht, die mehr schlecht als recht liefen. Um die ganze Wahrheit zu sagen: sie lagen wie Steine in den Regalen. Ich war gerade Vater geworden und die Menschen meiner Umwelt drängelten mich, den Traum vom freien Autorenleben aufzugeben und endlich vernünftig zu werden. Ich war zwei Monatsmieten im Rückstand, der Hausherr drohte mit Kündigung. Schon zweimal hatte man mir Strom und Heizung abgedreht. Die Bank forderte meine Kreditkarte zurück. Ein Freund machte mir das Angebot, ich könne in seiner Versicherungsagentur arbeiten, bei meinem Talent, Lügengeschichten zu erfinden, sei ich geeignet für diesen Job.
Die einzige Einnahmequelle, die ich in diesem Monat hatte, kam von einer Lesung. In einer Buchhandlung konnte ich für einen berühmten Kollegen einspringen, der krank geworden war. 250 Mark.
Ich war so pleite, dass ich kein Geld zum Tanken hatte und ich kannte auch niemanden mehr, der mir noch etwas geliehen hätte. Ich tankte trotzdem, ging zur Toilette der Tankstelle, knackte dort den Präserautomaten und zahlte mit Zweimarkstücken.
Die Lesung entschädigte mich für einiges. 25 Zuhörer, damals ein Riesenpublikum für mich.
Ich sah, dass meine Bücher auf Interesse stießen.
9 Exemplare wurden verkauft, und, was meinem Autorenstolz sehr gut tat, man bat mich sogar um Autogramme.
Als ich zurückfuhr, wusste ich, so könnte ein Autorenleben aussehen.
Man wurde unabhängiger von der veröffentlichten Literaturkritik.
Die Leser können sich selbst ein Bild vom Autor machen.
Sich dann entscheiden, ob sie von dem ein Buch haben wollen oder nicht. Von den Honoraren kann ein Autor leben.
Ja, auf Lesereisen wollte ich gehen. Aber wie? Ich konnte ja nicht ständig darauf hoffen, dass berühmte Kollegen krank werden.
Ich hatte vom Bödeckerkreis gehört. Für mich war das eine Art Geheimgesellschaft, in der sich große Schriftsteller versammelten, um ihre Lesereisen zu organisieren. Dort Mitglied zu werden oder gar in ihr Verzeichnis aufgenommen zu werden, schien aber fast unmöglich. Man hatte mir erzählt, man müsse mindestens drei Bücher in renommierten Verlagen veröffentlicht haben und außerdem gäbe es natürlich eine Qualitätskontrolle. Man wolle ja nicht jeden schreibenden Deutschlehrer auf Lesereise schicken.
Nun, meine Verlage waren bestimmt nicht renommiert. Manchmal fragte ich mich sogar, ob es richtige Verleger waren.
In meinen Alpträumen versuchte ich, Mitglied im Bödeckerkreis zu werden.
Ich betrat eine Halle, in der ein Dutzend von mir bewunderter Autoren saßen und mich mit strengen Gesichtern ansahen.
Ich sollte ihnen etwas vorlesen.
Schweißgebadet stammelte ich ein paar Sätze aus einem meiner Bücher herunter und ich ahnte bereits ihr Urteil.
In ihren Augen war ich eine Art Insekt.
Auf keinen Fall aber mehr als ein lästiger Typ, der sie daran hinderte, endlich zu den wichtigen Dingen zu kommen,
die sie zu besprechen hatten.
Ich schrieb einen Brief an einen gewissen Herrn Noack, der nicht nur Autor war, sondern wohl auch Verlagsleiter –
und bei Bödeckers eine gewichtige Stimme hatte. Ich traute mich aber nicht, den Brief abzuschicken.
Ich wollte dazugehören, wusste aber nicht, wie ich das anstellen sollte. Hätte man mich damals gefragt,
was mir lieber wäre: ein Sitz in der Bundesregierung oder als Autor im Bödeckerkreis zu sein,
ich hätte über die Antwort keine Sekunde nachgedacht. Nichts wäre mir wichtiger gewesen, als Autor im Bödeckerkreis zu sein.
Das Goethe-Institut, die Friedrich-Ebert-Stiftung – für mich kam zuerst dieser geheimnisumwobene Bödeckerkreis,
dann ganz lange nichts. Dann vielleicht das Goethe-Institut und die Friedrich-Ebert-Stiftung.
Als ich abends zuhause saß und darüber nachdachte, wie ich dieses freie Leben noch länger durchhalten konnte, klingelte das Telefon.
Ein Herr Bödecker meldete sich. Es wurde ein sehr langes Gespräch.
Offensichtlich wusste er mehr über meinen Beruf und die damit verbundenen spezifischen Probleme als ich selbst.
Ruhig erklärte er mir Sachzusammenhänge, machte mir Mut und lud mich für eine Woche ein.
Drei Veranstaltungen am Tag in Schulen sollte ich abhalten. Das Hotel wurde für mich bezahlt, die Fahrtkosten auch.
Das Honorar, von dem er sprach, mag uns heute nicht üppig erscheinen. Für mich war es damals die Rettung.
Das bedeutete, eine Lesewoche pro Monat und ich könnte den Rest des Monats ohne Sorgen schreiben.
Das Problem war nur, ich glaubte dem Mann am Telefon kein Wort. Ich dachte, dass mich jemand verarschen will.
Denn der Mann dort behauptete, Herr Bödecker zu sein.
Und das war für mich genauso absurd, als hätte mich Goethe vom Goethe-Institut oder Friedrich Ebert von der Friedrich-Ebert-Stiftung angerufen.
Ich beendete das Gespräch, nicht er. Ich sagte ihm, verarschen könne ich mich alleine und legte auf.
Wenige Tage später, ich kochte meiner Tochter einen Milchbrei
(ich hatte die Packung Milumil und eine Packung Pampers im Supermarkt geklaut, und wer von euch weiß,
wie sperrig diese Dinger sind, ahnt vielleicht, wie schwierig es ist, sie aus einem Supermarkt zu entwenden),
kam der Postbote. Ich ging gar nicht zur Tür. Das Öffnen der Post war zu der Zeit immer recht deprimierend.
Zwischen Absagen von Zeitungen, Sendern und Verlagen fanden sich regelmäßig Mahnungen und unbezahlte Rechnungen.
Diesmal war noch etwas dabei: Eine Einladung nach Hannover. Eine Woche.
Drei Lesungen am Tag. Genau wie der Typ am Telefon versprochen hatte.
Dabei lag noch eine Einladung zum Tee. Das Ganze unterschrieben mit »Hans und Katja Bödecker«.
Nie wieder musste ich klauen gehen, um als Künstler zu überleben.
Klaus-Peter Wolf