Buch
Mörderisches Klassentreffen
Kurzgeschichten von Klaus-Peter Wolf:
Spannung und Grusel garantiert!
Ein mörderisches Klassentreffen mit dem
meistgehassten Lehrer heizt die Rachegelüste der
ehemaligen Schüler an. Ein Autoknacker und Crash-Kid
bekommt noch eine – seine lezte! – Chance.
Die rote Taste der Fernbedienung verleit einem
jungen unbegrenzte Macht über seinen verhassten Vater.
Und noch viele faszinierende,
ungewöhnliche Geschichten mehr …
1 Die rote Taste
Ich war zwölf und fand Erwachsene doof, gemein, hinterlistig, bösartig, oder bestenfalls völlig verblödet. Mein Vater war eins dieser saufenden Arschlöcher, die Frau und Kinder verhauen, wenn sie den Kanal voll haben. Am anderen Tag kroch er dann reumütig vor uns auf den Knien herum, versprach Besserung, und das alles sollte nie wieder vorkommen. Mama blieb bei ihm, was ich nicht verstand.
Als ich kleiner war, glaubte ich, sie tue es wegen mir. Ich hielt ihn nämlich für den Ernährer der Familie. In Wirklichkeit war er das schon lange nicht mehr. Er versoff unser Geld und machte Schulden in Kneipen. Mama ging putzen und gab Nachhilfestunden. Ich trug Zeitungen aus.
Wir mussten nicht hungern. Aber es war trotzdem doof.
In unserer Klasse war das Geburtstagsfieber ausgebrochen. Jeder gab zu seinem Geburtstag eine Fete. Meistens mit Kaffee und Kuchen und Eltern und Verwandten. Manchmal auch (viel seltener) mit sturmfreier Bude. Mal bei MacDonalds, mal im Kino, egal wie - jeder lud alle zum Geburtstag ein. Natürlich brachte man ein Geschenk mit. Es musste mindestens ein Taschenbuch sein. Ging aber bis zur CD aufwärts. Bei zweiunddreißig Schülern in der Klasse sind das wenigstens zwei Geburtstage im Monat. Einerseits war das klasse. Ich mochte diese Feten. Ich mochte alles, was nicht bei uns Zuhause stattfand. Andererseits musste ich jedesmal ein Geschenk mitbringen. Zweimal hatte ich mich mit was Selbstgebasteltem blamiert. Das machte ich mittlerweile nicht mehr. Einmal hat Mama mir geholfen und einen Kuchen zusammen mit mir gebacken. Wir haben dann Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag mit Zuckerschrift draufgeschrieben. Der Kuchen schmeckte, aber mein Klassenkamerad hatte sich eigentlich eine Bed & Breakfast-CD gewünscht.
Ich konnte solche Boygroups nicht ausstehen, aber ich hatte schon drei CDs von ihnen geklaut. Im CD-Laden konnte ich mich nicht mehr sehen lassen. Beim letzten Mal hätten sie mich nämlich fast erwischt. Sie sind hinter mir hergerannt, aber haben mich nicht gekriegt. Wer einen Säufer zum Vater hat, lernt schnell wegzulaufen.
Die Schule fand ich sowieso ziemlich öde.
Wenn bei uns nachts die große Show ablief: »Warum hab ich dich Schlampe bloß geheiratet? Ich hätte so viele tolle Frauen haben können, aber ich Idiot bin bei dir hängengeblieben!« Dann bekam ich nicht viel Schlaf, und meine Träume waren auch nicht gerade die besten. Dann schreibt man am anderen Tag keine Zweien in der Schule.
Natürlich hätte ich meinen Lehrern davon erzählen können. Vielleicht hätten sie auch Verständnis gehabt. Aber ich wollte kein Mitleid. Ich wollte einfach nur sein wie die anderen.
Ich hatte ein Boxergesicht. Bei den Jungs brachte mir das Respekt ein. Kaum einer wagte es, mich schräg anzumachen. Die Mädchen mochten so eine schiefe Nase nicht so sehr. Mein Papa hatte mir zweimal die Nase gebrochen. Einmal den Arm ausgekugelt. Von den gebrochenen Rippen will ich jetzt nicht reden und um meine blauen Flecken zu zählen, bräuchte man eine Rechenmaschine.
Eines Tages werde ich stark genug sein, um mich zu wehren. Richtig zu wehren. Vielleicht hört er dann auf zu saufen. Vielleicht braucht er das. dass ich ihm einmal richtig eine verpasse.
Meine Mama steckte ja immer nur Prügel ein. Was sollte sie auch tun? Sie wog nicht halb so viel wie er. Ja, am nächsten Tag, dann machte sie ihm Vorwürfe. Dann ließ sie ihn ein bisschen leiden und zappeln, aber am Ende wurde sie doch immer wieder weich und blieb bei ihm.
Einen richtigen Hausarzt hatten wir nicht. Ich musste immer wieder zu einem anderen Doktor und erzählen, ich sei die Treppe runtergefallen oder vom Fahrrad gestürzt. Wenn wir immer zum gleichen Arzt gingen, würde dem natürlich was auffallen. Einer hat mal etwas gemerkt. Ich glaube, ich war gerade im ersten Schuljahr. Er sah die Flecken an meinem Rücken, weil mein Papa mich getreten hatte. Ich war dann gegen den Küchenschrank geflogen. Der Arzt glaubte mir nicht, dass ich die Treppe heruntergefallen sei. Meine Mama, die mich zum Doktor brachte, weil sie befürchtete, ich hätte innere Blutungen, stand mit ihrer Sonnenbrille da. Es war im Dezember, draußen fiel der Schnee und hinterm Rand ihrer Brille wurde das dunkelblau geschlagene Auge sichtbar.
