Film

Samstags, wenn Krieg ist

Polizeiruf 110

Werktags arbeitet Siggi Schmidtmüller in einer Konditorei in der Kleinstadt Ichtenheim und ist der nette Junge von nebenan. Samstags zieht er seine Springerstiefel an und geht mit einer Bande Rechtsradikaler um den hartgesottenen Anführer Wolf auf Sauf- und Randaliertour. Siggi hat einen geistig behinderten Bruder, Yogi, den er zwar gern hat, durch den er sich jedoch gleichzeitig eingeschränkt fühlt. Er muß öfter auf ihn aufpassen und seine Freunde ziehen sowieso über den »Bekloppten« her, der beim Adolf …
Siggi versucht, dieses Handicap wettzumachen, und strengt sich bei seiner Clique besonders an. So ist er auch bei der nächtlichen Schändung und Zerstörung eines jüdischen Friedhofs ganz vorn dabei. Als Siggi nach der anschließenden »Siegesfeier« in einer einschlägigen Kneipe nach Hause kommt, ist sein Bruder, auf den er eigentlich während der Abwesenheit seiner Eltern hatte aufpassen müssen, fort. Er sucht und findet ihn in einem Waldstück in der Nahe einer abgelegenen Pizzeria. Yogi ist völlig verstört, kann seinem Bruder aber nicht verständlich machen, warum. Yogi ist Zeuge eines Mordes geworden. Wolf, der Anführer der Skinheads, hat im Zorn seine Freundin Renate umgebracht, die sich wegen des Pizzeriabesitzers Gino von ihm trennen wollte. Wolf weiß, dass er von Yogi gesehen wurde, nimmt das wegen Yogis Zustand aber nicht sehr ernst. Er versucht, den Verdacht auf Gino zu lenken, was ihm auch gelingt. Da Renate zuletzt mit dem Italiener gesehen wurde und er für die Tatzeit kein Alibi hat, nimmt Hauptkommissarin Vera Bilewski Gino fest. Vera glaubt jedoch nicht lange an Ginos Schuld, und recherchiert in Renates ehemaligem Freundeskreis, also bei den Skins. Auch Siggi halt Gino für unschuldig. Er hat den furchtbaren Verdacht, sein Bruder, den er schließlich in der Nähe des Tatorts angetroffen hat und der sich seither äußerst merkwürdig benimmt, könnte der Mörder sein. Doch allmählich beginnt Siggi den wahren Zusammenhang zwischen Yogis Verhalten in Wolfs Gegenwart und Renates Tod zu ahnen. Wolf spürt das und fühlt sich außerdem durch die Recherchen der Kommissarin, die immer mehr auf ihn hindeuten, eingekreist. Wolf dreht durch und es kommt zu einer lebensgefährlichen Begegnung zwischen ihm und Siggi.

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Pressestimmen

»Es gilt ein kleines Meisterwerk anzupreisen, eins, das bereits zu den Münchener Filmfestspielen eingeladen war. Klaus-Peter Wolf hat es anschaulich geschrieben, Roland Suso Richter mit überzeugenden Darstellern spannend in Szene gesetzt, Hans Grimmelmann in erstaunliche Bilder gefasst.«von Manfred Loimeier – Fränkische Nachrichten – September 1997

Der Autor und sein Stoff

Einmal im Jahr nimmt der Schriftsteller Klaus-Peter Wolf sich einige Wochen Zeit, um mit Schülern über seine Romane und Filme zu diskutieren. So versucht er den Kontakt zu seinem Publikum zu halten.
Klaus-Peter Wolf: »Für mich sind diese Lesereisen sehr wichtig. So sehe ich, ob ich noch nah genug dran bin. Spreche ich noch deren Sprache? Verstehen die mich noch? Was denken die?«

In den letzten Jahren hat sich einiges verändert. Das Klima ist aggressiver geworden. 1990 stand ich zum ersten Mal vor einer Schulklasse, in der mehrere uniformierte Schüler saßen. Dabei blieb es nicht. Ich wurde mit »Heil Hitler« begrüßt und als »Judensau« beschimpft. Ich erlebte überforderte Lehrer, die vom Ausstieg träumten und nur noch mit Magenschmerzen zur Schule gingen. Ich begann mich auf meinen Lesereisen zunehmend für solche Jugendliche zu interessieren. Ich fragte mich, wie kommt so viel Hass in diese Kindergesichter. So wird ja wohl kaum jemand geboren. Der Kontakt war schwer. Oft unmöglich, manchmal sehr schweigsam. Aber nicht immer. Einige redeten und wenn der Damm erst einmal gebrochen war, und langsam Vertrauen keimte, wurde hinter den hohlen Sprechen, hinter der zur Schau getragenen Aggressivität das verletzte kleine Kind sichtbar. So fand ich meine Personen: Siggi, Wolf und die anderen Ultras. Ich begann den Roman »Samstags, wenn Krieg ist«.

