Buch
Donnas Baby
Am liebsten wäre Jens ja Saxophonist bei den Motherfuckers, dann müßte er auch nicht mehr Autos knacken, um an Kohle zu kommen. Doch dann verliebt er sich in Donna. Sie geraten in einen Skandal, den sie nicht auf sich beruhen lassen können. Donna wird schwanger. Aber die Frauenärztin hat ihre eigene Sicht der Dinge: Frauen, bei denen sie eine Abtreibung befürchtet, sagt sie erst nach dem dritten Monat, daß sie schwanger sind. Dann ist es für einen Eingriff zu spät. Doch für Donna und Jens hat das ganz andere Konsequenzen als erwartet. Klaus-Peter Wolfs hochspannender und authentischer Roman wird wie viele seiner bisherigen Bücher ebenfalls verfilmt.
1
Für einen Moment sieht es so aus, als ob alles gut gehen könnte.
Es ist still in der Straße. Über ihm versuchen Motten, ins Licht der Laterne zu fliegen.
Die dumpfen Töne, mit denen sie sich die Köpfe am Glas einschlagen, nerven ihn.
Er legt den Bohrer an das Schloss der Autotür. Nur eine Handbreit höher auf der Fensterscheibe leuchtet der Aufkleber:
Dieses Fahrzeug ist mit einer Alarmanlage gesichert.
Mit solchen Dingern bepflastern die Leute ihre Autos, um Diebe abzuschrecken.
Nur wenige Fahrzeuge haben tatsächlich eine Alarmanlage.
Jens Simon weiß das. Die Wagen der S-Klasse sind alle damit ausgestattet.
Dieser BMW 85 Oi natürlich auch. Jens schluckt trocken.
Er vertraut auf Yogis Worte: »Mein Vater hat sie ausbauen lassen.
Das Ding ist viermal versehentlich losgegangen. Wir haben einen Mordsärger mit den Nachbarn gekriegt.
Ich garantiere es dir: Die Alarmanlage ist aus, die Papiere liegen im Handschuhfach.«
Sie haben halbe-halbe vereinbart. Jens soll den Wagen nur bis zum Rastplatz Ohligser Heide fahren, dort wird ein Syrer ihn übernehmen.
Jens soll zwanzigtausend in bar bekommen. Zehn für sich und zehn für Yogi. Zehntausend Mark!
Das reicht, um alle Probleme für eine Weile zu lösen. Er wird seine Schulden bezahlen und Er sieht auf die Uhr.
In zwei Stunden muss er den Wagen übergeben. Es wird Zeit. Er drückt den Bohrer fester gegen das Blech.
Noch einmal schaut er sich um. Das Haus hinter ihm liegt völlig im Dunkeln. Hier gehen die Leute früh ins Bett.
Nur ganz am Ende der Straße, wo die Eichen stehen, guckt jemand im oberen Stock noch den Spätfilm.
Eine betäubte Motte fällt Jens in die Haare. Er schüttelt sie ab. Plötzlich jault die Alarmanlage.
Das Geräusch führt ihm in den Magen wie ein Faustschlag. Jens springt aus der Deckung hoch und lässt sein Werkzeug fallen.
Es gibt zwei Möglichkeiten: hinein in den Wagen, so schneller kann, und die Alarmanlage unterbrechen oder einfach abzuhauen.
In jedem Fall aber muss er sein Werkzeug mitnehmen. Er klaubt es vom Boden auf. Jetzt sind die Häuser um ihn herum hell erleuchtet.
Schuhsohlen knirschen auf dem Asphalt. Taschenlampen werden auf ihn gerichtet. Jens ist sofort umzingelt.
Das kann doch nicht wahr sein, denkt er. Eine Falle? Wer macht so etwas? Yogi? Sie stehen breitbeinig da.
Sie haben Knüppel dabei. Jens benutzt den Bohrer als Stichwaffe und macht einen Fluchtversuch.
Von der Polizei erwischt zu werden ist schon ein Alptraum.
Viel schlimmer aber wird es, wenn aufgebrachte Bürger den Autodieb zu fassen kriegen.
Ein stumpfer Gegenstand trifft ihn am Ohr.
Jemand kreischt: »Der hat eine Knarre!« »Das ist ein Bohrer! Haltet ihn fest!«
Jens stößt einen Mann um und rennt. Fünf, vielleicht sechs Kerle verfolgen ihn.