Ich war damals zu klein und zu verstört, um zu verstehen, was der Arzt wollte. Aber das Wort Jugendamt fiel ein paarmal. Frauenhaus und Scheidungsrichter. Alles Worte, die in mir Grauen auslösten. Wie oft hatte mein Papa mich angeschnauzt, wenn ich nicht spuren würde, käme ich in eine Erziehungsanstalt. Ihm würde das sowieso alles zuviel mit uns und er käme ohne uns viel besser klar. Erziehungsanstalt … Jugendamt … ich stellte mir das vor wie ein Gefängnis für Kinder. Man schläft in einem Saal mit zwanzig Leuten, Erzieher gehen mit dem Rohrstock durch die Reihen, man muss seine Finger vorzeigen und wenn sie nicht sauber sind, kriegt man einen Schlag mit dem Rohrstock durch die Finger.
Neulich hatte Papa noch erzählt, dass es ihm selbst so ergangen war. Er war nicht in einem Erziehungsheim. Bei ihm passierte das in der Schule. Heute würde so was in der Schule keiner mehr machen. Ich wusste auch nicht, ob ich Papa glauben sollte. Manchmal drohte er nur ganz furchtbar. Er stellte die Welt um uns herum als so grausam und schrecklich dar, dass wir es bei uns Zuhause geradezu schön und gemütlich fanden. Ich glaube, langsam durchschaute ich seine Tricks.
Nun nahte mein Geburtstag. Was sollte ich machen? Als einziger keine Geburtstagsparty geben? Dann konnte ich mich endgültig in der Schule nicht mehr sehen lassen. Ich konnte die anderen aber auch schlecht zu mir nach Hause bitten. Ich wusste doch nie, was mit meinem Alten los war. Vielleicht war er gut drauf, begrüßte meine Klassenkameraden, machte Späße mit ihnen und erzählte ihnen von seiner Schulzeit. Er konnte ganz gute Witze erzählen. Er hatte mindestens zehn Standardwitze drauf. Ich kannte sie natürlich schon rückwärts auswendig, aber meine Klassenkameraden fänden sie bestimmt ganz prima. Man wusste allerdings nie, wie er drauf war. Vielleicht lümmelte er sich auch mit offenem Hosenlatz auf der Couch herum, switchte durch die Fernsehprogramme und schimpfte darüber, dass sie so schlecht waren. Wenn er langsam besoffen wurde, wollte er immer eine Bürgerinitiative für einen Fernsehboykott gründen. Dabei stierte er in die Glotze und trank sich weiter zu.
Wir hatten immer kleine, billige Fernsehgeräte. Gebrauchte Apparate. Manchmal kriegten wir sie von Nachbarn geschenkt, die sich ein neues kaufen wollten. Wenn mein Papa richtig sauer war, warf er nämlich zunächst eine Flasche in den Bildschirm. Manchmal hob er den Kasten auch hoch und schleuderte ihn gegen die Wand. Danach erst verhaute er meine Mama.
Er brachte sich immer erst mit Sachen in Stimmung, die er in Stücke schlug. Sie flehte jedesmal, er solle das doch sein lassen. Irgendwann ließ er es dann auch sein, und dann war sie dran.
Wenn ich mich nicht einmischte, passierte mir nicht unbedingt etwas. Manchmal tat ich so, als ob ich schlafen würde. Ich biss ins Kopfkissen, presste die Augen fest zusammen und versuchte, nicht zu heulen. Er leuchtete mir gern ins Gesicht und guckte, ob ich auch wirklich schlief. Wenn mein Gesicht nass war, musste ich aufstehen. Ich wusste dann immer, wie es endet. Obwohl er sich am Anfang bemühte, mit freundlicher Stimme zu sprechen.
Das Wohnzimmer sah verwüstet aus, irgendwas hatte er wieder kaputtgeschlagen. Mama saß heulend in der Ecke. Wenn er sie verprügelt hatte, setzte sie sich nie auf einen Stuhl. Sie verkroch sich immer halb hinters Sofa oder zwischen Küchenschrank und Herd. Kleine Ecken, wie Katzen sie sich gern aussuchen, wenn sie sich vor der Welt verstecken wollen.
Ich musste dann meine Schulhefte herausholen. Und wehe, ich hatte sie nicht da. Es war völlig egal, was für Noten ich hatte. Er hielt mir immer die gleiche Standpauke. Ich hatte schon für Zweien ein paar gescheuert gekriegt. Wenn der Schnaps ihn noch nicht bewusstlos gemacht hatte, begann er gern, nachts mit mir zu üben. Er diktierte mir dann seitenweise alte Diktate aus meinem Arbeitsheft. Natürlich vertat er sich in der Zeile, redete viel zu schnell, lallte dabei, verlor den Faden und kicherte. Wenn ich einen Fehler mache, scheuerte er mir eine. So lerne man am besten, glaubte er. Sein Vater hatte ihn auch so streng rangenommen, und ihm habe das nicht geschadet, sagte er.
Einmal hat Mama gewagt, ihn darauf hinzuweisen, dass drei Uhr morgens nicht die richtige Zeit für Nachhilfestunden sei. Dann musste der Notarzt kommen, so hat er draufgehauen. Ich biss also auf die Zähne und schrieb.