Gleich nach den ersten Kapiteln spürte ich: Das ist ein Filmstoff. Der SDR signalisierte Interesse und von da an schrieb ich Roman und Film gleichzeitig.

Besetzung

Vera Bilewski
Angelica Domröse
Wolf Kleinhaupt
Heino Ferch
Siggi Schmidtmüller
Markus Knüfken
Yogi Schmidtmüller
Felix Eitner
Heinz, Veras Assistent
Martin Armknecht
Gino Oliverio
Martin Halm
Renate Kroll
Nick Saar
Kurt Rost
Patricia Rapp
Gisela Kleinhaupt
Isolde Barth
Ernst
Wolf-Dietrich Sprenger
Wotan
Walter Spiske
Frau Schmidtmüller
Brigitte Schauder
Herr Schmidtmüller
Michael Hanemann
Hausarzt
Alexander May

Vera Bilewski (Angelica Domröse)

Geboren am 4. April 1941 in Berlin. Ihr Schaupieldebüt gab sie in dem Film »Verwirrungen der Liebe« von Slatan Dudow. Noch während der Dreharbeiten bei der DEFA 1958 begann sie ein Schauspielstudium an der Babelsberger Filmhochschule. Ihr erstes Theaterengagement erhielt die Schauspielerin 1961 beim Berliner Ensemble, wo sie u.a. Babette in »Die Tage der Kommune« und Polly in der »Dreigroschenoper« spielte. 1967 wechselte sie zur Berliner Volksbühne, wo sie vor allem in klassischen Rollen von Shakespeare bis Hacks zu sehen war.

Bekannt und populär wurde sie in der früheren DDR, aber vor allem durch ihre rege Film- und Fernseharbeit. Berühmt wurden die Verfilmungen der Effi Briest sowie der DDR-Kultfilm »Die Legende von Paul und Paula«.

Ihre erste Filmrolle in der BRD spielte sie in »Die zweite Haut«. Seither war sie in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen, wie: »Hanna von acht bis acht« (1983), »Blanche oder Das Atelier im Garten« (1986), »Kir Royal« (1986) »Die Skorpionfrau« (1990) u.v.m.

Kürzlich stand Angelica Domröse beim SDR wieder vor der Kamera, in dem Fernsehspiel »Brandheiß: Die letzte Entscheidung«.

Neben der Filmarbeit hat die A.D. das Theater nicht verlassen. Sie war u.a. engagiert am Schillertheater in Berlin, sowie in Stuttgart und Wien.

Roland Suso Richter (Regie)

Roland Suso Richter wurde 1961 in Marburg geboren, er lebt in München und Hamburg.
Nach dem Abitur in Marburg 1980 machte er ein Praktikum bei einer Videoproduktionsfirma, wo er praktische Erfahrungen im Studiobereich sammelte u.a. bei Kamera und Licht.
1981 wurde er als Schauspieler für die Theateraufführung »Die Feuerzangenbowle« in München engagiert und stand zusammen mit Heiner Lauterbach auf der Bühne.
1982 machte er seinen ersten eigenen Kurzfilm mit dem Titel »Überflüssig«. 1983 ging er für vier Monate nach New York, wo er u.a. einen Regiekurs am H & B Studio belegte.
1982/83 drehte er seinen ersten Spielfilm, »Kolp«, der im Mai 1985 nach Cannes eingeladen wurde.

Weitere Filme:
»Nur Frauen, kein Leben«
»Auf dem Atlantik«
»Alles Paletti«
»Frohes Fest, Lucie«
»Freunde fürs Leben«
»Alles außer Mord«

Gerade hat er die Geschichte um den Bahnerpresser Dagobert abgedreht unter dem Titel »Das Phantom – Jagd nach Dagobert«.

