Buch
Feuerball
Der Brandanschlag, bei dem Jens Vater ums Leben kam, blieb nicht der letzte. Der Feuerteufel wütet weiter und Jens wird von albtraumhaften Visionen heimgesucht, bis er schließlich nicht mehr unterscheiden kann: Was ist noch Realität und was das Produkt seiner Fantasie? Jens glaubt, den Täter zu kennen, aber kann er sich selbst trauen?
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Jedes Kind konnte in diesen Tagen das TLF16/24 vom TLF24/50 unterscheiden. Die Tanklöschfahrzeuge beherrschten das Stadtbild. Die Ichtenhagener Jungen beteten ihre Daten herunter wie noch vor kurzem die Bundesligaergebnisse. 2400 Liter Pumpenleistung pro Minute. 5000 Liter Wasser im Tank. 750 Liter Schaummittel.
Schon von weitem erkannten sie Löschgruppenfahrzeuge, kurz LF genannt. Großtanklöschfahrzeuge, die TLFs, kündigten eine heikle Situation an.
Die Kinder sammelten inzwischen Autogramme von Feuerwehrleuten und änderten ihre Berufswünsche von Fußballer, Popstar oder Kapitän kurz in Feuerwehrmann.
Ein Zeitungsausschnitt vom Feuer im Schulzentrum, versehen mit der Unterschrift vom Stadtbrandinspektor, oder noch besser vom Kreisbrandinspektor, brachte mehr als ein Autogramm vom Bundesligatorwart Hartmut Businski, und der war in Ichtenhagen ein Held.
Vor der Kathedrale nickten die Feuerwehrleute den Gläubigen zu. Sie wollten ihnen das Gefühl geben, in Sicherheit zu sein. Überall, wo sich in diesen nervösen Tagen größere Menschenmengen versammelten, waren die uniformierten Brandbekämpfer dabei.
Noch nie waren sich die Feuerwehrleute so wichtig vorgekommen, so geachtet und doch so hilflos. Niemand redete mehr davon, ihnen die Zuschüsse zu streichen. Ihre Ausrüstungen waren in den letzten Wochen auf den modernsten Stand gebracht worden. Geld spielte plötzlich überhaupt keine Rolle mehr. Niemand hielt an dem Glauben fest, bei der Berufsfeuerwehr säßen nur dickärschige Wichtigtuer den ganzen Tag herum und spielten Karten.
Jens Roth scheute vor der Kathedrale zurück. Er wäre am liebsten umgekehrt. Das TLF24/50 zog ihn magisch an. Den Gruppenleiter kannte er aus der Zeitung. Der war als erster auf das Dach des brennenden Arbeitsamtes geklettert. Mit der Axt hatte er die Bahn freigemacht für das Löschwasser.
Jens erinnerte sich gut an ihn. Der Mann hatte der Presse ein wütendes Interview gegeben. Das Dach sei mehrfach mit Teerpappe belegt worden. An einigen Stellen zählte man später acht Schichten. Dadurch sei die Dachhaut dermaßen widerstandsfähig gewesen, dass Wärme und Rauch nur an den Stellen austreten konnten, an denen das Dach bereits durchgebrannt war. Dies machte einen Innenangriff trotz schwerer Atemschutzgeräte praktisch unmöglich. Eine andere Bauweise hätte so einen Großbrand erst gar nicht entstehen lassen.
Jens verehrte diesen Mann. Er war für ihn der Inbegriff von Mut und Sachverstand.
Stefanie warf die langen blonden Haare zurück und zerrte Jens weiter.
»Komm. Glotz nicht so. Hier kann nichts passieren. Du siehst ja, sie passen auf uns auf. Außerdem... wer zündet denn eine Kirche an...«
Sie trug heute mit Sicherheit den kürzesten Rock in der Kathedrale. Sie war zwar nicht übermäßig gläubig, aber sie ging gern zur Kirche. Hier fiel sie in ihrem Outfit eher auf als in der Disco. Die kirschroten Lippen passten farblich exakt zum Rock. Das kleine Pickelgesicht neben ihr konnte unmöglich ihr Freund sein.