Ich hatte schon mal daran gedacht, ihn umzubringen. Ganz ehrlich. Mehr als einmal. Der Jörg, mein Klassenkamerad, brauchte eine Woche lang nicht zur Schule zu kommen, weil sein Vater gestorben war. Er habe den schlimmsten Verlust seinen Lebens erlitten, hat unser Klassenlehrer gesagt. Alle haben sich um Jörg gekümmert, ihn getröstet. Eine Weile sah er aus, als könne er nie wieder lachen.
Ich fühlte mich ganz merkwürdig dabei. Nie habe ich so sehr gespürt, wie in dieser Zeit, dass etwas mit mir ganz anders war als mit den anderen. Wenn mein Vater gestorben wäre, wäre das für mich kein Grund zum Heulen gewesen, sondern wahrscheinlich der schönste Tag meines Lebens. Befreit wäre ich in die Schule jubiliert, hätte meine Freunde umarmt und schließlich bei uns Zuhause eine Fete gegeben. Egal, ob Geburtstag oder nicht.
Aber mein Vater starb nicht. Der fiel schon mal hin, hatte die typischen Säuferverletzungen am Kopf, wenn er gegen die Heizung oder die Tür stolperte, aber Mama und mich verletzte er immer schlimmer als sich selbst.
Ich machte im Grunde schon lange keine Hausaufgaben mehr. Vor der Schule trug ich Zeitungen aus. Im Sommer machte mir das nichts. Im Herbst und im Winter war es ganz schön Scheiße, weil ich oft bis auf die Knochen durchgefroren und nass in den Klassenraum kam. Wenn die anderen verpennt und fröhlich von ihren Frühstückstischen aufstanden, hatte ich immer schon gut drei Straßenzüge bedient.
Mama stand, auch wenn sie eine üble Nacht gehabt hatte, meistens morgens mit mir auf, um mir eine Schnitte für die Schule zu schmieren. Ich aß sie unterwegs. Egal, wie sie schmeckte. Es war so, als würde ich mir ein Stück Liebe meiner Mutter einverleiben.
Ich versuchte, in der Schule cool zu bleiben. Das war gar nicht so einfach. Ich wollte nicht der arme verprügelte Junge mit dem saufenden Vater und der hilflosen Mutter sein. Es gefiel mir besser, aufsässig, frech und aggressiv zu wirken.
Meine Deutschlehrerin, eine ganz zierliche kleine Person, hat mich schon zweimal zur Seite genommen und gesagt: »Dirk, du kannst dich mir wirklich anvertrauen. Ich seh doch, dass mit dir etwas nicht stimmt. Du hast Ränder unter den Augen, du bist unausgeschlafen, unkonzentriert. Du hast schon seit Wochen deine Deutschhausaufgaben nicht mehr gemacht. Woher kommen deine blauen Flecken? Was ist los?«
Ich blieb stumm wie ein Fisch.
»Du kannst mir wirklich vertrauen, Dirk. Ich sag´s auch nicht weiter, wenn es niemand wissen soll. Aber vielleicht kann ich dir helfen.«
Das Doofe war nur, ich vertraute Erwachsenen nicht. Denn ich fand sie, wie ihr wißt, doof, gemein, hinterlistig, bösartig, bestenfalls völlig verblödet. Ich wollte sie mir nur vom Leib halten. Deshalb verkündete ich lautstark: »Bei mir ist das so, Frau Schüller. Ich hab keine Zeit, all meine Hausaufgaben zu machen. Es gibt noch wichtigere Dinge. Deshalb nehmen alle Fächer bei mir an einer Tombola teil. Ähnlich wie bei der Ziehung der Lottozahlen. Jeden Tag ziehe ich ein neues Los. Sie haben Pech gehabt, Frau Schüller. Deutsch war schon lange nicht mehr dabei.«
Das hörte sich cool an, was? Ich war ganz stolz auf mich. Ich sah ihr entsetztes Gesicht. Ich hatte ihr wehgetan bevor es ihr gelang, mich zu verletzen. Bei meinem Vater war ich selten so gut.
Inzwischen fragten mich die Lehrer nicht mehr: »Na, hast du heute deine Hausaufgaben, Dirk?« sondern sie fragten: »Habe ich an der Verlosung teilgenommen oder nicht?«
Meist zuckte ich die Schultern: »Sie hatten mal wieder Pech.«
Das löste in der Klasse jedesmal ziemliches Gelächter aus. Es war auf jeden Fall leichter für mich, als mich jedesmal zusammenscheißen zu lassen. Aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass meine Lehrer mich inzwischen aufgegeben hatten und deswegen nur noch versuchten, es ins Lächerliche zu ziehen. Sie wollten mich loswerden. Ich sollte die Schule so rasch wie möglich verlassen. Niemand hatte es gesagt. Aber ich glaubte es trotzdem. Es war wie Zuhause. Eigentlich war ich denen hier auch nur im Weg, dachte ich.
Na, war ja auch egal. Wenn ich es nicht schaffte, irgendwie eine annehmbare Geburtstagsparty auf die Reihe zu kriegen, konnte ich mich hier sowieso nicht mehr sehen lassen. Ich hatte es mit Mama besprochen. Wenn ich mich für unsere schäbige Wohnung nicht schämte, könnte ich meine wichtigsten Freunde zu einem Stück Kuchen einladen, wenn Papa nicht da war. Aber man wusste nie, wann er da war.
