Treffpunkt Tatort

Die Maske

Treffpunkt Tatort

Eigentlich wollte Jan nur ein Haargel im Supermarkt kaufen, doch plötzlich steckt er mitten in einem mysteriösen Raubüberfall. Die Kassiererin starrt entsetzt auf den Lauf einer Pistole und Jan wird klar: Er muss handeln ? und zwar schnell! Die Person hinter der »Maske« meint es ernst.

Die ersten beiden Fälle, die Jan, Lina, Tim und Doro aufgedeckt haben, sind von den jungen Lesern begeistert aufgenommen worden. Und weil »treffpunkt tatort« süchtig macht geht die eingeschworene Clique auch gleich einem neuen Geheimnis auf den Grund. Wer steckt hinter den brutalen Überfallen und der unheimlichen Maske? »treffpunkt tatort«-Leser wissen mehr …

Leseprobe

Zunächst bemerkte Jan Silber den Überfall gar nicht. Er stand unschlüssig im Supermarkt und verglich zwei Haargels miteinander. Das eine war zwei Euro billiger und steckte in einer größeren Verpackung, obwohl genauso viel Gel drin war wie in dem anderen.
Jan konnte sich über solche Mogelpackungen aufregen. Da kaufte er aus Protest lieber das andere Mittel, auch wenn es teurer war. Obwohl das Zeug auf der Haut juckte und manchmal sogar seine Augen davon tränten.
Jan reckte sich und schielte zu der süßen blonden Auszubildenden an der Kasse. Wenn er sich nicht täuschte, hatte sie ihm vorhin zugezwinkert. Sie sah aus wie fünfzehn, aber Jan vermutete, dass sie älter war. Sonst würde man ihr doch nicht die Verantwortung für die Kasse geben, dachte er.
Er hatte ihren Namen auf dem Schildchen an ihrer Brust gelesen: Melanie Maas. Jan mochte die Art, wie sie sich die nachblondierten Strähnchen ins Gesicht kämmte, sodass ihre Augen fast verdeckt wurden. Es gab ihrem Blick etwas Geheimnisvolles. Als er hereingekommen war, hatte er bei ihr einen leicht spöttischen Zug um den Mund registriert. Aber jetzt hatte sie den Kopf in den Nacken gelegt. Die Haare fielen nach hinten. Ihre Stirn und ihre seegrünen Augen lagen frei.
Sie starrte entsetzt auf den Lauf einer schwarzen Waffe. Die Mündung war auf sie gerichtet. Sie reckte ihre Arme hoch und zeigte ihre leeren Hände.
Genau wie Melanie wusste Jan sofort, dass die Waffe echt war. Dazu musste man nichts von Pistolen verstehen. Das hier war kein Scherz. Auch wenn die Nonne mit der Donald-Duck-Maske ihn an Umzüge im Kölner Karneval erinnerte, ließ ihr energisches Auftreten keinen Zweifel an ihrer Gefährlichkeit aufkommen.
Die zweite Supermarktkasse schien nicht besetzt zu sein, doch bei genauem Hinsehen entdeckte Jan zwei weibliche Beine in hautfarbenen Nylonstrümpfen, die merkwürdig verrenkt am Boden lagen. Den Oberkörper der Frau konnte er nicht sehen.
»Mach die Kasse auf und gib mir das Scheißgeld!«, krächzte eine Stimme unter der Donald-Duck-Maske. Entweder versuchte da eine heisere Frau wie ein Mann zu klingen, oder ein heiserer Mann wie eine Frau.
Melanie griff in die Kasse, raffte alle Scheine zusammen und hielt sie hoch. Sie sah Donald nicht an. Stattdessen guckte sie zu Jan. Ihr Blick hatte etwas Flehendes. Jan sah die Todesangst in ihrem Gesicht. Er duckte sich und pirschte zwischen den Regalen näher zur Kasse.
»Das soll alles sein? Willst du mich verarschen?«, zischte der Räuber.
»D… die Kassen werden alle paar Stunden geleert und …«
»Quatsch keine Opern! Wo ist das Geld, du blöde Kuh?«
Melanie fing an zu schluchzen.
»Reiß dich zusammen! Wo ist die Kohle?«
»Hinten. Wir haben hinten noch einen Raum, da …«