Er weiß, dass er dieses Tempo nicht lange durchhalten kann.
Hinter ihm keift eine hysterische Stimme: »Ich schlag dich tot!«
Jens stolpert.
Er springt über eine Hecke. Diese Scheiß Vorgarten! Die geordneten Blumenbeete bieten nicht den Hauch eines Verstecks.
Klettergerüste. Ein Sandkasten. Eine Schaukel. Verdammte Raucherei. Er, der Saxophonspieler, kriegt keine Luft mehr.
Wieder stolpert er. Diesmal schlägt er lang hin. Er landet mit dem Gesicht auf einem Gullydeckel. Der Deckel wackelt.
Vielleicht ist das seine Chance. Jens sieht sich um. Lichtkegel tasten nervös die Straße ab. Sie haben ihn verloren.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn hier entdecken. Er krallt die Finger in den Gullydeckel und hievt ihn hoch.
Ein Schmerz trifft ihn in der Wirbelsäule. Er lässt den Deckel fallen und tastet nach der schmerzenden Stelle.
Für einen Augenblick glaubt er, jemand habe ihm eine Kugel in den Rücken geschossen, doch dann merkt er, es ist nur die ungewohnte Bewegung.
Er hat den Deckel zu sehr aus dem Kreuz gehoben. Er ist an schwere Arbeit nicht gewöhnt.
Jens ignoriert den Schmerz und gleitet vorsichtig ins Innere der Kanalisation.
Er kann seine Beine von den Knien ab nicht mehr sehen. Er zieht den Deckel über sich.
Jetzt sitzt er fast im Dunkeln. Die Schritte kommen näher. Jens atmet nur flach, um keine Geräusche zu machen,
zieht die Beine an den Körper und krampft die Hände um zwei glitschige Haltegriffe.
Dann steht einer breitbeinig auf dem Deckel. Er lässt den Lichtkegel seiner Taschenlampe kreisen.
Ein paarmal fallen sogar Strahlen in den Gully. Doch der Verfolger kommt nicht darauf, dass Jens sich unter ihm befindet.
Vielleicht ist er auch ganz froh, dass Jens ihnen entwischt ist.
»Na ja, dann eben nicht«, mault er leise.
Seine Kumpane haben ihm angst gemacht. Einen Autodieb zu stellen ist eine Sache. Ihn zum Krüppel zu schlagen etwas anderes.
Er versteht nicht, woher diese Brutalität kommt. Er hofft, dass es nur Maulheldentum ist, aber er ist sich nicht ganz sicher.
»Lass dir das eine Lehre sein«, ruft er in die Nacht und schaltet seine Lampe aus. Warum hast du mich verraten, Yogi? denkt Jens.
Von wegen, du wolltest deinem Alten eins auswischen. Du wolltest mir eins reinwürgen! Bloß weil ich es ein paarmal mit deiner Perle gemacht hab?
Mein Gott, Yogi, das kann doch nicht wahr sein. Dafür lieferst du mich ans Messer? Was ist los mit dir? Das ist ja krankhaft.
Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte. Aber eines versprech ich dir, Yogi: Das wird dir noch Leid tun. Er wartet fast eine Stunde.
Inzwischen hat sein Herzschlag sich beruhigt. Zweimal führt ein Auto über den Gullydeckel.
Jedesmal hat er das Gefühl, über ihm könnte alles nachgeben. Die Angst, zerquetscht zu werden, wird übermächtig.
Er muss hier raus. Jens drückt mit den Schultern gegen den Deckel, kriegt ihn aber nicht hoch.
Er sucht mit den Füßen Halt, rutscht aber immer wieder auf den Steigringen ab.
Ein fauliger Geruch steigt von unten auf. Es sticht in der Lunge. Wenn Jens atmet, hört er ein Fiepen, das ihm angst macht.
So hat sich sein Meerschweinchen angehört, kurz bevor es starb. Unter ihm huscht etwas vorbei. Ratten vielleicht.
Oder eine Einbildung. Aber es verleiht ihm neue Kraft. Der Gullydeckel scheppert in die Höhe.
Er fällt wieder runter, verkantet sich aber so, dass Jens ihn zur Seite schieben kann.
Er zwängt sich heraus. Für ein paar Sekunden liegt er schwer atmend, zusammengerollt wie ein Embryo, neben dem dunklen Loch und starrt hinein.