Die Feuerwehrleute sahen ihr nach, als sie mit ihrem Bruder Jens das Eingangsportal hinauf schritt. Jeder von ihnen war bereit, sie zuerst zu retten und auf den Armen aus der Kirche zu tragen. Fast wünschten sie sich einen Brand. Sie gaben sich solche Gedanken nicht gern zu, und sie schämten sich dafür. Aber sie hatten sie trotzdem.
Jens sah nach oben. Das mächtige Gewölbe wurde von Rippen getragen, die seinen Druck zu den Pfeilern hinleiteten. Die Pfeiler schwankten auf einmal. Stürzte die Kathedrale ein? Merkten die Gläubigen nicht, in welcher Gefahr sie sich befanden? Die großen bunten Scheiben würden brechen. Er sah die Fensterrosen und Kriechblumen bereits nach innen splittern, in die Gesichter der singenden Gemeinde.
Er wollte schreien, doch etwas hielt ihm von hinten den Mund zu. Er spürte den festen Griff einer strengen Hand. Er konnte die Lippen nicht bewegen. Er fürchtete, seine Zähne könnten dem Druck nicht länger standhalten.
Neben ihm reckte Stefanie den Hals und bemerkte nichts. Sie leckte sich Lippenstiftspuren von den Zähnen. Er starrte sie an. Unbekümmert, ohne große innere Beteiligung, sang sie einen Psalm. Jens konnte die Bewegung ihrer Lippen sehen, doch er hörte sie nicht. Das Krachen und Mahlen im Gebälk war ohrenbetäubend für ihn. Es klang wie... Zähne, die aufeinander rieben. Es war ein gigantisches Kauen. Ein Schmatzen.
Er befand sich nicht mehr in einer spätgotischen Kirche, sondern im Rachen eines Menschen fressenden Monsters. Der Boden unter ihm bewegte sich. Die langen, geschnitzten Bänke waren die Zahnreihen. Vorne am Altar lockte ein mit lächerlichen Gewändern verkleideter Dämon die Gläubigen tiefer in den Schlund.
Jens krampfte sich in den nackten Oberarm seiner Schwester.
Sie zog ihn barsch weg. »Lass das.«
Jens spürte die quälende Ohnmacht. Er bekam keinen Ton heraus. Er befürchtete, sich in die Hose zu machen. Das Kribbeln in den Eingeweiden wurde stechend. Die Schließmuskeln wollten ihm nicht länger gehorchen.
Er packte Stefanies Hand. Sie schüttelte ihn ab und sah ihn sauer an.
Komm mit, Stefanie! Um Himmels Willen, komm mit! Wir sind in Lebensgefahr! wollte er brüllen, doch die eiserne Hand, die seinen Mund zudrückte, ließ es nicht zu.
Er zerrte an Stefanie. Sie stieß ihn verständnislos zurück.
»Lass mich. Spinn nicht rum.«
Sie sah sich um und lächelte verlegen. Es war ihr peinlich. Jens spürte es genau. Sie schämte sich für ihren Bruder.
Von seinem Hals hatte sich ein Pflaster gelöst. Sie drückte es über der kleinen Wunde wieder fest.
Als sich die Flügel vom großen Eingangsportal knarrend aufeinander zu bewegten, rannte Jens los. Er rempelte eine alte Dame an. Ihr Gebetbuch fiel auf den schwankenden Boden. In den letzten Reihen drehten sich die Menschen nach ihm um. Er stürzte ins Freie. Das gierige Maul schloss sich hinter ihm.
Jens stolperte und krachte auf die Steinstufen. Er rollte hinunter. Seine Knie schlugen auf. Er griff sich an den Kopf. Über dem rechten Auge klaffte eine blutende Wunde. Aber das interessierte Jens nicht. Hinter ihm öffnete sich das Maul erneut.
