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Karma-Attacke
Erfolgsautor Klaus-Peter Wolf, sein neuer Psycho-Thriller und seine Erfahrungen als Reinkarnationstherapeut
VON CHRISTIAN SALVESEN
»Für die meisten Menschen war Vivien einfach nur verrückt. Für Professor Peter Ullrich
dagegen war sie ein Lichtwesen wie wir alle. Nur dass bei ihrer letzten
Wiedergeburt etwas schief gelaufen war. Ihr Gedächtnis war nicht vollständig gelöscht
worden. Sie war nicht wie andere Neugeborene aus dem Nichts gekommen, in
das wir alle immer wieder kommen und gehen, sondern sie hatte ihr Leben
mit Erinnerungen an eine schreckliche Vergangenheit begonnen, die es eigentlich
gar nicht gegeben haben konnte. Zumindest nicht auf diesem Planeten.«
So beginnt der neue Roman eines deutschen Autors, der gewohnt ist, mit seinen Büchern und deren Verfilmungen ein Millionenpublikum zu begeistern, das wenig mit Esoterik am Hut hat. Für viele Leser wird schon dieser erste Absatz eine ungewöhnliche Herausforderung bedeuten. Lichtwesen, Wiedergeburt, aus dem Nichts kommen und dorthin zurückgehen? Sich an frühere Leben erinnern, womöglich an ein Dasein auf einem anderen Planeten? Was da auf einen zukommt, ist sicher kein normaler Thriller.
Wie bei seinen bekannten früheren Romanen begnügte sich Klaus-Peter Wolf auch hier bei seinen Recherchen nicht mit Textstudien und Infosammlungen. Gründete er z.B. für seinen Roman Traumfrau eine Firma für Frauenhandel mit offizieller Steuernummer – ohne natürlich irgendeinen Deal abzuschließen – so ließ er sich im Rahmen seiner Recherchen zu Karma-Attacke zum Reinkarnationstherapeuten ausbilden. Unter Anleitung von Viktoria Stratenwerth nahm er an über 150 Rückführungen teil, als Rückgeführter und als Rückführer. Bald war er nicht nur als Autor, sondern auch als Reinkarnationstherapeut gefragt. Geld hat er für seine (schriftlich aufgezeichneten) Rückführungen nie genommen. Das alles war und ist Recherche. Eine Recherche allerdings, die ihn über die Grenzen seiner persönlichen Existenz hinausgeführt hat.
Die Begegnung
Ich stehe auf Gleis 10/11 auf dem Kölner Hauptbahnhof. Vorweihnachtsrummel, dichter, trüber Nebel mit Nieselregen. Menschenmassen drängen sich an die Züge. Nachdem der dritte Zug in Richtung Köln-Dellbrück, wo K.-P. Wolf auf mich wartet, vor meinen Augen abgefahren ist, kriege ich die Panik. Eine Karma-Attacke? Wie oft hatte ich nicht schon von Bahnhöfen geträumt! Ich plötzlich auf den Gleisen, ein Zug nach dem anderen rast auf mich zu, gerade noch an mir vorbei. Bin ich hier in einem Albtraum gefangen? Der Lärm auf dem Kölner Bahnhof bringt mich in die Gegenwart, macht mich wach, aber nicht entspannt. Endlich, 45 Minuten zu spät für die Verabredung, sitze ich im Zug.
In Dellbrück finde ich den beschriebenen Renault auf dem Parkplatz. Mein Interviewpartner hat also geduldig auf mich gewartet. Da höre ich auch schon sein 'Hallo' vom Bahnhof her. Ich hatte das Foto von K.-P. Wolf auf dem Buchumschlag gesehen. Doch als er mir seine Hand zur Begrüßung reicht und ich in seine grauen Augen blicke, kommt mir ein Freund in Erinnerung. Ich weiß nicht, wann und wo ich ihn zuletzt sah, weiß nicht einmal seinen Namen, doch ich weiß: Wir kennen uns. Es ist ein gutes, vertrautes Gefühl. Wir fahren durch den kleinstädtischen Vorort mit seinen Verkaufslichtern. K.-P. Wolf erzählt nicht von den Filmstudios in Babelsberg und den berühmten Regisseuren und Schauspielern, mit denen er zusammenarbeitet, sondern von seinen Lesungen in Schulen und Diskussionen mit Schülern. Schon morgen geht's weiter auf eine einwöchige Tour – auf Anfrage von Lehrern. Der Überwiegende Teil seiner Bücher ist für Kinder und Jugendliche geschrieben und in viele Sprachen, sogar ins Chinesische übersetzt. Der Mann mit dem dünnen blonden Zopf hinten liebt die Jugendlichen, soviel ist klar. Sie sind neugierig, wollen wissen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer bin ich wirklich? Fragen, die die etablierten Erwachsenen nicht stellen und verdrängt haben.