2
Donna muss die Sachen gut verstecken. Monika darf sie auf keinen Fall finden.
Selbst wenn sie hier oben putzt – und die Gefahr besteht am Wochenende.
Unter dem Bett würde sie das Zeug sofort entdecken. Im Spiegelschrank ist auch nichts sicher.
Monika hat die Angewohnheit, die frisch gewaschene Wäsche gleich in Donnas Schrank einzuräumen.
Donna will das nicht. Es ist zwar bequem, aber sie fühlt sich auch kontrolliert.
Wie soll sie ihrer Mutter das klarmachen?
Die lacht nur: »Aber das tue ich doch gern für dich, mein Kind. Außerdem hält mich das Treppensteigen fit.«
Donna steht in der Mitte des Raumes und dreht sich langsam um. Ihre Blicke tasten die schrägen Wände ab.
Sie hat hier oben unter dem Dach zweiundsechzig Quadratmeter ganz für sich allein, aber kein sicheres Versteck für ihre Tennisklamotten.
Hier, wo die Schräge in die Gerade übergeht, müsste ein Hohlraum sein.
Als ihr Vater das Dach ausbauen ließ, ging die Schräge an dieser Seite noch bis zum Boden.
Donna erinnert sich genau daran, wie es hier früher aussah. Sie hatte immer Angst, auf den Dachboden zu gehen.
Als sie klein war, hörte sie die Eltern über die hohe Belastung stöhnen, die auf dem Haus lag.
Vater flüsterte das Wort erdrückend. Donna stellte sich die Belastung als riesigen, schweren Felsblock vor.
Sie sah ihn nicht, doch er musste dasein. Irgendwann sagte ihr Vater, die Last werde nach und nach abgetragen.
Sie befürchtete immer, das Dach könnte unter dem Druck zusammenkrachen, und folglich war sie empört,
als die Eltern ihr vorschlugen, sie solle dort oben ihr eigenes kleines Reich bekommen.
Sie wollte unten bleiben, in Sicherheit. Neben dem elterlichen Schlafzimmer.
Jetzt kann sie darüber lachen, aber damals waren ihre Angst und ihre Enttäuschung darüber,
dass ihre Eltern sie so einer Gefahr aussetzen wollten, sehr real. Donna klopft gegen das Plakat von den Red Hot Chilli Peppers.
Tatsächlich, es klingt hohl. Sie löst das Poster vorsichtig von der Wand und tastet die Tapete ab.
Sie spürt die Nahtstellen der dünnen Rigipsplatten. Direkt darüber knibbelt sie die Tapete ab.
Dabei kommt sie sich verschlagen vor. Ausgebufft und listig wie ein Ausbrecherkönig.
Sie liebt Steve McQueen als Papillon, der von der Teufelsinsel flieht.
Als sie den Film zum erstenmal sah, konnte sie seine Ausweglosigkeit körperlich spüren.
Sie saß, Kekse kauend, allein auf der großen Couch im Wohnzimmer, aber der Raum wurde ihr zu eng.
Sie öffnete die Terrassentür, doch die Luft kam ihr immer noch stickig vor.
Sie hat den Film auf ihrem eigenen Videorecorder zigmal gesehen, bis sich das Band verwurstelte und der Apparat es regelrecht zerfetzte.
Seitdem hat sie kaum einen Gefängnis- oder Ausbrecherfilm verpasst. Sie weiß selbst nicht genau, was sie daran fasziniert.
Aber sie identifiziert sich immer mit den Gefangenen, egal, welcher Verbrechen sie beschuldigt werden.
Egal, ob schuldig oder unschuldig. Sie hält zu denen, die raus wollen. Die Rigipsplatte lässt sich mühelos nach hinten drücken.
Ihr Vater hält sich zwar für einen begabten Handwerker und macht fast alles selbst, aber sie weiß, er ist nur zu geizig, eine Firma zu bezahlen.
Oder hat er wirklich nicht genug Geld? Hinter der Platte riecht es nach Holzwolle.
Es ist dunkel. Dort könnten Ratten hausen. Ein Versteck für Riesenspinnen.
Vielleicht haben dort die Wespen ihr Nest, die seit zwei Sommern ständig ums Haus kreisen?