Andere Väter gingen regelmäßig zur Arbeit. Meiner ging regelmäßig in die Kneipe. Andere wussten, wann ihre Väter Büroschluss hatten. Ich hatte keine Ahnung, wann meiner wieder vor der Tür kniete, weil er das Schlüsselloch nicht fand.
Für unsere ganze Klasse wäre unsere Wohnung sowieso nicht groß genug. Sie war Grunde sogar für uns drei zu klein.
Ich könnte alle ins Kino einladen. Im Kino war genügend Platz. Kino fanden alle prima. Und anschließend ein Eis. Aber das kostete mehr, als wir im Monat an Unterstützung kriegten. Es war völlig undenkbar. Soviel konnte Mama nicht putzen und ich nicht klauen. Selbst wenn es mir gelänge, würden sich alle fragen, wie wir an das Geld gekommen waren. Sie wussten doch alle, dass wir von Sozialhilfe lebten. So was blieb nie geheim. Jedesmal, wenn wir einen Ausflug mit der Klasse machten, musste ich nämlich einen extra Antrag stellen, damit jemand für mich die Reisekosten trug. Ich fand das peinlich und erniedrigend.
Aber ich wollte wenigstens eine Geburtstagsparty geben. Irgendwie. Das musste ich schaffen, und wenn es das Letzte war, das ich im Leben tat.
In dieser Nacht habe ich davon geträumt, meinen Vater die Treppe herunterzuschubsen. Die Treppe, die Mama und ich angeblich so oft heruntergefallen sind, wenn er uns in Wirklichkeit doch nur verprügelt hatte. Er brach sich das Genick dabei. Wie eine Puppe, die ihre Glieder unnatürlich verrenkt hat, lag er unten und hauchte seinen letzten Atem aus. Wenn ich das noch vor meinem Geburtstag täte, würde jeder verstehen, warum ich keine Geburtstagsparty gebe. Andererseits könnte ich dann aber auch eine steigen lassen, denn der Alte wäre ja nicht mehr im Weg. Ob sich irgend jemand in meiner Klasse auch schon mal so komische Gedanken gemacht hat? Ob irgend ein anderer Junge in meinem Alter auch mit solchen Träumen aufwachte? War ich ganz alleine?
Wenn mein Papa nach Hause kam, durfte der Fernseher auf keinen Fall an sein. Wir alle mussten das Fernsehen verachten. Niemand von uns durfte Fernsehgucken. Wenn überhaupt, dann schaltete er das Gerät ein, entschied, welche Sendung gut war und welche nicht, meckerte daran herum, und wir mussten ihm recht geben. Manchmal lag er acht Stunden lang auf der Couch und glotzte besoffen in die Flimmerkiste. Mich schickte er ins Bett, weil es nichts für mich war oder rief mich, weil ich mir das angucken sollte. Das mochte ich überhaupt nicht. Wenn er mich rief, war es immer sehr gefährlich. Vielleicht fand er die Sendung da gerade sehr lehrreich und erwartete, dass ich nun sagte: »Oh, prima, Papa, da hab ich heute ja wieder etwas gelernt.«
Vielleicht fand er sie aber auch saublöd und hatte mich nur gerufen, um mir zu demonstrieren, dass die Leute beim Fernsehen viel blöder waren als er. Dann musste ich natürlich etwas ganz anderes sagen und auf die Fernsehleute schimpfen. Es war schwierig, vorher genau zu wissen, was er dachte. Ich musste es an seinem Gesicht ablesen. Ich war ziemlich gut geworden darin im Laufe der Jahre, denn er hatte jeden meiner Fehler wirklich hart bestraft.
Manchmal guckte ich natürlich Fernsehen. Heute zum Beispiel. Er war - na wo wohl - in der Kneipe gegenüber. Meine Mama putzte und ich lag, fast wie er sonst, auf der Couch, nur dass ich dabei kein Bier trank und schaute mir meine Lieblingsfamilienserien an. Ich liebe Familienserien im Fernsehen. Die haben immer so verständnisvolle Eltern. Sie kümmern sich um die Probleme der Kinder, denken darüber nach, besprechen das lange. Manchmal machen sie alles falsch, aber irgendwie wollen sie doch etwas Gutes. Sie sehen ihre Kinder zumindest. Meine Eltern hatten mit sich selbst genug zu tun. Ich hatte das Gefühl, sie sind nicht für mich da, sondern ich für sie.
Ich hielt die Fernbedienung in der Hand, immer ganz aufs Fernsehen gerichtet. Wenn ich seine Schritte im Flur hörte, schaltete ich immer sofort aus. Doch diesmal war es so spannend. Ich hatte es einfach nicht gehört. Vielleicht war er auch heraufgeschlichen, um mich zu erwischen. Ich weiß es nicht. Beim letzten Mal, als er mich beim Fernsehgucken erwischt hatte, musste ich fünfzig Kniebeugen machen und anschließend Liegestütze, bis ich auf dem Boden klebenblieb und nicht mehr hochkam, denn er wollte nicht, dass aus mir ?ein verweichlichter Stubenhocker? würde. Es war sein Versuch, aus mir eine Sportskanone zu machen.
Die Tür flog auf und er stand da. Die Fahne schlug mir sofort entgegen. Ich konnte eine reine Bierfahne von einer Rotweinfahne, einer Bier- und Schnapsfahne oder einer reinen Schnapsfahne sehr gut unterscheiden. Die Fahne sagte viel über das aus, was gleich passieren würde. Je mehr Schnaps im Spiel war, um so aggressiver wurde er.