Er raffte sich auf und rannte weiter. Floh in Richtung Straße. Das Hupen hörte er nicht.
Nur der schnellen Reaktion des jungen Mannes am Renaultsteuer verdankte Jens sein Leben.
Gert Klein, der Fahrer, schleuderte mit seinem Auto gegen einen parkenden Passat. Gert stieg aus. In Sekunden hatte er sein Hemd durchgeschwitzt. Er war knapp achtzehn und hatte erst vor drei Tagen seinen Führerschein gemacht.
»Scheiße! Scheiße!« schrie er. »Das ist der Wagen von meinem Vater! Kannst du dir vorstellen, was der mit mir macht? Bleib stehen! Hau jetzt bloß nicht ab!«
Jens schenkte dem aufgeregten Typen keine Beachtung. Er versteckte sich in einem Häusereingang. Von hier aus konnte er die gotische Kathedrale aus sicherer Entfernung beobachten. Sie wuchs. Ja. Er war sich ganz sicher. Das Ding wuchs! Die aufstrebenden Türme wurden länger.
Jetzt erkannte Jens alles. Der Kopf des Satans ragte aus dem Asphalt. Seine Hörner hatte er mit Ornamenten getarnt. Seine Augen leuchteten böse hinter Brillengläsern, die mit bunten Heiligenbildchen beklebt waren. Er streckte den Gläubigen höhnisch lachend die lange Zunge heraus, auf der sie wie idiotische Schlachttiere in seinen Schlund spazierten. Schön ordentlich in Reih und Glied. Einer hinter dem anderen.
Das Maul schloss sich zum Schlucken. Schon öffnete es sich wieder, um weitere Menschen zu fressen. Die Feuerwehrleute saßen stolz in ihrem Tanklöschfahrzeug und sahen zu.
Jens wurde gepackt und gegen die Häuserwand gedrückt. Er spürte den Rauputz durch sein Hemd stechen, bevor er mit dem Hinterkopf dagegen schlug.
»Hoffentlich bist du gut versichert, du Idiot!« brüllte Gert Klein. Er hatte Lust, Jens das Gesicht zu zermatschen. Gegen ihn wirkte Jens klein, zierlich, ja, irgendwie sogar klapprig. Doch obwohl Gert zwei Köpfe größer war, schien Jens sich nicht vor ihm zu fürchten. Er war leichenblass. Seine schwarzumrandeten Augen lagen tief in den Höhlen, so als wollten sie sich zurückziehen. Die Augäpfel vibrierten. Jens zitterte. Aber Gert merkte sofort, er war es nicht, der diesen Jungen so sehr erschreckte. Es gab etwas anderes, das ihn fast um den Verstand brachte. Während Gert ihm drohte, zeigte Jens in Richtung Kirche.
»Da! Da! Der Satan kommt aus dem Inneren der Erde hoch!«
Gert Klein sah sich um. Er entdeckte nichts Besonderes.
Er ließ Jens los. Strich sogar seine Kleidung wieder glatt und wunderte sich dabei über sich selbst. Etwas an diesem schmalbrüstigen Jungen stimmte Gert milde. Als sei der Renault plötzlich unwichtig geworden angesichts des Grauens in den Augen des Jungen vor ihm.
Gert wunderte sich über die vielen frischen Narben in Jens´ Gesicht. Entweder war die Haut des Jungen zu dünn und riss einfach ein oder er verletzte sich dauernd selbst.
»Du bist ganz schön durchgeknallt, weißt du das? Bist du auf Droge?«
Jens schüttelte den Kopf. »Nein. Ich... ich...«
Mehr bekam er nicht heraus, dann wurde ihm wieder der Mund zugedrückt. Es war, als ob der Asphalt unter ihm weich werden würde. Er drohte zu versinken. Knietief stand er schon im Sumpf. Er wollte einen Schritt gehen, aber er kam nicht vorwärts. Der warme Asphalt hielt ihn fest.