Sie kommen morgens, wenn die Obstkisten dekorativ draußen vor dem Schaufenster aufgestellt werden,
aus dem Nichts und verschwinden abends genauso rasch wieder. Sie müssen in der Nähe des Hauses in einem Erdloch wohnen,
oder sie fliegen durch eine undichte Stelle zwischen zwei Dachpfannen in die Innenwandverkleidung. Donna möchte das Loch so schnell wie möglich wieder verchließen. Sie wirft ihre Tennissocken hinein. Die zwei flauschigen Handtücher, das Ersatzröckchen und die neuen Nikes. Sie wird statt dessen ihre alten, ausgelatschten schwarzen Reeboks tragen. Die, die sie schon zweimal aus dem Müll gerettet hat. Sie hebt die Rigipsplatte wieder an und hängt das Red Hot Chilli Peppers Poster wieder über die Stelle,
an der sie die Tapete abgeknibbelt hat. Sie fühlt sich wie der Graf von Monte Cristo beim Buddeln des Tunnels. Die Platte wackelt, aber das wird Mutter beim Putzen nicht bemerken. Nie würde sie ein Poster von Donna abhängen. Sie runzelt nicht einmal die Stirn darüber. Sie ist tolerant und aufgeschlossen. Vielleicht hätte sie sich früher auch Bilder von halbnackten Männern ins Zimmer gehängt, die ein Mikrophon in der Hand halten, als sei es ihr Penis, wenn es damals so etwas schon gegeben hätte, wenn sie ein eigenes Zimmer gehabt hätte und wenn ihre Eltern nicht so kleinkarierte Spießer gewesen wären. Donna stopft das Igluzelt in die Tennistasche. Dieses silbergraue Sonderangebot für DM 99 ließe sich bequem in einer Plastiktüte transportieren, wenn sie die Stangen einmal mehr knicken könnte. In der Tennistasche verschwinden sie ganz. Der Schlafsack macht ihr mehr Sorgen. Er ist mit Daunenfedern gefüllt. Im Beipackzettel stand, man könne damit problemlos im Schnee übernachten. Sie will es lieber nicht ausprobieren. Es wäre ihr lieber, wenn man das Ding statt dessen leichter zusammenknubbeln könnte. Ohne Schlafsack will sie nicht fahren. Dann schon lieber ohne Zelt. Sie glaubt sowieso nicht daran, dass sie viel schlafen wird. Endlich ist der Daunensack Polar untergebracht. Die Reeboks noch, und mehr geht wirklich nicht rein. Ein Tennisschläger muss aus der Seitentasche herausgucken, wenn sie nicht sofort auffliegen will. Noch ein Blick in den Spiegel. Donna wirft die langen, gold blonden Haare zurück. Egal, welches Shampoo, egal, welche Spülung, egal, welche Kuren sie macht, egal, wie oft sie sich die Spitzen schneiden lässt: Sie hat immer Spliss. Sie bleckt die Zähne. Ihre Freundinnen trugen noch bis vor kurzem quälende Zahnspangen. Donna hatte so etwas nie nötig. Einmal hat der Schulzahnarzt sie als Beispiel dafür vorgeführt, wie toll sich Zähne entwickeln, wenn sie richtig geputzt werden. Sie hätte ihn leicht lächerlich machen können, tat es aber nicht. Was ging es die anderen an, dass sie sich nur selten abends vor dem Zubettgehen die Zähne putzt? Meist nur morgens, um einen frischen Atem zu haben und gut auszusehen. Wenn die anderen so mit ihren Zähnen umgehen würden, säßen sie noch öfter in den Wartezimmern der Zahnärzte. Donna weiß, es liegt nicht am Putzen. Es liegt am gesunden Essen. Wie sollen Zähne stabil bleiben, wenn man ihnen nicht genügend Mineralien zuführt? Ihre Eltern achten genau darauf, dass Donna sich richtig ernährt. Manchmal gehen sie ihr auf die Nerven mit dem Gerede über ausgewogene Kost. Aber Donna weiß, sie haben im Grunde recht. Manchmal lehnt sie sich dagegen auf, ißt absichtlich etwas, von dem Mama sagt, es sei schädlich. Es ist eine Art Selbstbehauptung. Danach fügt sie sich um so williger dem Ernährungsplan. Sie liebt die Küche ihrer Mutter. Niemand kann eine Gemüselasagne zubereiten wie sie. Ihre Salate sind Kunstwerke. Manchmal geniert Donna sich fast, die bunten Arrangements zu zerstören. Donna tänzelt die Treppe hinunter und durchquert den Laden. Sie will auf keinen Fall, dass die anderen hier hereinkommen und sie abholen. Sie muss vorher an der Straßenecke sein. Jetzt darf nichts schiefgehen. Einfach rauslaufen kann sie nicht. Sie muss sich von ihren Eltern gebührend verabschieden. Sie würden das nicht verstehen, sich Sorgen machen, verletzt sein. Ohne Abschiedsküsschen hat sie sich noch nie von ihnen getrennt. Sie schaut auf die Swatch. Die Zeit wird knapp. Ihr Vater steht hinter der Theke und unterhält sich mit seinem Stammkunden, dem pensionierten Finanzbeamten Gerhardt, über sein Lieblingsthema: die Steuern. Die beiden streiten sich täglich mindestens eine Viertelstunde lang. Jedesmal, wenn Herr Gerhardt kommt, seine Zeitung kauft, zwei Flaschen Bier und ein paar frische Lebensmittel fürs Mittagessen.