Samstags mit Sprengstoff im Steinbruch

Der SDR beteiligt sich erstmals an der Krimiserie des früheren Deutschen Fernsehfunks

Es gilt, ein kleines Meisterwerk anzupreisen eines, das bereits zum Münchner Filmfest eingeladen war. Klaus-Peter Wolf hat es anschaulich geschrieben, Roland Suso Richter mit überzeugenden Darstellern spannend in Szene gesetzt, Hans Grimmelmann in erstaunliche Bilder gefasst »Samstags, wenn Krieg ist« ist der erste Beitrag des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart (SDR) zu der früher Ostdeutschen Krimireihe »Polizeiruf 110«; mit seinem Erstling bewies die SDR-Fernsehspiel-Redaktion, dass in Stuttgart derzeit Beachtliches geschieht »Samstags, wenn Krieg ist« greift eine Entwicklung im deutschen Alltag auf, nämlich den Rechtsradikalismus unter Jugendlichen! Da ist Wolf als Chef einer Bande, und da sind Siggi, die rechte Hand Wolfs, Yogi, der behinderte Bruder Siggis, Renate, die frühere Freundin von Wolf. Renate liebt neuerdings Gino, den Italiener aus der Pizzeria, und bald, nachdem Wolf seine Verflossene mit Gino beobachtet, ist Renate tot. Unter Verdacht gerät Gino, aber die Kommissarin wittert die wahren Hintergründe. Mit der Rolle der Vera Bilewski spielt Angelica Domröse erstmals eine Kommissarin, und diese tritt in dem »Polizeiruf 110« spät in Erscheinung. Bis dahin werden auf einem jüdischen Friedhof Grabsteine zerstört, aus Benzin getränke Hakenkreuze angezündet, demolieren Wolfs Freunde Ginos Pizzeria (was an Heike Misselwitzs Film »Herzsprung« aus dem Jahr 1992 erinnert). In einem Steinbruch explodiert Sprengstoff, beginnen verdeckte Ermittler zu spät mit ihren Beobachtungen. Vielleicht liegt das späte Eingreifen der Kommissarin aber auch daran, dass Autor Klaus-Peter Wolf schon 97 Seiten seines Buchs fertiggestellt hatte – es erschien unter dem Titel der Fernsehfolge bei Hoffrnann und Campe –, bevor es zur Zusammenarbeit mit dem SDR kam.

Regisseur Roland Suso Richter – er drehte auch »Frohes Fest, Lucie« – bietet mit diesem »Polizeiruf 110« harten Tobak, nämlich: Ein authentisches, nicht gestelltes Abbild der Realität. Da gluckert das Bier in die Kehlen der jungen Männer, als wohnte man einer Schweinefütterung bei, da quillt aus dem Bildschirm die dichte dumpfe Atmosphäre kleinbürgerlicher Gegenwart. All die Figuren werden glaubhaft verkörpert: von Heino Ferch (Wolf), Markus Knilfken (Siggi), Patricia Rapp (Wolfs Mutter) und Felix Eitner (der den Yogi so mimt, dass er den Spielfilm »Gilbert Grape« oder »Irgendwo in Iowa« mit Johnny Depp in Erinnerung ruft).

Was sich aber besonders festsetzt, sind die Bilder des Kameramanns Hans Grimmelmann. Bedrohlich groß wirken die Nahaufnahmen, gleichsam als Mittäter kommt man sich auf dem Friedhof vor. Faszinierend flackernde Lichtschauer ziehen über den Bildschirm, Filter verstärken den morastigen Effekt, heftig hechelt der Atem in die Nacht. Es gibt kein Entrinnen, denn »Samstags, wenn Krieg ist«, ist jeder dabei, bis zum Shotdown am Schlu, bis zum betretenen Schweigen, das Autor und Regisseur mittels einiger humoriger Szenen trotz allem noch fassbar machen.

Klaus-Peter Wolf übrigens schreibt für den SDR schon den nächsten »Polizeiruf 110«, den wieder Roland Suso Richter drehen und in dem Angelica Domröse erneut ermitteln wird. Es geht, wie der Autor sagt, um ein Heim für »gefallene Mädchen«, deren Kinder zur Adoption freigegeben werden. Die Körperlichkeit der Mädchen steht dabei in einem krassen Gegensatz zu der zurückgehaltenen Sexualität der Aufseherinnen, der Nonnen.

Manfred Loimeier

Film 15