Buch

Licht am Ende des Tunnels

Auf wen soll man hören, wenn man niemandem auf der Welt vertrauen kann?

Als Robert von einem angeblichen Geschäftsfreund seines Vaters aus dem Internat abgeholt wird, ahnt der Junge nicht, dass er das Opfer einer brutalen Entführung werden soll. Gefangen in einer abgeschiedenen Hütte irgendwo in den Schweizer Bergen versucht Robert seinen Peiniger zu überlisten. Zwischen Opfer und Täter entspinnt sich ein dramatischer Psychokrieg, dessen Ausgang über Leben und Tod entscheidet.

1. Kapitel

Mein Opa hat mich nie wirklich verlassen. Ja, ich meine das genau so, wie ich es sage: Er ist immer bei mir geblieben.
Ich habe das schon während der Beerdigung gespürt. Alle heulten, als der Sarg ins offene Grab abgesenkt wurde. Ich selbst habe Blumen hineingeworfen, und ich wusste dennoch: Mein Opa ist bei mir. Er hat sein Wort gehalten!
Er sprach damals schon zu mir. Ich dachte anfangs noch, es seien meine eigenen Gedanken, aber in Wirklichkeit war er es. Er machte sich über Tante Hedwig lustig, die verlogene Kuh. Sie schluchzte am lautesten und sah aus, als würde sie am liebsten ins Grab hinterherspringen. Dabei wusste doch jeder, dass sie Opa nicht leiden konnte. Kein gutes Haar hat sie an ihm gelassen. Seine Angelleidenschaft hat sie nur verspottet. Ihr Lieblingssatz, wenn ich von Opa kam, war: »Robert, du stinkst wieder nach Fisch, genau wie dein Opa!«
Mein Opa heißt Robert. Robert Sonntag. Als ich geboren wurde, bestand er darauf, dass ich nach ihm getauft wurde. Witzigerweise heißt mein Vater auch Robert. Allerdings war sein Nachname Müller – bis er Mama heiratete. Er nahm bei der Hochzeit ihren Namen an. Opa passte das gar nicht. Wenn er sauer auf Papa war, nannte er ihn immer »Herr Müller«.
So war Opa Robert Sonntag der Erste. Mein Papa glaubte nun, er würde Robert Sonntag der Zweite. Aber Opa war dagegen. Papa ist zwar im Vorstand der Firma, doch Robert Sonntag der Zweite bin ich.
Tante Hedwig ist Papas einzige Schwester. Sie hat immer alles ein bisschen übertrieben. Oder, wie Opa sagte: »Alles, was sie macht, ist eine Spur zu dick. Genau wie sie selbst. Sie merkt es aber nicht, deshalb lacht sie über ihre eigenen Witze am lautesten und kauft sich grundsätzlich Sachen, die eine Nummer zu eng sind.«
Das flüsterte Opa beim Begräbnis in mein Ohr oder pflanzte es sonst wie in meine Gedanken. Ich hatte keine Ahnung, jedenfalls musste ich grinsen, und das am offenen Grab. Wo er doch gestorben war! Mein Opa. Mein Lieblingsopa. Der Einzige, der immer zu mir gehalten hat. Mein Opa, der mir ein Holzschwert geschnitzt hat, als meine Eltern mir nicht mal ein Gummimesser erlauben wollten. Er hatte Verständnis für Jungs, die noch nicht genau wussten, ob sie Ritter werden wollten oder Piraten.
Als Tante Hedwig sich vorbeugte, lenkte Opa meinen Blick auf den Reißverschluss an ihrem Kleid, der überm Hintern spannte. »Er wird platzen«, versprach Opa mir. »Glaub's mir, Robert. Noch heute. Gleich bei meiner Beerdigungsfeier gibt es Streuselkuchen und Schwarzwälder Kirschtorte. Da kann sie nicht widerstehen.«
Ich spürte meinen Opa so nah bei mir, dass ich mich umdrehte. Gut. Da war niemand. Oder genauer gesagt, ich konnte niemanden sehen. Und alle hier versammelten Trauergäste hätten geschworen, dass Opa dort in dem geschlossenen Sarg lag. Unter ihnen eine Menge studierter Leute. Lehrer, Ärzte, Anwälte … War ich der Einzige, der spürte, dass das, was dort beerdigt wurde, nicht mehr war als eine Hülle? Das, was ich an ihm geliebt hatte, sein Witz, seine Großzügigkeit, seine halsstarrige Art, zu mir zu halten, all das hatte überlebt. Es war hier. Es klebte an mir wie der Kaugummi an meinem Schuh.
Ich sah ihnen in die Augen. Meine Mama, mein Papa, der stellvertretende Direktor, der Verkaufsleiter. Kriegte keiner von ihnen mit, was geschah?
Vielleicht, dachte ich, entscheidet Opa, zu wem er redet und zu wem nicht. Vielleicht kann ihn nur der Mensch spüren, der ihn am meisten geliebt hat.
Bei diesem Gedanken traten auch mir Tränen in die Augen.
»Na endlich«, lachte mein Opa. »Die Leute gucken schon komisch. Du bist der Einzige, der nicht heult.«