»Ach, Gerechtigkeit! Hören Sie doch auf! Steuern haben mit Gerechtigkeit nichts zu tun!« Herr Gerhardt hebt den Zeigefinger.
»Lieber Herr Huse! Es gibt achtunddreißig verschiedene Steuern. Niedergelegt sind sie in hundertzwanzig Gesetzen mit fünfundzwanzigtausend Paragraphen und hundertachtundsiebzig Verordnungen mit mehr als zwanzigtausend juristischen Exegesen. Hinzu kommt eine Flut von Kommentaren, Erlassen, Anweisungen und Gerichtsurteilen. So versucht man jedem Steuerbürger gerecht zu werden.«
Peter Huse wischt die angegraute Locke aus der Stirn. »Ach, Unsinn. Das alles hat nur einen Sinn: Es soll verschleiern, dass wir ausgenommen werden wie eine Weihnachtsgans. Mehr nicht.«
Donna will sich jetzt nicht einmischen. Sie hat gelernt, danebenzustehen und abzuwarten, bis die Leute ausgeredet haben. Wer höflich mit anderen umgeht, kann von ihnen das gleiche erwarten. Sie ist in diesem Geschäft groß geworden. Sie weiß, dass Kunden und Kundengespräche immer Vorrang haben. Jedes kleine familiäre Problem kann man zurückstellen, bis die Kunden den Laden verlassen haben. Aber diesmal drängt die Zeit. Donna spürt ihr Herz pochen. Hoffentlich sieht Papa nicht, wie nervös ich bin. Mutter befreit die Salatköpfe von ein paar nicht mehr ganz so ansehnlichen Blättern. Donna läuft zu ihr, um sich wenigstens von ihr schon mal zu verabschieden.
»Die Schaumweinsteuer wurde neunzehnhundertzwei eingeführt, um die kaiserliche Marine aufzubauen. Stimmt's, oder nicht?«
»Ja, das stimmt.«
»Sehen Sie! Die Schiffe sind längst gesunken. Den Kaiser gibt es nicht mehr. Aber die Steuer, die ist uns erhalten geblieben.«
Donnas Vater zählt die Steuerkuriositäten an den Fingern ab. Er tut es geradezu genüsslich. Donna sieht ihm gern dabei zu. Er wirkt gar nicht wie ein Verkäufer in seinem eigenen Lebensmittelladen. Er trägt seine verwaschenen Jeans, ein bisschen zu knapp am Bauch. Die obersten drei Knöpfe am Baumwollhemd stehen auf. So, wie er doziert, kann sie sich ihn gut als Lehrer vorstellen.