Das Risiko
Bekanntlich sind Themen wie Vergangene Leben und die damit verbundenen existentiellen Fragen in der heutigen Medien- und Ärzte-Landschaft immer noch tabu. Doch was mir der renommierte, in eben dieser Welt so anerkannte Autor der Karma-Attacke in seiner Wohnung erzählt, übertrifft meine Befürchtungen.
»Ich habe vielen mir bekannten Redakteuren und Journalisten, Ärzten und Neurologen angeboten, einen Test zu machen: Eine Rückführung mit von ihnen gewählten, neutralen Zeugen. Ob sie mich nach dem Versuch als Spinner oder Scharlatan darstellen, wäre ihre Sache. Glauben Sie, auch nur einer hätte sich darauf eingelassen? Null! Ja, privat, inkognito, da ist Interesse. Aber für einen offiziellen journalistischen Bericht oder als Möglichkeit, für die eigene therapeutische Praxis etwas dazu zu lernen? Nein, danke! Ist das nicht verrückt! Ich muss da innerlich lachen.«
Und er lacht jetzt ganz laut. Keine Verbitterung, kein Vorwurf spürbar.
Nun, für diesen Widerstand, diese Angst vieler Menschen vor so etwas wie einer Rückführung
gibt es nachvollziehbare Gründe. Das muss nicht nur die Angst
sein, öffentliches Ansehen zu verlieren. Zwar wünscht sich im
Grunde jeder die innere Gewissheit, dass sein Leben nicht auf
eine relativ kurze, messbare Spanne begrenzt ist. Doch Gewissheit
kann nur auf eigener Erfahrung beruhen. Sich tatsächlich auf eine
Rückführung in vergangene Leben einzulassen, erfordert einigen
Mut. Das bisherige Weltbild könnte zerbrechen. Man könnte
in ein bodenloses Nichts stürzen. Und eben auch plötzlich von
etwas überzeugt sein, das in unserer Gesellschaft nicht anerkannt
ist. Und wie soll es dann weitergehen, z. B. mit dem Beruf als
Journalist oder Arzt?
Der innere Ruf
Der Impuls zu einer derart riskanten und existentiellen Selbsterforschung kommt meist nicht durch Anregungen von außen, sondern von tief innen. So war es auch bei K.-P. Wolf. Schon als Junge hatte er in einigen extremen Situationen Erfahrungen gemacht, die in den Grenzwissenschaften als außerkörperlich eingestuft werden. Ein Autounfall:
»Ich erinnere die Szene aus einer scheinbar unmöglichen Perspektive: Ich sehe den Unfall von oben. Ich sehe mich durch die Luft fliegen, sehe, was mit dem Schulranzen passiert, wie ich in den Krankenwagen verladen werde, wie meine Mutter dazusteigt – sogar die Operation.«
[Und 1993 eine Herzoperation:]
»Ich wurde in der Intensivstation wach, sah mich aber von oben im Bett liegen. Das Verrückte war: Ich kriegte die Augen gar nicht auf. Dazu war ich zu schwach. Ich sah aber, was geschah, als würde ich über mir im Raum schweben.«
»Mein materialistisches Weltbild geriet immer mehr ins Wanken. Ich erlaubte mir endlich, die Erfahrungen als Kind ernst zu nehmen und sie mit anderen zu diskutieren. Ich traf Menschen, die meine Erlebnisse überhaupt nicht merkwürdig fanden. Buddhisten erzählten mir davon, dass wir nach dem Tod wieder geboren werden, zurück auf die Erde kommen und erneut in den Kreislauf eintreten. Der Gedanke, dass nur unser Körper stirbt, die Seele aber nach dem Tod den Körper verlässt und wieder geboren wird, taucht ja in vielen Kulturen und Weltreligionen auf.«
Heilung
Sollten wir schon viele Leben hinter uns haben, dann sind womöglich noch Erinnerungen daran in uns gespeichert? Und vielleicht gibt es auch Methoden, sie zu aktivieren! Solche Fragen führten K.-P. Wolf schließlich zur Reinkarnationstherapie. Schamanen haben seit Urzeiten mit Hilfe von Drogen und bestimmten, Trance auslösenden Techniken sich selbst und andere in nichtalltägliche Bewusstseinsebenen geführt, in Bereiche, wo vergangene Leben erfahren werden können. Doch in unserem westlichen Kulturkreis ist der Gedanke, durch Rückführung zu heilen, erst vor etwa 50 Jahren aufgekommen. Unzählige Menschen haben sich seitdem über die Tiefenentspannung in die Abgründe der Seele führen lassen, haben sich in ein früheres Leben versetzt gefühlt und dabei oftmals schreckliche Dinge durchlebt, wohl wissend, dass ihr jetziger Körper entspannt auf dem Boden liegt. Und dieses Erleben wirkte sich nachweislich und nachhaltig positiv auf ihr Leben im Hier und Jetzt aus. Chronische Schmerzen, Phobien, Ess-Brech-Sucht und viele andere Symptome, die vorher kein Arzt oder Therapeut heilen konnte, verschwanden.