Diesmal war es eine reine Schnapsfahne. Den Oberkörper nach vorn gebeugt, das Kinn herausgereckt, die Augen rund aus den Höhlen hervorgetreten, blähte er die Nasenflügel auf und zeigte auf mich. Das Gehirn hatte den Satz wohl schon abgeschickt, aber die Zunge brauchte noch eine Weile, um die lallenden Laute zu formulieren.
Ich spürte die drohende Gefahr genau und zog mich in die Sofaecke zurück. Ich drückte den roten Knopf der Fernbedienung, um das Fernsehprogramm auszuschalten. Manchmal vergaß er mitten im Satz, was er sagen wollte und was geschehen war. Vielleicht hatte ich heute auch diese Chance. Doch das Fernsehen lief weiter. Nur mein Vater blieb stocksteif stehen.
Für einen Moment glaubte ich, jetzt wahnsinnig geworden zu sein. Irgendwann schnackte man wahrscheinlich über, wenn man unter solchem Druck stand wie ich. Mein Vater hielt den Zeigefinger noch hoch. Ein bisschen Speichel tropfte aus seinem Mund heraus. Die Augen starrten mich an. Er war mitten in der Bewegung wie eingefroren.
Ich sah zum Fernseher. Ein schwarzer Streifen lief über den Schirm. Der Film lief weiter. Aber ganz langsam. So als würde Bild für Bild langsam von unten auf den Schirm geschoben.
Ich saß eine Weile so, guckte zwischen dem Fernseher und meinem Vater hin und her und kaute auf meinem Handrücken herum, bis ich Blut schmeckte. Das hier war Wirklichkeit. Ich hatte gerade irgendwie die Welt angehalten. Mit unserer Fernbedienung.
Zitternd nahm ich die Fernbedienung in beide Hände, richtete sie auf meinen Vater und drückte den roten Knopf erneut. Sofort machte er einen Schritt auf mich zu und brüllte: »Du blödes …«
Ich drückte sofort wieder. Er stand starr.
Wie es funktionierte, weiß ich nicht - aber es funktionierte.
Ich erinnerte mich an den Religionsunterricht. Dort war einmal die Rede davon gewesen, dass jemand zu einer Salzsäule erstarrt sei.
Nun wagte ich es, meinen Vater anzufassen. Nein, der war nicht aus Salz. Der war aus Fleisch und Blut, wie eh und je. Aber er konnte sich nicht mehr bewegen. Ich war mir nicht sicher, ob er mitkriegte, was um ihn herum geschah. Ich fuhr mit meiner Hand vor seinen Augen hin und her. Nichts. Keine Reaktion. Wie eine Plastikpuppe.
Jetzt wurde ich übermütig. Ich steppte vor seinen Augen einen Tanz, machte ihn strubbelig, bohrte in seiner Nase und amüsierte mich prächtig mit ihm. Vielleicht würde er gleich wieder beweglich werden und sich grausam an mir rächen. Aber Prügel bekam ich doch sowieso. Warum sollte ich nicht vorher mal meinen Spaß haben?
Ich konnte ihn herumschieben wie ein Möbelstück. Unser Fernseher, der ja mehr zu einer Illustrierten geworden war, die langsam selbständig ihre Seiten umblätterte, zeigte einen jungen Prinzen, der vom Pferd fiel. Ich schätzte, es dauerte eine halbe Stunde, bis er auf dem Boden ankam. Möglicherweise bewegte mein Vater sich genauso langsam. So, dass es fürs menschliche Auge kaum zu sehen war. Dann musste ich für ihn aber auch genauso schnell sein. Das heißt, er kriegte gar nicht mit, was ich tat. Ja, so war es. Ich war mir ziemlich sicher.
Mama musste gleich nach Hause kommen. Ich nahm mir vor, ihr eine Überraschung zu bereiten. Ich ging zum Kleiderschrank und kramte unten nach dem alten Christbaumschmuck.
Als sie hereinkam, traf sie fast der Schlag. Sie stoppte nicht einfach in der Bewegung wie Papa, oh nein. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, wurde bLass, hielt sich am Stuhl fest und sank dann darauf nieder. Sie hielt ihr Herz fest und ich sah, wie die Adern an ihrem Hals pochten. Ihre Lippen wurden schmal, ihre Wangen abwechselnd rot und wieder weiß.
Mein Papa stand mitten in der Wohnküche, mit ausgebreiteten Armen auf einem Bein. Ich hatte ihn mit Christbaumkugeln und Lametta geschmückt und die silberne Tannenbaumspitze mit Gummiband auf seinem Kopf befestigt.
Er sah klasse aus. Wie ein Weihnachtsmonster. Ein Geburtstagsclown. Ein Spaßvogel. Auf jeden Fall nicht wie einer, der seine Familie verhaute und seinem Sohn morgens um Drei Nachhilfestunden gab.
»Was … was hast du getan?« fragte Mama atemlos.
»Ich kann ihn anhalten, Mama. Es funktioniert ganz toll. Willst du auch mal?«
Sie wehrte ab, als ob ich ihr angeboten hätte, eine Giftschlange zu streicheln. Ich drückte auf den roten Knopf. Gleich geriet unser Tannenbaum in Bewegung, stellte sich auf beide Beine, wackelte etwas und fauchte: »Was soll der Sch…«
Mit einem Knopfdruck stoppte ich ihn erneut. Die Kugeln an ihm baumelten noch hin und her, er selbst aber stand still. Die Spitze löste sich an seinem Kopf und verrutschte etwas, so dass sie jetzt über seinem rechten Auge hing.