»Zar Peter der Große verhängte eine Bartsteuer. Wer als Bartträger keine gültige Steuerquittung vorweisen konnte, wurde auf der Stelle rasiert. In England wurde die Fenstersteuer erfunden. Bald darauf wurde sie auch in Holland und Deutschland beliebt. Es gab eine Spatzensteuer, sogar eine Nachtigallensteuer. Eine Ofensteuer …«
»Aber Herr Huse, das hat man doch lange abgeschafft.«
»Ja, und durch neuen Blödsinn ersetzt. Der Weidmann zahlt Jagdsteuern. Die Hinterbliebenen Erbschaftsteuern. Die Freigebigen Schenkungssteuern. Die Besitzenden Vermögenssteuern. Der Gläubige Kirchensteuer. Bier-, Kino-, Benzin-, Tabaksteuer – alles klar! Aber wissen Sie, wir Deutschen, wir zahlen sogar Steuern auf die Steuern. Das ist doch ein bisschen viel, nicht wahr?«
»Das stimmt ja nun wirklich nicht!«
»Ach, zahlen wir nicht Umsatzsteuer auf die Benzinsteuer? Wissen Sie, dass der Staat an den zwei Bierflaschen hier mehr verdient als ich? Mit welchem Recht eigentlich?«Donna legt ihrer Mutter die rechte Hand zwischen die Schulterblätter und sagt: »Tschüs, Mami.«
Monika Huse dreht sich um. »Aber Kind, so kannst du doch nicht gehen!«
»Warum nicht?«
»Es ist viel zu kalt. Es soll regnen.«
»Mutti, es ist ein Hallenturnier.«
Frau Huse greift zielsicher ins Obstregal, wählt ein paar der besten Früchte aus, wirft sie in einen Einkaufskorb. Zwei Orangen, eine Pampelmuse, drei Kiwis, ein paar Bananen. »Warte, Kind, du musst was zu essen mitnehmen!«
»Mutti, wir essen dort.«
»Aber die Autofahrt ist lang. Und du kennst doch die Preise bei den Turnieren. Willst du etwa diesen sündhaft teuren Weißmehlkuchen essen?« In ihrer Stimme liegt Spott, so als könne nur ein Wahnsinniger in Erwägung ziehen, diesen Kuchen zu essen. Schon ist sie mit dem Korb bei den Getränkedosen.
»Mama, ich brauche keine Isodrinks.«
»Wenn du schwitzt, verliert der Körper Mineralien. Du musst ihm neue zuführen, sonst …«
»Mama, ich weiß. Ich mag das Zeug aber nicht. Ich trinke lieber eine Cola.«
»Da ist viel zu viel Zucker drin.«
»Mama, bitte. Ich muss jetzt gehen.«
Peter Huse kassiert den pensionierten Finanzbeamten ab und wendet sich seiner Tochter zu. Während ihre Mutter noch zwei Müsliriegel einpackt, drückt er ihr augenzwinkernd einen zusammengefalteten Zwanzigmarkschein in die Hand. Er schließt ihre Finger fest darum, so als dürfe ihre Mutter nicht sehen, was er ihr gerade gegeben hat. Dabei weiß Donna genau, er wird ihr gleich sagen: »Moni, ich hab zwanzig Mark aus der Kasse genommen, für Donna, damit unser Mädchen sich nicht aushalten lassen muss.«
Donna umarmt ihren Vater und küsst ihn. Seine Bartstoppeln kratzen. Er benutzt ein dezentes Rasierwasser. Sie riecht es erst, als sie sich schon wieder von ihm gelöst hat. Es ist, als würde der Duft an ihrem Gesicht haftenbleiben. Er hat nie ein anderes Rasierwasser benutzt. Sie erinnert sich daran, dass sie ihn früher manchmal um sein Kopfkissen bat. Wenn sie bei der Oma waren und dort übernachteten, nahm sie abends sein Hemd mit ins Bett. Sie liebt diese kuscheligen Baumwollhemden, in denen sein Geruch hängt. Heute nimmt sie sie nicht mehr mit ins Bett, aber sie erinnert sich gern daran. Der Duft vermittelt ihr so etwas wie Geborgenheit. Wenn ihr der Vater so nahe war, dass sie ihn riechen konnte, dann gab es für sie keine Gefahren mehr. In dieser Gewissheit ist sie aufgewachsen. Wenn sie auf seinem Arm war, konnte ihr niemand etwas. Nicht die frechen Jungs aus der Schwanenstraße und auch nicht der ewig kläffende bissige Köter von Frau Lange. Eines Tages ist das Vieh überfahren worden. Donna glaubt noch heute, dass ihr Vater das für sie getan hat. Er hat es immer geleugnet, aber sie ahnt die Wahrheit. Draußen hupt ein Golf.
»Mama, Papa, ich muss jetzt wirklich.«
»Warum kommen sie nicht rein?« Ahnen sie etwas? Liegt Misstrauen in diesen Worten? Donna befürchtet, rot zu werden. Sie rennt zur Tür. Dort dreht sie sich noch einmal um und winkt.
»Tschüs! Tschüs! Macht euch keine Sorgen! Ich ruf morgen mal an.«
»Schöne Grüße an Herrn Wolters!« ruft Peter Huse seiner Tochter hinterher.
