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Literarische Zeugnisse - Westerwald
Literarische Zeugnisse aus den rheinland-pfälzischen Regionen:
Westerwald
Klaus-Peter Wolf, 1954 geboren, lebt als freier Schriftsteller und Drehbuchautor in Norden (Ostfriesland). Er wurde im In- und Ausland mit vielen Preisen ausgezeichnet. Seine Bücher (Romane, Kinder- und Jugendbücher) wurden in 21 Sprachen übersetzt
und über acht Millionen mal verkauft. Zu seinen Spielfilmen zählen mehrere Beiträge für die Krimi-Reihen »Polizeiruf 110« und »Tatort«. Sein Kinder-Western »Meine Mutter haut sogar Django in die Pfanne« (in deutscher Sprache nicht mehr erhältlich) spielt in Altenkirchen im Westerwald.
Klaus-Peter Wolfs neueste Produkte:
»Karma-Attacke« (Roman, Scherz-Verlag)
»Felix - Die Kunst des Lügens« (Jugendbuchreihe, Ueberreuther-Verlag)
»Ritterfest und Drachentanz« (CD bzw. MC mit Liedern und Geschichten von Rittern, Drachen und Seeungeheuern, Jumbo Medien & Verlag).
Einige Zeilen aus »Meine Mutter haut sogar Django in die Pfanne«
Johannes hatte Beine wie Pommespicker. Er stand lässig an die Imbisstube gelehnt und schraubte sich eine Currywurst rein. Er selbst nannte sich John. Little John. Oder auch einfach Sheriff. Er hatte wenig Freunde. Ein Mann wie er brauchte keine Freunde. Er kam selbst klar. Aber diese Stadt brauchte Männer wie ihn. Bevor das Nest ganz und gar herunterkam, würde er durchgreifen.
Um zu verschleiern, was hier vor sich ging, nannten die Leute die Stadt Altenkirchen. Altenkirchen! Das klang friedlich. Harmlos. In Wirklichkeit hieß das Nest Goldstaubtown. Und dort, wo Autobahnhinweisschilder standen, begann bereits das Indianergebiet. Immer wieder fielen Leute darauf herein. Ganze Familien verließen sich auf diese Hinweisschilder. Sie kehrten nie wieder zurück. Und denen die Flucht gelang, die schwiegen aus Angst. Aber er ließ sich nicht täuschen. Er wusste, wo es langging. ...
Bereit, seinem Boss Rückendeckung zu geben, zog Michel seine Wasserpistole. Er pustete ein paar Staubkörnchen aus dem Lauf. Eine Wasserpistole mit verstopfter Öffnung kann im entscheidenden Moment versagen.
Laut tönte die Stimme des Sheriffs über den Platz: »Es stört mich schon lange, dass hier jeder seinen Mist einfach hinwirft! So wird aus Goldstaubtown nie eine anständige Stadt! Jetzt werdet ihr schön braveuren Müll wieder einsammeln. Und wenn ich auch nur noch eine Zigarettenkippe oder einen Glassplitter sehe, dann ...« Michel zielte genau in die Richtung der Motorräder. Aber die Bande ergriff nicht die Flucht, im Gegenteil. Lautes Lachen hallte Johannes und Michel entgegen. »Guckt euch die Knirpse an.« »Wenn du mein Motorrad nass machst, knall ich dir eine!« ...
»Na«, fragte Mutter, »wie war dein Tag, was hast du heute gemacht?«
»Ach nichts. Mich gelangweilt wie immer. Hier in Altenkirchen ist doch nichts los.«
Ein ganz persönlicher Text zum Westerwald
Ich bin ein echter Großstadtmensch, aufgewachsen in Gelsenkirchen. Von dort zog ich nach Köln. Nach Rheinland-Pfalz kam ich als Flüchtling. Ja, genau so muss man das wohl sagen. Ich hatte mich in Köln an dem Projekt eines Autoren eigenen Verlages beteiligt. Wir wollten »den Bertelsmännern zeigen, wie man Bücher macht«. Ich wurde zum Geschäftsführer gewählt. Zunächst waren wir sehr erfolgreich, dann musste ich erfahren, dass »RR« Rückgaberecht heißt. Der Verlag ging pleite. Ich hatte 2,7 Millionen D-Mark Schulden an den Hacken und die Gläubiger waren sofort hinter mir her. Alles wurde gepfändet, sogar meine Schreibmaschine.
In Köln konnte ich mich nicht länger halten. Zusammen mit ein paar Freunden suchte ich einen Unterschlupf, um von dort aus in Ruhe einen beruflichen Neustart zu wagen. In Köln war niemand bereit, mir bei meinen Einkommensverhältnissen eine Wohnung zu vermieten, geschweige denn ein Haus, in das wir alle als Wohngemeinschaft einziehen wollten.