Mama wusste noch nicht ganz, ob sie einen Lachkrampf kriegen sollte oder einen Tobsuchtsanfall. Unschlüssig sah sie mich an. Ich hielt ihr noch einmal die Fernbedienung hin. Sie nahm sie, drückte auf den Knopf und noch bevor Papa sich auch nur zehn Zentimeter vor bewegt hatte, stoppte sie ihn. Dann entschied sie sich für den Lachkrampf.
Ich habe meine Mutter in den letzten zwölf Jahren nicht oft lachen sehen. So sah ich sie noch nie. Und wenn ich die schlimmste Prügel meines Lebens dafür beziehen sollte, allein für diesen Augenblick hat es sich gelohnt.
»Mein Gott«, gibbelte sie, »davon habe ich mein Leben lang geträumt! Ihn einfach ausschalten zu können! Das ist ja köstlich! Wie machst du das, mein Junge, wie?«
»Keine Ahnung«, sagte ich. »Aber es funktioniert.«
Mama zeigte auf die Fernbedienung und lachte: »Die Dinger sind gut. Die sind wirklich großartig. Wenn wir etwas Geld hätten, sollten wir Aktien von der Firma kaufen. Diese Fernbedienungen werden sich bald äußerster Beliebtheit erfreuen.«
Kurze Zeit später kam ihre Angst zurück. »Was wird er machen, wenn der Zauber nachlässt? Wenn das alte Programm wieder läuft? Er wird noch wütender sein. Wir werden noch mehr aushalten müssen.«
Für mich war das in diesem Moment anders. Ich glaubte nicht daran, dass er jemals wieder Macht über uns haben würde. Sie war gebrochen. Durch eine kleine Fernbedienung, nicht größer als eine Zigarettenschachtel.
»Wenn er das nächste Mal versucht, zur Flasche zu greifen, stoppe ich ihn mitten in der Bewegung?, lachte ich und versuchte, meiner Mutter Hoffnungen zu machen.
»Ich weiß jetzt, wie ich meine Geburtstagsfeier gebe, Mama. Ich schalte ihn aus, wir stellen ihn in den Schrank, du backst einen Kuchen, und wir feiern ganz friedlich hier bei uns in der Wohnung.«
»Und wenn er aus dem Schrank kommt?«
»Er wird nicht kommen, Mama. Er kann sich nicht bewegen. Schau ihn doch an.«
Ich merkte, dass sie nicht mit mir reden konnte, während er wie ein Weihnachtsbaum im Zimmer stand. Immer wieder schielte sie ängstlich zu ihm herüber. Also machte ich ihr den Vorschlag: »Komm, wir tragen ihn ins Bett.«
Es war leicht, ihn umzukippen. Ich fasste an seinen Beinen an und drückte meinen Kopf gegen seinen Bauch. Er fiel nach hinten wie eine Stehlampe. Mama hielt ihn an den Schultern, und wir trugen ihn ins Bett. Er war leicht. Das hätte ich nie gedacht. Er sah auch nicht mehr so groß und furchterregend aus wie vorher. Er war irgendwie klein, leicht, handhabbar geworden. Ich hätte ihn mit allem Christbaumschmuck einfach so liegen lassen. Doch Mama befreite ihn vorsichtig davon und deckte ihn dann zu.
Als wir später nach ihm sahen, hatte er die Augen nicht mehr geöffnet, sondern geschlossen. Er atmete gleichmäßig und schnarchte leise. Ich hielt das für einen Trick. Das konnte ich aber leicht überprüfen. Ich richtete die Fernbedienung auf ihn, drückte den roten Knopf und siehe da, er blieb schnarchend liegen. Er bewegte sich ein wenig, reckte die Knochen, bis sie knirschten, schlief aber weiter.
Danach lagen Mama und ich wie so oft zusammen im Fenster und sahen auf die Straße hinunter. Sie legte uns dabei ein Kissen auf die Fensterbank, auf dem wir unsere Arme abstützten. So hatten wir oft auf ihn gewartet. Stunde um Stunde verstrich, wir saßen da und sahen aus dem Fenster. Andere gingen mit ihren Familien fein herausgeputzt zum Sonntagsbesuch, fuhren zum Tennis oder zum Schwimmen - wir saßen da und warteten auf ihn, damit wir endlich die Prügel beziehen konnten, die uns zugedacht waren. Ich ließ die Fernbedienung nicht aus der Hand. Die Zeit war endgültig vorbei.
Gegenüber war ein Kiosk. Dahin schickte Papa mich manchmal Bier kaufen, wenn er selber zu faul war, sich etwas zu holen und er nicht mehr in die Kneipe konnte, weil er dort zuviel hatte anschreiben lassen. Nie habe ich die Beine von dem Mann im Kiosk gesehen. Er saß den ganzen Tag und wurde immer fetter. Alle nannten ihn nur den dicken Pit. Ich glaube, er redete selbst von sich so.
Er reichte gerade einem Kind eine Flasche Zitronensprudel heraus und eine Tüte Bonbons. Ich weiß nicht warum, ich musste es einfach ausprobieren: ich richtete die Fernbedienung nach unten und drückte ab. Die beiden stoppten mitten in der Bewegung.
