Drei tolle Nullen
Die Superangel
Drei tolle Nullen
Alle anderen haben schon längst aufgegeben.
Doch Olaf, Oskar und Olli sind wild entschlossen
das Rätsel des geheimnisvollen Fischsterbens
zu lösen. Und sie allein wagen eine Kraftprobe
mit dem schrecklichen Riesenwels, der am Grund
des Flusses haust.
1
»Sieh dir diesen Fluss an«
, sagt Angel-Olaf. »Ist er nicht prächtig?«
Chaos-Olli liegt neben ihm im Gras und nickt schon langsam ein. Sie schlägt die Augen auf und blinzelt gegen die Sonne.
Olli findet es schon bemerkenswert, dass Angel-Olaf überhaupt mal wieder etwas sagt. Seit sie hierhergekommen sind - und das ist fast zwei Stunden her -, starrt er in Gedanken versunken aufs Wasser und schweigt. Nur ab und zu seufzt er tief.
»Bist du sauer?«
fragt Angel-Olaf unvermittelt.
Olli richtet sich auf. »Schön, dass du bemerkst, dass ich auch noch da bin.«
»Du bist also sauer.«
»Nein. Aber wenn ein Junge in deinem Alter ein Mädchen … ein Mädchen wie mich einlädt, weil er ihm eine besonders einsame Stelle am Fluss zeigen will, dann …«
Fast ein bisschen beleidigt fährt Olli fort: »… dann rechnet sie zumindest damit, dass er versuchen wird, sie zu küssen. Aber du guckst mich noch nicht einmal an. Warum hast du mich überhaupt hierhergeschleppt?«
Olaf zieht eine Packung Pfefferminzkaugummis aus der Tasche und hält Olli einen Streifen hin.
»Ein Verlegenheitskaugummi?«
hakt Olli nach.
»Ich … ich hab' dich hierhergebracht, weil dies der Schönste Ort der Welt ist, den ich kenne. Ich wollte ihn dir zeigen.«
Olli lässt die Silberfolie vom Kaugummi achtlos fallen. Fast verschämt hebt Olaf sie auf, knüllt sie zu einem Kügelchen und steckt sie in seine Tasche. Hier könnte er nicht die geringsten menschlichen Abfälle ertragen. Hier soll alles so sauber bleiben, wie er es vorgefunden hat. Diesen Platz will er unberührt erhalten. Keine Coladose darf die Atmosphäre zerstören, kein Kaugummipapier und kein Scheißehaufen mit Tempotaschentuch. Olli weiß das. Und normalerweise gehört sie nicht zu den Leuten, die achtlos ihren Dreck in der Gegend herumliegen lassen. Jetzt macht sie damit nur auf sich aufmerksam. Olaf will keinen Streit vom Zaun brechen. Ihm ist vielmehr nach Harmonie zumute. Der glitzernde Fluss mit den springenden Forellen stimmt ihn friedlich und nachdenklich. Wenn er lange so sitzt, gewöhnt er sich an das Rauschen des Wassers und hört es schon bald nicht mehr. Es wird zum Rauschen seines eigenen Blutes. Zu einem der Töne, die erst wieder auffallen, wenn sie verstummt sind. Hier laufen die klaren Bäche mit Kiesgrund zusammen. Die Wassermasse und die Strömungskraft sind noch gering. Ein kleiner, von Nebenbächen gespeister See entsteht, es gibt tiefe Stellen, Gumpen und Kolke. An den Uferrändern wuchert eine grüne Wasserpflanzenvegetation, die den Fischen prächtige Unterstände bietet Weiter unten wird das Gefälle stärker, die Wasserführung schneller, Kies- und Sandboden wechseln sich ab. Die Wurzeln der Bäume stehen im Wasser. Wie eine einnehmbare Burg ragt ein großer glatter Felsen aus der Flussmitte hoch und teilt das Wasser. Hinter dem Felsen entstehen kleine Strudel. Dort, im Schutz der übers Wasser hängenden Äste, stelzt ein Fischreiher auf der Suche nach Nahrung durchs Wasser. Olaf zeigt auf den Oberlauf des Flusses, dort, wo die kleinen Bäche münden.
»Das ist die Forellenregion«
, sagt er. »Die zahlreichen Unterstände dort sind ideal für die Forellenbrut. Wasser ist rein und sauerstoffhaltig. Es ist immer kalt Das ganze Jahr lang. Über zehn bis elf Grad wird die Temperatur nie steigen.«
Olli zieht ihre Sandalen aus und lässt den rechten Fuß ins Wasser baumeln. Tatsächlich. Obwohl die Sonne brennt, ist es eisig kalt. Sie braucht Olaf nicht zu fragen er wird ohnehin gleich erklären, woher das kommt, denn er ist jetzt bei seinen Lieblingsthemen angekommen: bei Flüssen und Fischen.
»Es sind Bergbäche, die die Ichte hier speisen. Diese Berge sind ein riesiges Wasserreservoir. In ihre Tiefe dringt die Sonne nicht durch. Und das Wasser ist kalkhaltig, wie die Forellen es lieben.«
Olli weiß nicht viel über Forellen, wohl aber, dass sie zartes Fleisch besitzen und mit Kräuterbutter oder Zitrone besser schmecken als jede Bratwurst und jedes Kotelett. Von Olaf hat sie gelernt, eine Forelle am Rücken aufzuschneiden und dann die Gräten mit einem einzigen herauszunehmen, so dass sie beim Forellenessen stets grätenfreies Fleisch vor sich liegen hat, während alle anderen mit ihren Gabeln nach Gräten pulen.
»Sieh nur auf den Flussgrund. Wenn du lange genug eine Stelle starrst, wirst du merken, dass dort alles lebt. Millionen winziger Krebschen und Flusstiere bevölkern hier den Grund. Ideale Nahrung für die Forellen. Sie haben hier kein weißes Fleisch wie die Forellen, die man im Kaufhaus kaufen kann. Die tiefgefrorenen Kaufhausforellen wurden mit Flockenfutter großgezogen. Die dagegen ernähren sich von kleinen Tieren. Ihr Fleisch ist daher lachsrot.«
Olaf wiegt den Kopf, überdenkt seine Aussage und nimmt sie ein wenig zurück.
»Na ja, sagen wir mal, zartrosa.«
»Warum hast du deine Angel eigentlich nicht mitgenommen? So eine schöne Forelle würde ich auch gerne essen. Wir könnten hier ein Feuerchen machen und sie direkt grillen, aber du sitzt nur da und schaust aufs Wasser.«
»Noch haben die Bachforellen Schonzeit. Man darf sie jetzt nicht fangen. Kein richtiger Angler würde das tun. Sie müssen erst einmal abgelaicht haben, bevor die Jagd losgeht. Man darf keine Fische aus dem Wasser holen, die nicht mindestens einmal in ihrem Leben die Chance hatten, abzulaichen. Am ersten April ist es soweit. Mit dem großen Freundschaftsfischen beginnt dann die Angelsaison.«
Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne, und ihr Schatten wandert übers Wasser. Am Rand des Schattens taucht plötzlich wieder dieser große dunkle Fleck unter Wasser auf. Stumm zeigt Olaf dorthin. An seinem aufgeregtem Gesichtsausdruck erkennt Olli, dass soeben etwas ungeheuer Aufregendes geschieht, aber sie kann nichts erkennen …