»Schau sie dir an, da läuft sie«, sagt er stolz zu seiner Frau.
Er klatscht sich auf den Bauchansatz und lacht. »Wie kann so ein hässlicher Mann so ein schönes Kind zeugen? Bist du sicher, dass ich es war?«
Diesen Spruch hört Monika Huse mindestens einmal pro Woche. Wie immer antwortet sie auch heute mit gespielter Unsicherheit in der Stimme: »Wenn ich mich recht entsinne, doch.«
Herr Gerhardt guckt zwischen beiden hin und her. Er weiß, dass sie diese Szene für ihn gespielt haben. Es kommt ihm manchmal so vor, als würden die beiden diesen Lebensmittelladen wie eine Bühne benutzen. Die Kunden sind die Zuschauer. Die Huses haben kleine Sketche zum Thema Glückliche Familie einstudiert. Witzige Wortwechsel, amüsante kleine Szenen, die sie vor ständig wechselndem Publikum spielen. Als müssten sie immer wieder nach außen demonstrieren, dass sie sich alle lieben. Herr Gerhardt war zweiundzwanzig Jahre lang verheiratet. Dann starb seine Frau. Auch er hat eine Tochter. Natürlich liebt er sie. Aber er hat nie so eine Show darum gemacht. Jetzt tut es ihm ein bisschen Leid. Es ist zu spät, um noch damit anzufangen. Das demonstrative Familienglück der Huses versetzt ihm einen Stich. Er muss daran kratzen, ihm wenigstens etwas von seinem Glanz nehmen. Er ärgert sich darüber, dass er es sagt, aber er tut es trotzdem: »Ich hätte meine Tochter in dem Alter nicht so einfach über Nacht weggelassen.«
Für den Bruchteil einer Sekunde spürt er Feindseligkeit im Blick von Monika Huse. Verdächtigt hier jemand ihre Tochter? Will hier jemand Flusen auf das Kissen des Vertrauens werfen? Bevor sie in unverblümter Schärfe antworten kann, hebt Peter Huse beschwichtigend die Hand und winkt ab.
»Sie ist mit einer befreundeten Familie zum Tennisturnier, den Wolters. Das ist doch völlig harmlos.«
»Na ja, heutzutage, mit Aids und so … Da reicht es nicht mehr, die Kinder einfach aufzuklären. Es geht ja gleich um Leben und Tod. Ich möchte jedenfalls nicht noch einmal jung sein.« Monika spürt, dass ihr Magen augenblicklich übersäuert. Was nimmt sich dieser Mann heraus? Ihre schlimmsten Alpträume spricht der einfach so aus, mit zwei Flaschen Bier und einem Salatkopf in der Hand. Im Laufe der Jahre hat sie gelernt, immer freundlich zu bleiben. Aber sie lässt sich nichts gefallen. Wenn jemand eine bestimmte Grenze überschreitet, weist sie ihn dahinter zurück. Wenn man ihrer Tochter eins auswischt, trifft man sie damit mehr, als wenn man an ihr herumkritisiert. Dieses Kind war einst ein Teil von ihr. Noch heute, 17 Jahre nach Durchtrennung der Nabelschnur, fällt es ihr manchmal schwer, Donna als eigenständige Person zu sehen. Ein bisschen ist sie wie ein Körperteil von ihr, der sich selbständig gemacht hat. Solche Gedanken äußert sie nie. Nicht mal ihrem Mann gegenüber. Aber sie hat dieses Gefühl manchmal, und wenn es kommt, ist es so heftig, dass sie sich kaum dagegen wehren kann. Wenn sie friert, will sie Donna etwas Warmes überziehen. Wenn sie Hunger hat, für Donna kochen. Das Essen schmeckt nur halb so gut und sättigt auch nicht wirklich, wenn Donna nicht mit am Tisch sitzt.
»Wir können unserer Tochter voll und ganz Vertrauen«, sagt sie mit der Stimme von jemandem, der versucht fröhlich und freundlich zu bleiben, obwohl man ihm den Hals zudrückt. Herr Gerhardt hat das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen, er weiß aber nicht genau, wie er es anstellen soll. Der tägliche Kontakt zu den Huses ist ihm wichtig. Die Diskussionen übers Steuerrecht mag er nicht missen. Dieser Laden, das Einkaufsritual, die gespielten kleinen Szenen, das alles ist seit langem Bestandteil seines Lebens wie die abendliche Tagesschau und das öffnen der ersten Flasche Bier bei der Wetterkarte. Er will das Ganze nicht größer machen, als es ist, aber er möchte gern ohne Blessuren herauskommen.
