Film
Die Machtergreifung – 1. Folge: Das Komplott
Ein Film von Peter Hartl und Klaus-Peter Wolf
Teil 2: Dienstag, 17.3.2009, 20:15 Uhr
Teil 3: Dienstag, 24.3.2009, 20:15 Uhr
Dieser Tag wurde zum blackout der Weltgeschichte. Wohl selten erwies sich ein Datum derart als Wendepunkt wie der 30. Januar 1933, als Adolf Hitler, zunächst eher unspektakulär, in das Reichskanzleramt einzog.
Dabei hatte das Schicksalsjahr 1933 alles andere als vielversprechend für Hitlers Partei begonnen. »Das neue Jahr!«, notierte Propagandachef Goebbels ins Tagebuch. »Sehr böse sieht es aus.« Die NSDAP hatte kurz zuvor nach rasantem Zuwachs erstmals wieder Stimmen verloren; mit dem Ablaufen der Wirtschaftskrise war auch ihre Konjunktur vorüber. Viele Zeitgenossen hatten Hitler bereits abgeschrieben.
Wie der politische Aufsteiger trotz schwindender Aussichten an die Macht geriet, wie sich ein demokratischer Verfassungsstaat in so kurzer Frist der diktatorischen Willkür ausliefern konnte, davon erzählt dieser Film aus der Nahperspektive - ein Lehrstück der Geschichte, gerade im 60. Jahr der deutschen Nachkriegsdemokratie. Bis heute ist weithin unbekannt, was sich Anfang '33 im Detail hinter verschlossenen Türen anbahnte. Gleichwohl liest sich der Verlauf dieses Dramenspiels aus Intrigen, Zufällen, Berechnung und Fehleinschätzungen wie das Drehbuch eines Kriminalfalls. Am Ende stand kein Betriebsunfall; Hitler war von den konservativen Eliten als Kanzler durchaus gewollt, wenngleich unterschätzt. Dennoch war seine Ernennung keineswegs unausweichlich, wie der Film nachweist; an entscheidenden Wendepunkten wären andere Auswege denkbar gewesen. Der Weg zur nationalsozialistischen Macht war keine Einbahnstraße.
Auch mit anderen verbreiteten Legenden räumt die Dokumentation auf. Hitler war keine »Strohpuppe«, gesponsert von der Großindustrie, wie bis heute kolportiert; seine Partei finanzierte sich vorwiegend aus den Zuwendungen ihrer Mitglieder. Reichspräsident Hindenburg war keineswegs der entscheidungsunfähige, den Einflüsterungen seiner »Hofkamarilla« erlegene Greis, als der er in der Rückschau gern beschrieben wird. Er traf die Wahl für Hitler bewusst, sie fügte sich in sein antiparlamentarisches Weltbild, und er bedauerte bis zu seinem Tod seine Entscheidung nicht.
Der Film doziert den Gang der Ereignisse und ihre Hintergründe nicht vom akademischen Stehpult aus, sondern erzählt ihn aus der Sicht einer damals jungen Journalistin aus Frankreich. Als Korrespondentin der französischen Zeitung Le Matin in Berlin hat Stéphane Roussel den dramatischen Ablauf aus unmittelbarer Nähe miterlebt, später hat sie ihre Erlebenisse in Aufzeichnungen und Interviews festgehalten. Ihre Sichtweise eröffnet einen menschlichen und auch für jüngere Zuschauer nachvollziehbaren Zugang in eine heute fern scheinende Vergangenheit. Als Sprecherin leiht die bekannte Schauspielerin Senta Berger der Augenzeugin ihre Stimme.
Dokumentiert werden die minutiös nachgezeichneten Vorgänge durch weltweit recherchierte Archivfilmaufnahmen, von denen annähernd die Hälfte kaum bekannt oder gänzlich neu erschlossen ist, darunter Farbbilder von 1933 und privat gedrehte Filmaufnahmen aus einem frühen Konzentrationslager.
Das ZDF sendet die dreiteilige Dokumentationsreihe »Die Machtergreifung« zum Auftakt des Erinnerungsjahres 2009. 90 Jahre nach der Entstehung der Weimarer Republik, 60 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland führt die Dokumentation vor Augen, wie die erste deutsche Demokratie binnen kurzer Zeit unterging und in eine totalitäre Diktatur mündete.
In Zusammenarbeit mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (DGD) entstehen Unterrichtsmaterialien, die unter www.history.zdf.de abrufbar sind.
Lange Version
Dabei hatte es alles andere als vielversprechend für Hitlers Partei begonnen. »Das neue Jahr!«, notierte Propagandachef Goebbels ins Tagebuch. »Sehr böse sieht es aus.« Die NSDAP hatte bei den vorausgegangenen Reichstagswahlen erstmals wieder Stimmen verloren; ihr katapultartiger Aufstieg schien den Zenith überschritten zu haben. Gleichzeitig hellten sich nach Jahren einer schweren weltweiten Krise die Aussichten für die Wirtschaft deutlich wieder auf. Diese Prognose versprach den extremistischen Parteien, die in der Krise Konjunktur hatten, den Boden zu entziehen. Viele Zeitgenossen hatten Hitler schon abgeschrieben. »Hitlern geht es an den Kragen«, reimte das Satireblatt Simplicissimus bereits in Nachrufmanier, »dieses Führers Zeit ist um.«
Wie der politische Aufsteiger ausgerechnet in der Phase seines beginnenden Abstiegs an die Macht geriet, wie sich ein demokratischer Verfassungsstaat in so kurzer Frist der diktatorischen Willkür ausliefern konnte, davon erzählt dieser Film aus der Nahperspektive - ein Lehrstück der Geschichte, gerade im 60. Jahr der deutschen Nachkriegsdemokratie. Bis heute ist weithin unbekannt, was sich Anfang '33 im Detail hinter verschlossenen Türen anbahnte. Gleichwohl liest sich der Verlauf dieses Dramenspiels aus Intrigen, Zufällen, Berechnung und Fehleinschätzungen wie das Drehbuch eines Kriminalfalls.
