Buch

Die Wunderzwillinge und die rätselhafte Entführung

Unglaublich spannend und witzig bis zur letzten Zeile

Als Leonie und Laura Wunder das Haus verlassen, folgt ihnen ein Mann im grauen Mantel. Leonie bemerkt das und in Laura erwacht sofort das Geheimagentinnen-Fieber. Ein Entführer läuft frei in der Stadt herum und den will Laura schnappen. Der Typ im grauen Mantel wirkt verdächtig, sehr verdächtig. Eine wilde Verfolgungsjagd voller Verwechslungen beginnt, bei der auch Leonie und Laura manchmal nicht wissen, wer hier eigentlich wen verfolgt.

Leseprobe

1 Überwacht

Laura Wunder war schon mit so einem komischen Gefühl aufgestanden. Sie spürte, dass dieser Tag eine ungute Überraschung bereit hielt. Wie schlimm alles werden würde, ahnte sie nicht. Aber die Stiche im Rücken verkündeten nichts Gutes. Noch vermutete Laura, in der Schule könnte eine schlechte Note auf sie warten oder eine dieser quälenden Sportstunden mit Hülsmann. Turnen am Reck zum Beispiel, als ob sie sich auf ein Leben mit Tarzan im Urwald vorbereiten müsste. Sie stöhnte schon bei dem Gedanken. Aber Sportstunden mit dem nervigen Hülsmann waren ein reines Vergnügen gegen das, was sich am Himmel zusammenbraute. Nicht nur Laura, nein, die ganze Familie Wunder war diesmal betroffen. Besonders Papa Wunder.
Leonie Wunder kriegte von all dem nichts mit. Vorahnungen durch Rückenstiche und so ein komisches Gefühl im Magen kannte Leonie im Gegensatz zu ihrer Zwillingsschwester Laura nicht. Sie hatte höchstens manchmal Schmetterlinge im Bauch, wenn sie in einen Jungen verknallt war. Für dunkle Vorzeichen war sie nicht empfänglich. Sie hielt sich für unwiderstehlich und toll, dass jemand sie nicht leiden konnte, merkte sie erst, wenn er es ihr ins Gesicht sagte. Laura dagegen hatte viel empfindlichere Antennen. Sie spürte ohne dass ein Wort fiel, ob ihr jemand gut gesonnen war oder nicht.
Als Laura an diesem denkwürdigen Wintermorgen die Spiegeleier aß, die ihr Papa für sie in die Pfanne gehauen hatte, sah sie ihn traurig an.
»Was ist mit dir, meine Süße?«, fragte er. »Fühlst du dich nicht gut?«
Leonie flötete im Bad, das sie seit vierzig Minuten besetzt hielt, weil sie ihre Haare mit einem neuen Gel in immer verrücktere Formen brachte. Sie wollte heute die garantiert ausgeflippteste Frisur der ganzen Schule haben. Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht sie?
Polizisten beschatteten das Hochhaus in der Gaby-Swiderski-Allee 15, Ecke Jumbostraße, seit mehreren Stunden. Paul Omonsky beobachtete vom gegenüber liegenden Haus aus die hell erleuchtete Küche der Familie Wunder mit einem Fernglas. Es hatte fast die ganze Nacht geschneit, doch jetzt behinderten die Schneeflocken die Sicht kaum noch. Der Polizist sah, wie Papa Wunder seiner Tochter Laura Eigelb von der Unterlippe tupfte und ihr Gesicht streichelte.
»Die Kleine weiß etwas…«, flüsterte er in sein Funkgerät. »Ich denke, sie redet ihrem Vater ins Gewissen, sie kann nicht glauben, was für ein Schwein er ist. Er macht hier ganz auf braven Familienpapi, deckt den Frühstückstisch und so…«