In dem kleinen Dörfchen Selbach-Brunken im Westerwald sahen die Menschen das weniger eng. Ein kleines Mädchen aus dem Dorf, Eva Wagner war ihre Name, legte sogar einen Blumenstrauß als Willkommensgruß vor unsere Tür. Ich war zutiefst gerührt.
Das Haus war natürlich schon etwas baufällig und wenn im Winter der Wind günstig stand, hatten wir im Flur ein kleines Schneetreiben. Trotzdem überstanden wir dort die ersten drei Jahre. Meine Tochter Mona wurde dort geboren und Eva wurde schnell ihre Babysitterin.
Dort schrieb ich einige Bücher, die glücklicherweise Bestseller wurden, und ein paar Einschaltquotenhits fürs Fernsehen, sodass ich es mir bald schon leisten konnte, mit meiner kleinen Familie in ein besseres Haus zu ziehen. Freunde aus verschiedenen Großstädten versuchten, mich zu locken. Nach Hamburg, Bremen, Dortmund, Düsseldorf und natürlich war auch Köln wieder im Gespräch, denn inzwischen war über den Konkurs doch Gras gewachsen. Aber ich entschied mich, im Westerwald zu bleiben. Inzwischen hatte ich dieses Völkchen dort echt lieb gewonnen. Freundschaften waren entstanden und ich hatte die Landschaft lieben gelernt.
Ich entwickelte meine Bücher und Filme auf langen Spaziergängen in den Wäldern um Altenkirchen, an der Nister und am Seelbach. Und etwas anderes war geschehen. Meine Verleger machten mich darauf aufmerksam, dass es inzwischen einen neuen Menschentyp gab: Waren vorher meine Romane geprägt von Ruhrgebietsfiguren und hatten den urbanen Charakter dieser gigantischen Stadt, tauchten jetzt rheinland-pfälzer Gestalten auf.
Altenkirchener Figuren spielten eine immer größere Rolle. Menschen aus Koblenz, Neuwied und natürlich aus den Dörfern rund um Hamm, wissen, Betzdorf und Altenkirchen. Dies fiel auch den Menschen dort auf. Einige erkannten sich in meinen Büchern wieder, manche fühlten sich gebauchpinselt, verschenkten Romane von mir, ja signierten sie sogar, andere wiederum waren beleidigt, ja drohten mit Klagen (was sie natürlich nie taten). Deshalb griff ich zu einem Trick: Ich erfand das kleine Westerwalddorf Ichtenhagen, mit der Kreisstadt Weierstädt.
Das alles hat es so nie gegeben. Dies ist mein Westerwald. In Ichtenhagen kann ich zum Bürgermeister wählen, wen ich will und ich kann ihn auch wieder stürzen. In vielen Filmen und Romanen von mir wurde der Ort Ichtenhagen an der Ichte beschrieben. Natürlich erkennen die Menschen sich und die Gegend trotzdem wieder. Aber jetzt vielleicht mehr mit einem Schmunzeln, weil sie sagen: »Ach, sieh mal, das ist ja Altenkirchen.«
Nein, es zog mich nicht in die Großstadt zurück. Ich brauche nicht vierhundert italienische Restaurants in meiner Nähe. Ich gehe ja dann doch nur in einem essen. Und über das Klischee: »Wie kann einer wie du da wohnen? Da ist doch kulturell nichts los«, konnte ich nur lachen, denn die Wirklichkeit hatte mich eines Besseren belehrt.
Kulturell tobt in Rheinland-Pfalz der Bär, so zumindest empfinde ich es bis heute. Die Zelt-Kulturtage in Altenkirchen sind doch längst Legende geworden. Ich selbst gründete in Altenkirchen 1987 die Literarische Werkstatt, die sehr schnell viele Talente anzog. Bis heute arbeitet die Werkstatt. Sie trifft sich noch immer im Gründungshaus, im Haus Felsenkeller, und viele Talente, die sich schließlich auch auf dem großen Buch- und Filmmarkt durchgesetzt haben, kommen von dort.
So ist es gar nicht verwunderlich, dass ich sofort ja sagte, als mich mein Filmproduzent fragte, ob ich nicht Lust hätte, eine Fernsehserie zu entwickeln, die in Rheinland-Pfalz spielt. Aber über diese Zukunftsmusik darf ich jetzt an dieser Stelle noch nichts sagen. Voller Freude habe ich den Tatort »Abgezockt« für die Kommissarin Lena Odenthal geschrieben, der ja in Rheinland-Pfalz spielt.