»Versuch bloß nicht, abzuhauen. Du bleibst hier, bis die Bullen alles aufgenommen haben. Nimm´s mir nicht übel, aber mein Alter reißt mir sonst den Kopf ab.«
Stefanie kam nach Luft ringend bei den beiden an. »Äi! Lass meinen Bruder in Ruhe! Er hat dir nichts getan, du blöder Wichser!«
Gert Klein war von ihren Worten wenig beeindruckt. Doch ihr Anblick traf ihn wie ein Kopfschuss. Er staunte sie an. Gert stand auf Blondinen. Sie bevölkerten seine Träume. Ihr würde er kaum etwas abschlagen können.
Langsam fing er sich wieder.
»Das ist also dein Bruder, häh? Der Spinner ist mir voll vor die Kiste gelaufen.«
»Du hast doch deinen Führerschein im Lotto gewonnen!« keifte sie.
Gert schluckte. »Ich brauch eure Adresse!«
Er zeigte auf den Schaden.
Für Jens´ Ohren war der Streit der beiden ein undefinierbares Sprachgewirr. Laute. Grunzen.
Er versank.
Wie konnten die anderen auf diesem Asphaltsumpf stehen? Merkten sie nicht, was los war oder war es nicht wirklich? Erlebte nur er diese Situation so?
Es kam ihm vor, als würde er heiße Luft einatmen. Gleichzeitig wurden seine Hände und Füße eiskalt. Dann wurde der Sumpf unter ihm wieder zu festem Boden. Vorsichtig trat Jens auf, um ihn zu testen. Er stellte sich vor, dass die Haut der Erde sehr dünn war, wie brüchiges Eis, und jeden Moment einbrechen oder einfach nachgeben könnte. Darunter waberte es. Doch die Haut hielt. Sie hielt erstaunlich gut.
Er sah zum Teufelskopf. Jetzt stand dort nur noch die alte, taubenumflatterte Kathedrale, an der er schon so oft vorbeigegangen war. Sie hatte nichts Furchterregendes mehr an sich. Sie war alt, wurde ständig renoviert und die Baugerüste gehörten zu ihr wie die Vogelscheiße.
Stefanie gab dem Typen die gewünschte Adresse und fügte spitz hinzu: »Vielleicht solltest du es mal mit Fahrstunden versuchen.«
Dann nahm sie Jens bei der Hand. »Komm. Wir gehen.«
Gert Klein fand das eigentlich nicht okay. Man wartet nach einem Unfall auf das Eintreffen der Polizei. Aber er hielt sie nicht auf. Er hoffte nur, dass die Adresse nicht falsch war.
Er sah ihnen nach. Sie ging sehr liebevoll mit ihrem verrückten Bruder um, fand Gert. Sie kämpfte wie eine Löwin, die ihr Junges verteidigt.
So wie sie aussah, war sie es gewöhnt, angebaggert zu werden. Bestimmt verteilte sie Körbe locker wie Reklamesendungen.
Hinter der Straßenkreuzung, außerhalb seiner Sichtweite, machte Stefanie ihrem Bruder eine Szene. »Es wird immer schlimmer mit dir! Du hättest dabei draufgehen können! Wenn Ma das erfährt, flippt sie aus.«
»Wir müssen es ihr ja nicht sagen. Sie hat schon Sorgen genug«, schlug Jens vor. Er klang jetzt plötzlich sehr klar. Stefanie musterte ihn. Sie bildete sich ein, sie könne schon an seiner Körperhaltung sehen, ob er wieder weg war oder nicht.
Doch das stimmte nicht immer. Manchmal ging sie seinen Einbildungen auf den Leim. Dann erschrak sie vor sich selbst.
»Von wegen«, konterte Stefanie. »Er hat doch unsere Adresse.«