Einsatzleiter Schimunski mischte sich ein: »Äußerste Vorsicht, Männer. Der Zugriff darf erst erfolgen, wenn wir das Versteck kennen. Zielperson nur beschatten! Und wehe, die Wunderfamily kriegt was mit! Ich will, dass euch nichts entgeht, aber ihr bleibt unsichtbar!«
»Klar, Chef. Ist doch logo. Aber wir sind hier zu wenig Leute. Wenn die Gören in die Schule gehen, sollen wir ihnen dann folgen oder alle an dem Alten dranbleiben? Und was ist mit Frau Zauber… äh, Wunder?«
Der Einsatzleiter knirschte vor Zorn mit den Zähnen. Wie oft hatte er seinen Leuten eingebläut, bei einer Überwachung nie den Namen der Zielperson zu nennen? So ein Sprechfunk war nicht sicher. Sie konnten abgehört werden. Leonie kam jetzt mit ihrer neuen Frisur aus dem Bad. Dem Beobachter, Paul Omonsky, fiel fast das Fernglas aus der Hand. Er war froh, dass seine Tochter erst fünf war und fragte sich, was er machen würde, wenn sie eines fernen Tages mal mit so einer Sturmfrisur am Frühstückstisch erscheinen sollte.
Vater Wunder hatte noch gar nicht bemerkt, dass seine Tochter Leonie wie eine Außerirdische aussah, denn Laura machte ihm Sorgen.
»Ich weiß nicht, Papa, aber ich bin mit so einem komischen Gefühl wach geworden. Als ob uns allen eine große Gefahr drohen würde. Ich bin ganz nervös, als ob gleich etwas Schlimmes passieren würde.«
»Es ist schon geschehen«, sagte Vater Wunder und starrte Leonie an. Sie drehte sich malerisch zweimal um ihre eigene Achse und fragte: »Na, wie seh ich aus?«
Vater Wunder schluckte. Er wollte jetzt auf keinen Fall etwas Falsches sagen. Er wusste, wie schnell Leonie eingeschnappt war. Er holte zu einer hilflosen Geste aus und atmete dabei durch. »Ähm… es ist… wie soll ich sagen… ungewöhnlich? Ja, ungewöhnlich ist der richtige Ausdruck.«
»Und wie findest du es, Laura?«
»Völlig bescheuert«, sagte Laura klar und knapp.
Leonie spottete: »Oh, Madame ist heute mal wieder außergewöhnlich gut gelaunt, und so humorvoll!«
Inzwischen verbrannten Leonies Spiegeleier. Papa Wunder riss die qualmende Pfanne vom Herd und kippte die Eier in den Biomüll.
Das machte Leonie nichts. Erstens wollte sie sowieso abnehmen und zweitens reichte die Zeit zum Essen für sie gar nicht mehr. Sie musste zur Schule, und bei dem Schnee dauerte das noch länger.
»Ich habe von Karli geträumt«, sagte Laura.
Leonie tippte sich an die Stirn. Wie konnte ihre Schwester nur so blöd sein und von ihrem neun Jahre alten Nachhilfeschüler träumen? Man träumte von Tokio Hotel oder den Jungs von den Killerpilzen oder wenigstens von Konstantin aus der 8 A, aber doch nicht von Karli Schmidt!
Paul Omonsky war schon lange bei der Truppe. Er hatte sein halbes Leben damit verbracht, fremde Menschen zu beobachten. Inzwischen konnte er von den Lippen lesen. Nicht jedes Wort, aber doch einiges. Jetzt sah er ganz eindeutig, dass Laura »Karli« sagte.
»Chef, sie reden eindeutig über ihn. Die Kinder wissen was.«
Einsatzleiter Schimunski, der seit Jahrzehnten daran litt, Schimanski genannt zu werden, entschied: »Sie sollen mit überwacht werden. Lückenlos. Wer sagt uns denn, dass sie wirklich zur Schule gehen? Wir brauchen mehr Leute. Sofort! Die Sache ist heiß. Ganz heiß.«

Buch 01