Unter streng konspirativen Vorkehrungen wurde Hitler in die Hinterzimmer der Macht gebeten. Im Bund mit ihm erhoffte man sich einen Ausweg aus der Dauerkrise um die Führung der Weimarer Republik. Verunsichert durch den verlorenen Weltkrieg, durch wirtschaftlichen Niedergang und politisches Chaos, hatten die Wähler antidemokratischen Parteien, die die Republik von links und rechts bekämpften, eine Mehrheit im Parlament beschert, das dadurch lahmgelegt war. Stattdessen regierte der 85jährige Reichspräsident Paul von Hindenburg, in seinem Denken noch sehr stark dem verblichenenen Kaiserreich verhaftet, mit Vollmachten, Dekreten und Kanzlern seiner Gunst.
Von Hitler erhofften sich die konservativen Eliten des Landes aus dem Umfeld des Präsidenten, die zerstrittenen Parteien der nationalen Rechten zu einer tragfähigen Regierung zusammenzuführen. Sie wollten den populären Volkstribun instrumentalisieren, um das demokratische Parlament langfristig auszuschalten und sich selbst auf Dauer eine autoritäre Machtbasis zu sichern. Doch Hitler kehrte den Spieß um. Er nutzte den ihm bereitwillig eingeräumten Handlungsspielraum, um sich auf dem Weg über das Kanzleramt das gesamte Staatswesen gefügig zu machen.
Am Ende stand kein Betriebsunfall; Hitler war von den konservativen Eliten als Regierungschef durchaus gewollt, wenngleich unterschätzt. Dennoch war seine Ernennung keineswegs unausweichlich, wie der Film nachweist; an entscheidenden Wendepunkten wären andere Auswege denkbar gewesen. So wäre es durchaus möglich gewesen, die amtierende Regierung des Kanzlers Kurt von Schleicher so lange geschäftsführend im Amt zu belassen, bis sich die wirtschaftliche und politische Lage wieder stabilisiert hätte. Der Weg zur nationalsozialistischen Macht war keineswegs eine Einbahnstraße.
Auch mit anderen verbreiteten Legenden räumt die Dokumentation auf. Hitler war keine »Strohpuppe«, gesponsert von der Großindustrie, wie bis heute kolportiert. Seine Partei finanzierte sich bis 1933 nur geringfügig aus den Schatullen der Bosse sondern vorwiegend aus den Zuwendungen ihrer Mitglieder.
Reichspräsident Hindenburg war keineswegs der entscheidungsunfähige Greis, der bereitwillig den Einflüsterungen seiner »Hofkamarilla« erlegen sei, als der er in der Rückschau gern beschrieben wird. Seine Wahl fiel bewusst auf Hitler. Hindenburg schätzte die Massenwirkung und jugendhafte Dynamik des nationalistischen Agitators. In vieler Hinsicht teilte er auch dessen antiparlamentarisches Weltbild, und es gibt keinen Hinweis, dass er bis zu seinem Tod 1934 Hitlers Inthronisation bedauert hätte.
Auch in der breiten Masse der Bevölkerung waren Hitlers Kanzlerernennung und der dies symbolhaft illustrierende Fackelzug von einer begeisterten Aufbruchsstimmung begleitet. Die umgehend anlaufenden Gewaltaktionen gegen politische Gegner vollzogen sich im Schatten der nationalistischen Jubelfeier.
Der Film doziert den Gang der Ereignisse und ihre Hintergründe nicht vom akademischen Stehpult aus, sondern erzählt ihn aus der Sicht einer damals jungen Journalistin aus Frankreich. Als Korrespondentin der französischen Zeitung Le Matin in Berlin hat Stéphane Roussel den dramatischen Ablauf aus unmittelbarer Nähe miterlebt, später hat sie ihre Erlebnisse in Aufzeichnungen und Interviews festgehalten. Ihre Sichtweise eröffnet einen menschlichen und auch für jüngere Zuschauer nachvollziehbaren Zugang in eine heute fern scheinende Vergangenheit. Als Sprecherin ließ sich die bekannte Schauspielerin Senta Berger dafür gewinnen, der Augenzeugin ihre Stimme zu leihen.
Dokumentiert werden die minutiös nachgezeichneten Vorgänge durch weltweit recherchierte Archivfilmaufnahmen, von denen annähernd die Hälfte kaum bekannt oder gänzlich neu erschlossen ist, darunter Farbbilder von 1933 und privat gedrehte Filmaufnahmen aus einem frühen Konzentrationslager.
Kritiken
»Gleich der erste Film aus dieser Reihe, die sich mit dem verhängnisvollen Jahr 33 beschäftigt, verdient großes Lob. Den Autoren Peter Hartl und Klaus-Peter Wolf ist eine Dokumentation gelungen, die Geschichte als noch offenes und dramatisches Geschehen erzählt, statt in düsterer Allwissenheit zu versinken.« SPIEGEL, 09.03.09