Mama sah mich an und tippte mit ihrem Zeigefinger rasch auf meinen Daumen, so dass der rote Knopf sich sofort wieder senkte. Unten machten sie weiter, als ob nichts geschehen wäre. »Lass das!« sagte sie.
»Mama, es funktioniert bei allen Leuten. Hast du das mitgekriegt?! Bei echt allen Leuten!«
»Trotzdem. Lass das. Man tut so was nicht. Das bringt Unglück.«
»Wo steht, dass das Unglück bringt, Mama? Endlich haben wir eine Waffe. Zum ersten Mal im Leben können wir uns wehren. Jetzt stehen wir nicht mehr alleine da in der Welt und da sagst du, so was gehört sich nicht? Das bringt Unglück? Ich glaub, ich spinne!«
Wir waren wohl zu laut. Mein Vater muss wach geworden sein, denn die Schlafzimmertür flog auf, er stand da wie ein Stier, der gleich losging und brüllte uns an: »Was ist hier eigentlich los?«
Er fasste sich an den Kopf und taumelte. »Ich … ich hatte einen Alptraum. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ihr seid um mich herumgetanzt, habt einen Tannenbaum aus mir gemacht …«
»Das ist der Suff, Alter«, sagte ich. »Der zerfrisst deinen Verstand. Du wirst langsam blöde. So enden sie alle. Bald wirst du wie ein sabberndes Häufchen Elend hier auf den Knien herumrutschen und unser Fernsehgerät nicht vom Kleiderschrank unterscheiden können. Hoffentlich hat du es dir dann nicht mit allen Leuten verdorben, damit noch einer da ist, der dich füttert. Ich glaube nämlich kaum, dass du den Löffel dann noch alleine zum Mund kriegst.«
Der Arm meiner Mutter wurde kalt. Nur ein Stückchen von ihrem Oberarm berührte mich an der Schulter. Es war, als sei dort jetzt ein Eiswürfel.
Sie atmete nicht mehr. Ihr Körper begann zu zittern. »Junge«, stammelte sie, »um Himmels Willen!«
»Einer muss es dir mal sagen, Alter. Du benimmst dich hier wie die letzte Drecksau. Schämst du dich eigentlich gar nicht? Weißt du, was dich von einem Stück Scheiße unterscheidet?«
Er schüttelte ungläubig den Kopf.
»Scheiße atmet nicht.«
Er griff Richtung Tisch, nahm den schweren Aschenbecher und wog ihn in der Hand. Gleich würde er damit werfen. Ich wusste es. Es war mir egal. Ich würde mir nichts mehr gefallen lassen. Einer musste ihm irgendwann mal die Wahrheit sagen.
»Es ist die Hölle, bei dir aufzuwachsen!« schrie ich. »Die Hölle! Ich will leben, wie andere Kinder auch! Ich will eine Geburtstagsparty, auf der mein Papa als Clown herumläuft. Aber mit einer roten Pappnase. Eine, auf der wir uns amüsieren, statt Angst vor ihm zu haben. Weißt du überhaupt, wie das ist, Vater zu sein? Wenn du mich oder meine Mutter noch einmal anfasst, weißt du, was ich dann mit dir mache?«
Er hob den Aschenbecher hoch.
»Ja! Komm! Erschlag mich doch! Mach endlich ein Ende!« brüllte ich. »Ich kann es sowieso nicht mehr ertragen! Die Hölle muss sehr angenehm sein, wenn man aus dieser Familie kommt! Zumindest, solange du noch nicht da bist!«
»Er … er meint das nicht so«, sagte Mama, »bitte, bitte tu dem Jungen nichts!«
»Ich werde euch beide …« er holte weit mit dem Aschenbecher aus. Ich schoss mit der Fernbedienung wie ein Cowboy aus der Hüfte. Wieder stand er starr.
»Ob er abnimmt, wenn wir ihn eine Woche lang so stehen lassen?« fragte ich Mama. Jetzt kam sie doch nah an den Nervenzusammenbruch. »Was hast du Papa bloß alles gesagt!«
So was kann man nicht machen. So redet man nicht mit seinem Vater.«
»Vater? Ich hör hier immer Vater. Der will vielleicht mal einer werden, aber er ist noch lange keiner.«
»Doch,« sagte sie, »er ist dein Vater. Völlig egal, ob es dir paßt oder nicht.«
Sie trat an ihn heran, löste den Aschenbecher aus seiner Hand und stellte ihn so weit wie möglich von Papa weg. Dann nahm sie die Fernbedienung und knipste Papa wieder an. Ich verstand ihre Handlung nicht. Erwachsene sind eben völlig verblödet. Falls sie nicht doof, gemein, hinterlistig oder bösartig sind.
»Hör auf damit«, sagte mein Vater. »Hör sofort auf damit! Wehe, du machst das nochmal mit mir!«
»Ich werd dich zu Salz erstarren lassen, Papa. Und dann stelle ich dich in den Keller, wo dich keiner mehr sieht. Meinetwegen können die Ratten dich da anknabbern. Du wirst mir und meiner Mama nie wieder etwas tun. Nie wieder! Falls ich einen Schutzengel habe, so hat der mir diese Waffe in die Hand gegeben, weil er endlich kapiert hat, dass ich etwas brauche, womit ich mich wehren kann. Hier ist es. Damit bist du machtlos geworden!«
Ich nahm meiner Mutter die Fernbedienung ab und richtete sie wieder auf ihn.