Jan tastete nach seinem Handy. Vorhin hatte er noch einen Akkustrich auf dem Display gehabt, aber jetzt war die blöde Batterie leer. Er brauchte unbedingt ein neues Handy. Der Akku gab ständig den Geist auf.
Für einen Moment überlegte er, der Nonne das Handy an den Kopf zu werfen, aber dann entschied er sich doch lieber für eine Dose Mexikanischen Bohneneintopf. Jan war zwar klein, aber beim Basketball galt er als guter Werfer. Einen maskierten Gangster hätte er vermutlich mit der Dose am Kopf getroffen, aber eine Nonne … sein Unterbewusstsein spielte ihm einen Streich. Als er ausholte, wollte er noch voll treffen, aber dann, als er den Eintopf losschickte, verriss er den Wurf. Jan ließ sich augenblicklich fallen. Das Ding konnte nicht treffen. Die Dose krachte vor der Kasse auf den Boden.
Donald Duck schlug Melanie Maas hart ins Gesicht. Unter- und Oberlippe platzten auf. Blut tropfte auf ihr Kinn und auf ihre Brust.
»Komm da raus, oder ich knall sie ab!«
Jan hörte kaum noch etwas. Sein Herz raste so heftig, dass es in seinen Ohren dröhnte, als würden in seinem Brustkorb Buschtrommeln geschlagen.
Werd jetzt bloß nicht ohnmächtig, ermahnte er sich selbst.
Er kroch ein Stückchen nach vorne, um zwischen den Regalen einen Blick auf die Situation an der Kasse zu erhaschen.
Melanies Augen waren weit aufgerissen. Sie öffnete den Mund zu einem stummen Schrei. Ihr Speichel zog lange Fäden. Sie rechnete damit, erschossen zu werden, so fest drückte die Nonne den Lauf der Pistole gegen Melanies rechte Schläfe. Melanie neigte den Kopf nach unten, traute sich aber nicht, dem Druck durch eine schnelle Bewegung auszuweichen. Sie wollte nichts tun, was die Nonne provozieren könnte, abzudrücken.
»Bitte! Zeig dich! Der macht Ernst. Der legt mich um!«, jammerte sie.
Jan Silber wusste nicht, ob das, was er jetzt tat, richtig oder falsch war. Er tat es einfach. Mit erhobenen Händen trat er vor.
»Bitte tun Sie ihr nichts. Ich habe geworfen.«
Das Maskengesicht blieb unergründlich. Trotzdem glaubte Jan, darunter den blanken Hass zu spüren, als ob der durch die Maske nach außen dringen würde. Die Nonne nahm die Waffe von Melanies Kopf und richtete sie auf Jan.
Jan hatte oft gelesen, dass in solchen Momenten das ganze Leben wie im Schnelldurchgang an einem Menschen vorbeizieht. Ihm ging es nicht so. Er, der alte Star-Wars-Fan, fragte sich zunächst, was Luke Skywalker jetzt wohl tun würde und dann dachte er daran, dass er die nächste Mathearbeit vielleicht nicht mitschreiben müsste. Wenn das keine gute Ausrede war: Jan Silber kann zum Test nicht antreten. Er wurde bei einem heldenhaften Einsatz getötet.
Die Pistole zitterte in der Hand der Nonne. Offensichtlich wollte sie schießen. Da fragte Jan: »Soll ich Ihnen das Geld von hinten holen?«
Melanie Maas guckte ihn an, als wäre er irre. Jetzt fuchtelte Donald Duck wild mit der Waffe herum. Das sah zwar gefährlich aus, aber immerhin zielte er nicht mehr auf Jans Kopf.
Der Räuber flüsterte mit Melanie Maas. Dann sagte Melanie zu Jan: »Du sollst ihm dein Handy geben, falls du eins hast.«
Jan legte sein Handy vorsichtig auf den Boden und ließ es zur Nonne hinübersausen. Die stoppte es mit dem Fuß und trat mit der Hacke darauf. Das Plastikgehäuse platzte knirschend.
Na bitte, jetzt war eh ein neues Handy fällig. Die Entscheidung war ihm abgenommen.
Dann hielt Melanie ein Schlüsselbund hoch. Sie warf es Jan zu. »Der mit dem roten Kopf. Das Geld ist in dem Stahlschrank neben dem Flipper.«
Jan Silber wollte losrennen, aber Donald Duck schüttelte den dicken Entenkopf. »Du sollst dich ausziehen!«, rief Melanie. »Und er sagt, wenn du die Bullen rufst oder irgendwelche Tricks versuchst, legt er mich um!«