»Nichts für ungut«, sagt er und weiß, dass es falsch ist. Peter Huse lächelt. Es sieht nicht verkrampft aus, aber eingeübt. So lächelt er auch, wenn jemand kritisiert, dass die Preisschilder auf dem Joghurt das Verfallsdatum überdecken.
»Donna weiß, dass sie uns alles erzählen kann. Wir haben wirklich ein Vertrauensverhältnis. Wir sprechen wie Freundinnen miteinander. Wenn man den Kindern alles verbietet, machen sie nur heimlich Dummheiten«, sagt Monika entschieden und faßt sich an den Magen. Herr Gerhardt hofft, dass die Sache damit ausgestanden ist. Er entscheidet sich, noch eine Packung Mentholzigaretten mitzunehmen.
»Die machen Kopfschmerzen«, sagt Monika Huse.
»Das Menthol wirkt direkt auf die Nervenenden und …« Sie merkt, wie schnippisch ihre Stimme klingt. Sie sagt das nicht wirklich, um dem Frühpensionär einen Gesundheitsratschlag zu geben. Sie will ihm eins auswischen. So etwas darf einer Geschäftsfrau nicht passieren. Sie hat sich sofort wieder im Griff.
»Ach, Sie werden schon selbst am besten wissen, was gut für Sie ist, Herr Gerhardt. Tschüs, bis morgen.«
Sie nimmt die abgezählten Münzen und wirft sie in die dafür vorgesehenen Kästchen in der Kasse. Sie haßt es, wenn Zweimarkstücke bei den Fünfern liegen, Pfennige bei den Groschen oder Münzen bei den Scheinen. Monika Huse schaut nach unten. Da steht er. Der Korb mit Früchten, Isodrink und Müsliriegeln. Donna hat ihn vergessen. Monika schüttelt den Kopf. »Schussel.«
Pressestimmen
»Das Buch sorgte lange vor Erscheinen für Aufregung (…)
Klaus-Peter Wolfs langjähriger Freund Peter Lohmann, der Wolf-Romane wie ›Traumfrau‹ und ›Kapuzenmann‹
in seinem kleinen Galgenberg-Verlag in Hamburg herausbrachte und zu Bestsellern machte, ist nun Geschäftsführer des Scherz-Verlages
und bewirbt dort das Buch ›Donnas Baby‹ mit einer groß angelegte Kampagne.
Zu Recht! Klaus-Peter Wolfs neuer Roman erzählt von der Gier des Lebens nach sich selbst.
Es ist die alte Geschichte von Romeo und Julia, sie ist monumental und sie kommt doch mit Leichtigkeit daher.
Der Roman erzählt nicht nur die Geschichte von zwei Liebenden, sondern entwirft ein Porträt unserer Zeit uns Gesellschaft.
Beim Lesen spüren wir den Riss, der durch die Personen geht, in uns selbst. Es ist ein Echolot der Seele.
Klaus-Peter Wolfs Romane haben die Leser immer unter die Oberflächlichkeit moderner Betrachtungsweisen geführt.
Er hat mit seinen Romanen auf verdeckte Wunden in der bunten Mediengesellschaft hingewiesen und uns gezeigt, was uns krank macht (…)
Am Ende des Buches ist der Leser ein bisschen glücklicher als vorher.
Wolf hat uns zu den eigentlichen Dingen des Lebens zurückgeführt, lässt uns tief durchatmen und zeigt uns wieder, worum es wirklich geht im Leben.
Nach der Lektüre hat man das erfrischende Gefühl, dass Menschen einen freien Willen haben und Dinge veränderbar sind.«von Harald Loch – Trierischer Volksfreund – September 2000
»Klaus-Peter Wolfs Roman ›Donnas Baby‹ wird von der Kritik hoch gelobt. Das Buch erzählt von der Liebe in schwierigen Zeiten, von Beziehungen, die in Krisen wachsen, statt in ihnen unterzugehen. Wen wundert es, dass dieser Roman, wie viele andere Klaus-Peter-Wolf-Bücher auch, verfilmt werden wird?«Rhein-Zeitung – 22.12.1999
