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Lernt gemein zu sein
Workshop Stoffentwicklung in Daun – Ein Erfahrungsbericht
Claudia Schreiber hat das Potential der »Psychodrama«-Technik für die Stoffentwicklung erprobt. Im Dauner Workshop von Klaus-Peter Wolf hat sie ihr Drehbuch aufgestellt.
von Claudia Schreiber
Da sitzen gestandene Autoren, die neue Anstöße suchen. Die Hausfrau aus Daun, die mal reinschnuppern will. Journalisten, die fiktive Arbeit interessiert. Der Rechtsanwalt aus Berlin, der entschieden hat, was völlig anderes zu machen. Die Buchautorin, deren Stoff zu einem SAT.1 Krimi verarbeitet wurde. Das junge Liebespaar, das gemeinsam schreibt. Oder die Producerin, die die Stoffe besser beurteilen will, die auf ihrem Schreibtisch landen. Eine große Gruppe, aber jeder kommt zu seinem Recht.
Die Figuren meines Plots machen, was sie wollen
An diesem intensiven Tag stellen wir insgesamt acht Filmstoffe auf. In meiner Geschichte, an der ich gemeinsam mit Angelika Hensgen aus Köln arbeite, spielt der Rechtsanwalt einen Ehemann, eine lebenserfahrene Verwaltungsangestellte seine Ehefrau. Die Rolle der schwierigen dominanten Frau übernimmt Bettina Göschl, die Assistentin von Klaus-Peter Wolf.
Für jede unserer Figuren sollten wir einen Platz im Raum finden. Zentral die Oma: sie stellt sich gar auf einen Stuhl – über alle anderen, als halte sie die anderen wie Marionetten an unsichtbaren Fäden fest. An der Seite der Oma der Ehemann, seine Frau an den Rand gedrückt. Vor ihnen, wie ein Schutzschild, eine junge Frau, die in diese Familie geraten ist.
Wir erklären jeder Figur feierlich wer sie sei, was für einen Konflikt sie habe, was für ein Ziel. Stellen auf und bestimmen: Du bist jetzt Julia, 19 Jahre. Dass der aufgestellte Mensch in Wirklichkeit ein Bär von Mann ist, stört schon nach Sekunden nicht mehr. Er schlüpft in Julias Rolle, lebt ihr Leben.
Und nun passiert es: die aufgestellten Teilnehmer entdecken an sich ein sehr empfindliches Organ, das die Konflikte der Figuren nicht nur erkennt, sondern sie mit Haut und Haaren aufspürt. Wir verfügen wohl alle über einen sozialen Instinkt, der hier produktiv sein kann.
Unsere eigenen Figuren beginnen, auf Fragen zu antworten, die Klaus-Peter Wolf ihnen stellt.
Dem Ehemann ist klar, dass die Oma seine Ehe stört. Die Ehefrau hat sich Julia als Helferin ins Haus geholt.
Klaus-Peter wechselt zur Oma und fragt sie: »Was wäre das Schlimmste, was dir passieren kann?«
Wenn Julia ihr zu nah käme.
Klaus-Peter Wolf: »Mach deinem Held das Leben schwer. Geht's ihm schlecht? Gut so!«
Julia soll das mal tun, sie mischt dadurch die Szene auf. Plötzlich gerät die Oma außer Balance, verliert ihre Macht. Das macht die scheue Ehefrau sicherer. Die bewegt sich endlich, geht auf ihren Mann zu, will eine Beziehung. Jetzt denkt die Autorin: Prima, die Ehe hat eine Chance. Aber der verflixte Ehemann macht, was er will, er liebäugelt mit dem jungen Mädchen.
Was ist denn mit unseren Figuren los? Wir kennen Sie, haben sie selbst entwickelt. Wissen scheinbar, was sie wollen. Kaum sind sie aufgestellt, zeigen sie auch andere Züge oder Leidenschaften. Jeder Autor ist verblüfft bis erschrocken, was seine eigenen Figuren da plötzlich von sich geben!
Oder, noch interessanter: da stehen Figuren, schön ausgedacht. Sollten betrügen, stehlen oder morden. Aber er passiert gar nichts. Sie haben keinen Konflikt miteinander. »Wieso« fragt eine Figur, »soll ich den anderen verraten? Der hat mir doch gar nichts getan.«
Binsenweisheit, aber immer wieder richtig: Der Konflikt zwischen den Beteiligten ist nie groß genug. Harmonie mag in Familien wünschenswert sein, in Krimistoffen stört sie gewaltig! „Besonders, wenn man seine Figuren mag, neigt man dazu, sie zu schonen“ erklärt Klaus-Peter Wolf.
Also wird umgestellt, aufeinander gehetzt, verleumdet oder betrogen. Schon passiert es: der Plot lebt. Diese Methode brauch nicht zwangsläufig einen Workshop, man kann so etwas sogar als Party laufen lassen: man lädt Freunde zum Essen ein, aber vorher müssen sie spielen. Man gibt ihnen die Identitäten der Figuren, hat die Expedition im Kopf, stellt sie auf und stellt sie um. Lässt sie nachspüren, wie es ihnen geht, was sie wollen oder nicht. Dieser Tag hat sich gelohnt, ein exzellenter Workshop, der viel bewirkt hat.
