Buch
Monis Fantasiemonster
»Ich heiße Moni, und unsere Nachbarin sagt, dass ich manchmal ein bischen spinne. Deswegen hat sie es nicht so gern, wenn ihr Söhnchen mit mir spielt. Aus dem soll nämlich später mal was werden! Meine Mama sagt, ich hätte nur zu viel Fantasie. Mein Papa meint, zu viel Fantasie könne man gar nicht haben, ganz im Gegenteil – die anderen hätten zu wenig.«
∼ Wie die Würmer auf die Geburtstagstorte und die Krebschen in Tante Mias Magen kamen
An diesem Morgen hatte ich keine Zeit für mein Frühstücksei. Es war mein Geburtstag, und Papa
hatte mir ein Aquarium geschenkt. Es waren hundert Liter Wasser, drei Goldfische, ein paar Kilo
Kies und ein zerdepperter Blumentopf darin. Die Blumentopfscherben waren als Höhle für den
Wels gedacht, den mir Tante Mia zum Geburtstag versprochen hatte. Außerdem bekam ich ein
Döschen Trockenfutter. Dieses Trockenfischfutter roch aber so eklig, dass
ich beschloss:
Meine Fische bekommen etwas Besseres!
Als ich Mami davon erzählte, schlug sie vor, dass ich ihnen vielleicht Wasserflöhe gebe
könnte. Frische, lebendige Wasserflöhe. Das war eine gute Idee, nur woher sollte man sie nehmen?
Schließlich gibt es sie ja nicht in jedem Supermarkt zu kaufen und erst recht nicht beim Metzger.
Glücklicherweise fiel mir da ein Teich in der Nähe unserer Wohnung ein, in dem es nur so von
Wasserflöhen wimmelte. Er lag bloß zwei Straßen weiter, am Fuß der Müllkippe.
Ich packte also meine drei Goldfische ein und kippte sie in den Teich, damit sie sich mal richtig
satt essen konnten. Goldfische sind undankbar.
Furchtbar undankbar. Als ich rief:
»Los, kommt zurück, wir müssen nach Hause«, taten sie so, als würden sie mich nicht verstehen.
Ich wurde echt sauer, denn ich hatte jetzt selbst Hunger, und es war schon spät. Mami wollte
Spaghetti machen. Da ich weich gekochte Nudeln aber nicht mag, wollte ich pünktlich eintrudeln. Meine egoistischen Goldfische kümmerten sich allerdings nicht darum. Dabei waren sie
längst satt. Die Wasserflohjagd hatten sie beendet, und nun glitten sie träge glubschend durch
das trübe Wasser. Ich verließ den Müllplatz also ohne meine Goldfische. Erst mal mampfte ich meine Spaghetti,
dann nahm ich Mamas großes Küchensieb, in dem sie die Nudeln hatte abtropfen lassen, ging
zurück zum Teich und fing damit die Goldfische.
Sie waren leicht zu kriegen, weil sie so voll gefressen waren.
»Das war euer erster und letzter Ausflug!«,schwor ich ihnen.
»Ab jetzt wohnt ihr im Aquarium. Es gibt keinen Urlaub mehr.«
Obwohl ich sauer auf die Fische war, konnte ich
nicht so hart sein und die Armen mit Trockenfutter bestrafen.
Wer isst schon gerne wochenlang Haferflocken? Ich beschloss, mein Geburtstagsgeld für die Fische zu opfern. Noch vor dem Kaffeetrinken mit allen Onkels und Tanten
rannte ich in eine Tierhandlung, in der es leckeres Lebendfutter für meine Goldfische gab. Rote Mückenlarven und Schlammröhrenwürmchen. Ich nahm von beiden ein Häufchen. Der Verkäufer wickelte sie in Butterbrotpapier ein und fragte
dann, ob ich es schon einmal mit Salinenkrebschen versucht hätte.
»Mit Salinenkrebschen?«
»Ja, die kann man selbst züchten. Ganz einfach. Hier in dem Glas sind welche.«
Ich konnte es kaum glauben, denn in dem Glas sah ich nur einen Klumpen Salz.
»Ja«, versicherte er, »darin sind die Eier der Salinenkrebschen. Sie kommen aus den großen Salzseen in den USA. Die Ränder dieser Seen trocknen oft aus. Dann halten sich die Eier über Jahre im Salzseen völlig tot aus, sind es aber nicht.
Ein bisschen Wasser und Wärme genügen, und es wimmelt nur so im Glas.
Sie brauchen keine zwei
Tage, um auszuschlüpfen.
So kannst du dir jeden Tag die passende Futtermenge für deine Fische
selbst züchten.«
Die Idee fand ich großartig. Ich kaufte also auch noch einige Salinenkrebschen und lief jubilierend
mit meiner Beute nach Hause. Die Geburtstagstafel war für meine Fische nun reichlicher gedeckt als für mich. Tante Mia war schon da. Sie hatte den Wels für mich mitgebracht. In einem Plastikbeutel. Ich
legte schnell das Fischfutter in den Kühlschrank, denn für heute waren meine Fische ja satt. Dann
kümmerte ich mich um den Wels. Erst tauchte ich den Beutel ins Aquarium, damit sich der Wels
langsam an die Temperatur des Wassers gewöhnen konnte. Währenddessen hörte ich, wie Tante
Mia in der Küche mein Frühstücksei köpfte. Hart gekochten Eiern hatte sie noch nie widerstehen können.
Plötzlich hörte ich sie aber spucken und schimpfen.
»Bah! Entweder ist das Ei schlecht oder mit eurem Salz stimmt etwas nicht. Es schmeckt scheußlich.«
Oje! Unschwer zu erraten, was passiert war. Ich rannte in die Küche.
Tante Mia wischte sich angeekelt den Mund ab.
»D…duhu, Tante Mia …, das … das- ja wie
soll ich es dir sagen? Das … das war kein Salz.
Das waren meine Salinenkrebschen.«
»Deine waaas?«
»Salinenkrebscheneier. Sie sehen aus wie tot, aber sie leben. Dazu brauchen sie nur ein bisschen Wärme und Feuchtigkeit, dann wachsen sie schneller, als man denkt.«
»Oh Gott«, stammelte Tante Mia. »Wärme und Feuchtigkeit. Und ich habe sie runtergeschluckt.«
Tante Mia rannte zum Klo. Mama hatte schon wieder diesen vorwurfsvollen Blick,
dabei konnte ich doch wirklich nichts dafür.
Als Tante Mia ganz blass am Geburtstagstisch saß, holte Mama meine Sahnetorte aus dem Kühlschrank. Es krochen höchstens drei oder vier Schlammröhrenwürmchen darauf herum,
aber Tante Mia drehte sofort durch. Mama nahm nun meine Frischfuttervorräte aus dem Kühlschrank
und warf sie samt den restlichen Salinenkrebscheneiern in den Abfalleimer neben dem
Ofen. Ich protestierte dagegen.
Aber auf mich hört ja nie einer. Und als nachts die roten Mückenlarven ausschlüpften
und zu Tausenden unsere Küche bevölkerten, sagte Mami zu Papa:
»Ich glaube, das mit dem Aquarium für Moni war keine so gute Idee.«