Es gab dann tatsächlich Streuselkuchen und Schwarzwälder Kirschtorte, genau wie er prophezeit hatte. Opa versprach mir, dass Tante Hedwig gleich mit dem Löffel die Sahnerosette von der Torte abheben würde, um sie dann in ihren Kaffee einzurühren.
Genau so geschah es auch schon eine knappe Minute später.
Mir war Kaffee zu bitter. Ich bat um einen Kakao. Der schmeckte furchtbar, aber ich beschwerte mich nicht. Kinder, die sich beschweren, kriegen zu viel Aufmerksamkeit. Ich war froh, in Ruhe gelassen zu werden. Opa hatte recht. Tante Hedwig aß auch das zweite Stück Torte, und noch während die ersten Schnäpse getrunken wurden, platzte die Naht an ihrem Reißverschluss auf. Sie beugte sich gerade zu Freddy Frambach, dem jungen Verkaufsleiter, vor und flüsterte ihm etwas ins Ohr. In der Nähe von Männern, die ihre Söhne sein könnten, blühte Tante Hedwig immer besonders auf. Ihre Stimme wurde dann schriller als sonst, ihre Augen glänzten und sie lachte zu laut. Auch ihre Bewegungen wurden größer. Sie wirkte dann auf mich, als hätte sie kein Blut mehr in den Adern, sondern Sprudelwasser. Ihr Reißverschluss platzte mit diesem unverwechselbaren Geräusch aus der Naht. Ich glaubte, Opas Lachen zu hören, aber ich war es selbst. Die Erwachsenen sahen mich an. Tante Hedwig eilte mit hochrotem Kopf zur Toilette.
Ich konnte die tadelnden Blicke der Erwachsenen kaum ertragen. Meine Mutter nahm mich in Schutz. Sie sagte, es sei der Schock und ich hätte halt eine besonders tiefe Bindung zu meinem Opa gehabt und man möge mir doch verzeihen.
So war meine Mama. Mit ausgewogenen Worten versuchte sie, den Dingen die Spitze zu nehmen. Sie machte aus jedem Streit eine angeregte Diskussion, aus jeder noch so schlimmen Peinlichkeit ein kleines Missgeschick. Als sie geboren wurde, sollte sie bestimmt eine Art Friedensengel werden. Sie studierte dann aber doch lieber Kunstgeschichte und widmete sich meiner Erziehung, wenn sie gerade mal Zeit dafür hatte.
Zeit war sowieso das größte Problem. Auch jetzt, auf der Beerdigung. Papa zog sich mit den Herren von der Leitungsebene, wie er sie gern nannte, in den Nebenraum zurück. Er verteilte dort teure kubanische Zigarren, und sie pafften den Raum voll, bis ihre maßgeschneiderten Anzüge stanken. Ich glaube, niemals hätte Papa einen Nichtraucher mit in die Geschäftsführung genommen. Er rauchte mindestens drei Havannas am Tag.
Dass die Dinger sehr teuer sind, erfuhr ich durch Marga, unsere Putzfrau. Sie hatte Papas Zigarrenschrank offen gelassen. Eine Todsünde. Da drin musste nämlich immer die gleiche Luftfeuchtigkeit herrschen, damit seine wertvollen Stücke nicht austrockneten.
Marga bat mich, meinem Vater nichts davon zu erzählen, denn eine dieser Zigarren würde mehr kosten, als sie am Tag verdiente. Ich weiß nicht, ob sie übertrieb. Aber ich hielt den Mund, denn ich spürte ihre Angst, zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Tante Hedwig kam von der Toilette zurück. Sie hielt ihren Rock mit einer Sicherheitsnadel zusammen. Um ihr zu entfliehen, wollte ich in Papas Raucherclub. Die Männer sprachen dort über Geschäftsanteile und neue Arbeitsbereiche. Ich interessierte mich dafür nicht besonders und verstand nur so viel: Jetzt, nach Opas Tod, musste Papa die Geschäftsführung übernehmen.

