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Ganz dünnes Eis
Ein Schriftsteller hat Bekenntnisse pädophiler Männer in einem Roman verarbeitet.
Die Heiratsvermittlung »Hot pants« im Westerwald-Städtchen Altenkirchen erwies sich als lohnendes
Unternehmen für die Literatur. Die Bekenntnisse der Männerkundschaft auf Partnersuche lieferten reichlich Stoff
für Romane.
Denn der Chef Klaus-Peter Wolf, 38, ist Schriftsteller. Die Firma mit dem heißen Namen hatte er gegründet, um im
Milieu Informationen zu sammeln. Schon in dem Tatsachenroman Traumfrau über den schwunghaften
Import exotischer Ehepartnerinnen tauchte »Hot pants«-Kundschaft auf. Mit dem Buch machte Wolf vor zwei
Jahren Furore (SPIEGEL 37/1989). In seinem jüngsten Roman »Kapuzenmann« steht eine besonders schlimme
»Hot pants«-Klientel im Mittelpunkt: Mehrere Kinderschänder gaben sich dem Heiratsvermittler auf Zeit zu erkennen*.
Dabei war gerade diese Kundschaft dem Eheanbahner zunächst gar nicht so unsympathisch erschienen: Männer, die
auf den ersten Blick mit der Wunschpartnerin auch besondere familiäre Verantwortung übernehmen wollten. Gern
dürfe es eine Frau mit Kind sein, ließen die Kandidaten den auf Heiraten zwischen deutschen Männern und
Frauen aus der Dritten Welt spezialisierten Vermittler wissen. Wolf brauchte eine Weile, ehe er die furchtbare
Wahrheit begriff. Den kinderfreundlichen Herren ging es nicht um eine Partnerin, sondern um sexuelle Beziehungen zu minderjährigen Töchtern. Der Schriftsteller war auf eine perfide Variante von Kindesmißbrauch gestoßen.
Seither ist der Vater zweier Töchter von diesem dunklen Kapitel nicht mehr losgekommen. Die Erfahrungen mit
Männern, die sich bei »Hot pants« nicht nur eine Frau kaufen, sondern auch ein Kind dazu haben wollten, lieferten dem
Autor die Grundlage für weitere Recherchen.
Vor dem Hintergrund von Kinderprostitution und Kinderpornographie beschreibt Wolf die Psyche von Männern,
die sich sexuell an Minderjährigen vergehen. Hauptfigur ist ein Staatsanwalt mit Doppelleben.
Was Kindermissbraucher denken und fühlen, erfuhr der Schriftsteller bei Kundengesprächen am Telefon oder beim
Bier im örtlichen China-Restaurant. Einige der Herren machten sich kaum die Mühe, ihre verbrecherischen Neigungen
zu verbergen. Besonders hemmungslos plauderte ein seriös auftretender Vierziger, der eigens aus dem Ruhrgebiet angereist war. Wolf war entsetzt. »So nett, so locker, so ohne Unrechtsbewusstsein«
konnte der Interessent ihm vermitteln,
welche Vorteile eine Asiatin mit Kind bringt.
Bei einer deutschen Partnerin müssen Männer weit eher mit Entdeckung rechnen. Gefahr droht vor allem, wenn sie sich von der Frau trennen wollen. Das Risiko steigt auch, wenn das missbrauchte Mädchen erwachsen wird, sich einem Freund anvertraut und ermutigt wird, Strafanzeige zu erstatten.
Holt sich ein Täter dagegen eine nicht deutsch sprechende Thailänderin mit Tochter, kann er sich ohne größere Gefahr nach zwei, drei Jahren scheiden lassen – sobald das Mädchen »zickig« wird, wie es ein Aspirant bei »Hot pants« ausdrückte. Dann ist der Mann alle Sorgen los. Denn nach deutschem Ausländerrecht müssen die geschiedene Frau und ihr Kind zumeist in das Heimatland zurück, weil das Aufenthaltsrecht an die Ehe gebunden ist. Opfer und Zeugin sind beiseite geschafft; einer neuen Eheschließung mit einer anderen Frau mit Kind steht nichts mehr im Wege. Der Mann im China-Restaurant
schien zu wissen, wovon er sprach. Seit kurzem von seiner asiatischen Frau geschieden, sei er erneut auf der Suche,
ließ er den Eheanbahner wissen. In Ländern, wo bereits Zwölfjährige heiraten könnten, sei seine Vorliebe nichts Besonderes: »Nur wir Deutschen sind so verklemmt.«
Männer, die sich sexuell an Kindern vergehen, gibt es in der Bundesrepublik
beängstigend viele. Nach Kriminalstatistiken aus dem Jahre 1990 wurden allein in den alten Bundesländern rund 13000
Fälle von Kindesmissbrauch angezeigt. Experten schätzen aber, dass jährlich 150000 oder sogar 300000 Kinder Opfer von Sextätern werden. Nur vereinzelt gibt es therapeutische Gruppen und Kinderhilfezentren in den Kommunen, wo sich Psychologen um die Verbrechensopfer kümmern. In Deutschland sind jedes vierte Mädchen und jeder zehnte Junge von schweren sexuellen Übergriffen betroffen, rechnet man in der Mädchen-Beratungsstelle der Initiative »Wildwasser« in
Berlin. Am höchsten dürfte die Dunkelziffer bei Missbrauch in der engeren Familie liegen, wo die Abhängigkeit am
stärksten ist. Dort bleibt das Verbrechen meist auch über lange Zeit unentdeckt. Den Schutz der Familiensphäre missbrauchen
nun auch jene Pädophilen, die sich eine Asiatin mit Kind durch den Trauschein gefügig machen. Relativ häufig haben es die »Wildwasser«-Beraterinnen in Berlin oder Wiesbaden mit jungen Mädchen und jungen Frauen zu tun, die vom neuen Partner
ihrer Mutter missbraucht wurden. Vielfach schon beim ersten Kennenlernen fühlen sich die Töchter so »Wildwasser«-
Mitarbeiterin Sylvia Nitschke - von den Männern »intensiver begutachtet als die Mutter«. Autor Wolf will mit Lesungen in Betrieben, Frauenhäusern oder Schulen das Thema »aus dem Verborgenen holen«. Der Schriftsteller ist darauf vorbereitet, dass ihm in jeder Schulklasse mindestens ein sexuell missbrauchtes Kind gegenübersitzen wird. Wolf: »Ich gehe
über ganz dünnes Eis«
.
*Klaus-Peter Wolf: »Kapuzenmann«. Verlag am Galgenberg. Hamburg; 144 Seiten; 28 Mark