Plötzlich veränderte sich seine Körperhaltung. Er begann zu flehen. Er kniete vor mir nieder: »Nicht! Nicht! Hör auf! Was tust du? Ich bitte dich um Verzeihung! Ich …!«
»Ja, los, sag es!«
»Ich werd nie wieder einen Tropfen Alkohol anfassen! Ich werde euch nie wieder schlagen! Ich werde mich bessern. Ich will versuchen, alles wieder gut zu machen. Ich …«
»Das haben wir schon oft gehört, Papa. Schon sehr oft. Meistens hatte ich gebrochene Knochen oder ein blaues Auge, wenn du diese Worte gesagt hast. Ich glaube dir nicht mehr.«
»Diesmal kannst du mir glauben. Diesmal wirklich. Bitte Lass mich nicht noch einmal erstarren. Bitte!«
Plötzlich spürte ich etwas ganz komisches. Kinder lieben ihre Väter, und wenn es noch solche Schweinehunde sind. Und es gab auch in meinem Herzen eine Ecke, in der ich ihn liebte. Eine ungestillte Sehnsucht. Immer, immer wieder hoffte ich, endlich einen richtigen Vater zu kriegen. Vielleicht war es diesmal soweit. Jetzt, da ich endlich Macht hatte, musste ich ihm zeigen, dass ich, im Gegensatz zu ihm, großzügig sein konnte.
Ich ließ die Fernbedienung in die Tasche gleiten. Er atmete erleichtert auf.
»Gib sie mir«, bat er.
Ich kannte seine Tricks. Ich fiel auf sowas nicht mehr herein. Er hat so viele Fernsehgeräte zerdeppert, wir haben mehr unbrauchbare Fernbedienungen als volle Flaschen im Haus. Ich warf ihm eine davon zu. Er schnappte sie.
»Mein Gott«, sagte er, »war das ein Alptraum«. Er erhob sich schwerfällig, setzte sich in den Sessel und betrachtete die Fernbedienung zwischen seinen Händen. Er versank. Es war völlig ruhig im Raum. Mama verkroch sich wieder in ihre Ecke hinter dem Sofa und das, obwohl er sie noch gar nicht verhauen hatte. Sie weinte still vor sich hin. Anders als sonst. Nicht so jammernd. Es war ein Schluchzen, das aus der Tiefe ihrer Seele kam.
Manchmal, wenn sie mich aus ihren verheulten Augen ansah, spürte ich, dass sie mich mit ihrem Blick um Verzeihung bat. Verzeihung für all das, was ich erleiden musste. Verzeihung dafür, dass sie diesen Mann nicht längst verlassen hatte.
Ich stand ziemlich locker und sah mir die beiden an. Ich hatte die Fernbedienung weiter in der Tasche. Ich konnte sie schneller ziehen als er aufstehen. Darauf verließ ich mich.
Dann sah mein Vater mich an, zeigte mit dem Finger auf mich und sagte: »Weißt du was, Kleiner? Ich habe wirklich geglaubt, du könntest mich mit deiner Fernbedienung steif machen. Irgendwie einfrieren. Und du kleines Miststück hast deine Macht über mich natürlich sofort ausgenutzt.«
»Papa - das ist wirklich passiert. Ich hab´s gemacht. Mit der Fernbedienung. Es stimmt. Und ich werd´s wieder tun.«
Er lachte bitter. ?Das wirst du nicht. Ich hab sie, Kleiner. Das war alles nur Humbug. Dieser selbstgebrannte Schnaps ist schlecht verschnitten. Aber in diesem Scheißladen gibt´s ja nichts Anständiges. Wenn ich richtigen Klaren hätte, dann …?
»Papa, du hast versprochen, nichts mehr zu …«
Er winkte ab. ?Jaja, aber auf den Schreck muss ich einen heben. Los, geh zur Bude und hol mir was.«
»Nein.«
»Ich hab gesagt, du sollst zum dicken Pit gehen und …«
»Nein.«
»Du wagst es, dich mir zu widersetzen?«
Er stützte sich auf den Tisch und beugte sich zu mir rüber.
»Ja, genau. Das wage ich. Du hast versprochen, nichts mehr zu trinken. Dies ist deine letzte Chance. Lass es sein, Papa.«
Er holte aus und schlug nach mir, aber ich wich aus. Es war ein plumper, langsamer, viel zu besoffener Schlag, als dass er mich hätte treffen können. Er wankte zur Tür und spuckte aus. »Dann gehe ich eben selber.«
Er schlurfte die Treppen herunter. Mit einer Hand hielt er sich am Geländer fest. An dem, das ich so gerne angesägt hätte, damit er sich endlich die Knochen bricht.
Ich ging zum Fenster und sah ihn über die Straße auf den Kiosk vom dicken Pit zustolpern. Er sah nicht nach links oder rechts. Er wollte nur seinen Schnaps.
Mama stand aus ihrer Traurigkeitsecke auf und kam zu mir ans Fenster.
Ein Auto kam um die Ecke gesaust. Ein dunkelgrüner Volvo. Der Volvofahrer hupte und ging voll in die Bremse. Der Wagen schleuderte auf meinen Vater zu. Ich riss die Fernbedienung aus der Tasche, drückte ab und die Szene erstarrte auf der Straße.
Kreischend stand Mama neben mir. Sie legte mir die Hand auf die Schulter und drückte so fest zu, dass es wehtat.
»Dirk, was machst du?«
»Er hat gerade einen schweren Autounfall. Ich könnte ihn retten«, sagte ich, und mein Finger schwebte über der roten Taste.