Rasch pellte sich Jan aus seiner Hose. Schon nach wenigen Sekunden stand er nur noch mit seinen gelb-rot gestreiften Boxershorts da.
Zum Glück habe ich heute nicht meine Micky-Maus-Unterhose an, dachte Jan. Wer weiß, wie Donald das finden würde.
Aus seiner Position konnte Jan jetzt die andere Verkäuferin sehen, die hinter der zweiten Kasse zusammengebrochen war. Es war eine ältere Dame. Sie lag so eigenartig verrenkt da, dass Jan sich Sorgen machte.
»Ich glaube«, sagte er, »es geht ihr nicht so gut. Darf ich mal nach ihr sehen?« Donald Duck zischte Melanie etwas zu »Beeil dich lieber! Er sagt, wenn hier Leute reinkommen, legt er sie alle um!«, rief Melanie.
Jan lief mit dem Schlüssel nach hinten.
Komisches Büro, dachte er kurz. Mit Flipper und einer halb vollen Flasche Sekt auf dem Schreibtisch. Er sah die Telefonanlage. Einen Moment spielte er mit dem Gedanken, die Polizei zu rufen, aber dann öffnete er lieber den Stahlschrank und packte die Geldbündel. Erstellte sofort fest, dass hier sehr viel Geld herumlag. Mehr, als er mit zwei Händen tragen konnte.
Er sah sich nach einer Tüte um. Er fand keine, also leerte er den Papierkorb aus und warf alle Scheine und Münzen hinein. Es war viel Kleingeld. Eine Menge Fünf-, Zehn- und Zwanzig-Euro-Scheine, aber auch ein Stapel Fünfziger und ein paar grüne Hunderter. Sogar ein lila Fünfhunderter war dabei. So einen Schein hatte Jan noch nie vorher in der Hand gehabt.
Mit dem Papierkorb rannte Jan zur Kasse zurück. Melanie Maas saß zusammengekauert auf ihrem Stuhl und weinte still. Ihre Kollegin lag noch immer ohnmächtig da. Sie hatte sich trotz der unbequemen Haltung noch nicht bewegt. Jan fragte sich, ob sie überhaupt noch lebte. Vielleicht hatte sie einen Herzinfarkt bekommen?
Donald Duck nahm den Papierkorb und den Schlüssel und deutete Jan mit der Waffe an, er könne sich wieder anziehen. Dann bückte sich die falsche Nonne nach einer Plastiktüte, stopfte alles Geld hinein und winkte Jan heran. Die Zeit dehnte sich endlos. Jan hätte nicht sagen können, ob dieser Albtraum seit einer halben Stunde oder erst seit drei Minuten lief.
Jetzt war Jan bei der Nonne. Sie gab Melanie Maas den Fünfhunderter. Melanie hielt Jan den Schein hin.
»Häh? Was? Ich versteh nicht …«
»Du sollst das Geld nehmen, sagt er, als Entschädigung für deine Mitarbeit.« Jan sah Donald Duck an. Er fragte sich, ob er das richtig verstanden hatte. Die Nonne zeigte mit der Waffe auf den Schein und dann auf Jan. Vorsichtig, mit spitzen Fingern, nahm Jan die fünfhundert Euro und steckte sie sich in die Tasche.
Hauptsache, ich kriege keinen Ärger mit Donald, dachte Jan. Besser, er belohnt mich, als dass er mich erschießt.
Dann verließ Melanie ihre Kasse und ging voran. »Du sollst mir folgen. Mach keinen Scheiß. Tu, was er sagt.«
Jan ging hinter Melanie her. Komisch, dachte Jan, sie spricht immer von er. Aber Jan war sich gar nicht sicher, ob sich unter dem Nonnenkostüm ein Mann befand. Die Nonne stieß Jan den Lauf der Waffe in den Rücken und schob ihn und Melanie in die Damentoilette. Sie schloss hinter ihnen ab, griff noch in die Zigarettenbox und steckte sich ein paar Päckchen Luckies ein. Dann verließ sie den Supermarkt hinten durch den Notausgang. Draußen warf sie den Schlüssel in den Glascontainer, nahm die Maske ab, unter der es bei diesem Wetter viel zu heiß war, und schlüpfte aus der schwarzen Nonnentracht.

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