Häufig erweisen sich die aufgezeichneten Berichte von Zurückgeführten als historisch richtig. Für die Therapie ist das nicht wichtig. Sie wirkt sogar, wenn man nicht an vergangene Leben glaubt. Doch beides ist verblüffend: die Heilwirkung und die Übereinstimmung mit historischen Fakten. So erlebte sich K.-P. Wolf als einen Chinesen, der während eines Aufstandes von Engländern verfolgt wurde. Schon während der Rückführung musste er über seinen Namen lachen:
»Hansi? Warum nicht gleich Otto? Doch die anschließende Internet-Recherche zeigte: Han Si ist ein häufiger Name in China. Und es gab einen Aufstand in der betreffenden Region, zunächst gegen Franzosen, und dann, genau in dem während der Rückführung angegebenen Jahr, auch gegen Engländer.
Was mich völlig beeindruckte – ich hatte jetzt, nach der Rückführung, während wir dort saßen und einen Kaffee tranken, immer noch einen mörderischen Hass in mir auf Engländer. Solche Gefühle sind mir sonst im Leben völlig fremd.«
Bei einer Karma-Attacke können derartige Emotionen wie aus heiterem Himmel über einen hereinbrechen. Das Spektrum ist
weit gefächert. Wenn K.-P. Wolf in
Buchhandlungen aus seinem
Roman vorliest, kommt es anschließend zu intensiven Gesprächen. Die Menschen öffnen ihr Herz, berichten von intimen Dingen, die sie sich vorher nicht
erklären oder auch nicht mitteilen konnten.
Unsere Welt
Karma-Attacke ist ein Psycho-Thriller, der tiefer in die Abgründe der Seele vorstößt als etwa Das Schweigen der Lämmer. Die Hauptfiguren des Romans sind die 15-jährige Patientin Vivien, ihr Therapeut, Dr. Ullrich, der ermittelnde Kommissar Acker und ein Jugendlicher namens Tom. Sie alle sind miteinander karmisch verstrickt. Ihr gegenwärtiges Leben wird von einer gemeinsamen Vergangenheit auf dem Planeten Thara bestimmt. Thara steht für die gesamte archaische Gewalt auf der Erde. Die Protagonisten entdecken, während sich die äußeren Schichten der Persönlichkeit abschälen, ihre Herkunft und ihre Bestimmung.
»Ich führe die Dinge im Buch zu ihrem Ursprung zurück. Was die Reinkarnationstherapeuten mit ihren Klienten machen, das mache ich hier als Romanschriftsteller«, sagt K.-P. Wolf. »Wenn Menschen zu mir kommen, die wirklich in Not sind, dann wird sich in der Rückführung kein angenehmes Leben offenbaren. Denn hier wird ja die Ursache eines Problems gesucht, das bisher nicht zu lösen war, auch nicht medizinisch oder therapeutisch. Es werden womöglich Szenen von Schlachten, Folter, Vergewaltigung oder Hinrichtung durchlebt. Doch so kann die Heilung geschehen. Die Geschichte der Menschheit ist voller Gewalt. Und die meisten von uns sind in ihrem gegenwärtigen Leben immer noch von dieser Vergangenheit beherrscht, ja besessen. Unbewusst. Das zeigt sich auch auf der politischen Ebene. Die Welt sähe vielleicht anders aus, wenn sich Leute wie George Bush und Osama bin Laden rückführen ließen.«