Abends dann erklärte Mama mir das Ganze noch einmal in Ruhe. Papa würde in Zukunft noch weniger Zeit für »uns« haben. Ja, sie sagte »uns«. Denn er müsse jetzt Opas Aufgaben mit übernehmen und deshalb müsste Pa für einige Monate nach Amerika.
Als sie mein Schlafzimmer verlassen hatte, spürte ich Opas Anwesenheit wieder deutlich. Er nahm fast den ganzen Raum ein. Es war, als würde ich mich in ihm befinden.
Er konnte über Mamas Worte nur lachen. Niemand hat jemals so viel Zeit für mich gehabt wie mein Opa. Komisch. Ihm gehörte der ganze Laden. Er hatte das alles »aus dem Nichts« aufgebaut. Aber er war nie so hektisch und so durchgedreht gewesen wie die Typen aus Papas Raucherclub.
Ich erinnerte mich daran, wie Opa mir zum ersten Mal die Fabrikhallen zeigte. Er hielt mich auf dem Arm und ich spürte seinen Stolz. Ich weiß nicht, ob er so stolz auf mich, seinen Enkel, war oder auf dieses Werk. Vielleicht war er auch einfach nur ein stolzer Mann. Seine Firma stellte alles her, was man in einem Badezimmer gebrauchen kann. Kacheln, Fliesen, Wannen -mir gefielen die Klos besonders gut. Er stellte mich seinen Arbeitern als den »neuen Chef« vor. Sie lachten und hielten mir ihre Hände zum Schütteln hin. In der Verpackungsabteilung hatte ich alle Scheu verloren und wollte wirklich eine Hand nehmen und schütteln. Aber sie kam mir so unglaublich groß vor. Ich umfasste dann nur den Zeigefinger und schüttelte den. Solche Finger hatte ich vorher noch nie gesehen oder angefasst. Sie waren groß, grob und schwielig. Ganz anders als die Hände von meinem Vater, meiner Mutter oder auch meinem Opa. »Das wird alles einmal dir gehören, wenn ich nicht mehr bin«, sagte Opa.
Ich saß inzwischen aufrecht im Bett. Warum kamen ausgerechnet jetzt diese Erinnerungen? Es war, als sei das Ganze ein Film, den Opa mir in meinem Kopf vorspielte. Er wollte, dass ich mich daran erinnere. Warum? Immer wieder hörte ich diese Worte: »Das wird alles einmal dir gehören.«
Ich stand auf und ging durch das Zimmer. Ich hielt die Hände vor mich gerichtet, die Handteller offen und bewegte mich ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter. Ich war barfuß und spürte den Teppich unter den Zehen, aber ich versuchte, mich auf die Handflächen zu konzentrieren. Ich hatte das Gefühl, Opa ertasten zu können. Er war hier. Keine Frage. Aber nicht wie ein lebendiger Körper, den man anfassen kann. Trotzdem spürbar, auch auf der Haut. So merkwürdig es klingt, die Dunkelheit im Zimmer half mir dabei. Ich knipste kein Licht an, aus Angst, ihn zu vertreiben.
»Opa«, fragte ich, »bist du hier? Hat deine Seele den Körper verlassen und ist jetzt hier bei mir?«
In meinen Handflächen kribbelte es, und mir war, als würde mich sein Pfefferminzatem anwehen. Ich weiß nicht, ob seine Worte durch meine Ohren in meinen Kopf kamen oder ob sie in meinem Kopf entstanden. Aber ich konnte sie deutlich verstehen: »Die Seele«, sagte mein Opa, »wohnt nicht im Körper, Robert. Die Menschen denken, der Körper sei die Hülle für die Seele. Das ist ein Irrtum. Die Seele hüllt den Körper ein. Es ist wie ein Kokon.«
»Opa, bist du das wirklich? Oder werde ich jetzt verrückt?«, fragte ich unsicher. Aber ich bekam keine Antwort mehr.
Ich tastete noch eine Weile das Zimmer ab, dann legte ich mich völlig erschöpft schlafen. Ich stellte mir vor, dass auch mein Körper in meiner Seele wohnte. Es war ein gutes Gefühl. Es machte mich irgendwie größer, weiter. Vor meinem inneren Auge stellte ich mir vor, dass meine Seele jetzt so groß war wie mein ganzes Zimmer.
Ich schlief in mir.

Besprechungen

»Boahhhhhh - WAS für ein Thriller!
Ein Junge, gefangen in einer Kiste … geschockt, erschüttert, verängstigt, gelähmt, weil er die Pistole in der Hand des Entführers, den er kennt, nicht übersehen kann …«

Vollständige Rezension auf www.krimi-forum.net
Miss Sophie

Buch 12