Buch
Die Abschiebung
oder »Wer tötete Mahmut Perver?«
Als die achtzehnjährige Elke ihren Eltern erklärt:
»Ich habe einen Kurden geheiratet, damit er nicht in die Türkei abgeschoben wird«
,
sind die Eltern entsetzt. Der Vater will die Ehe annullieren lassen.
Doch dann lernt er Mahrnut kennen und mit ihm die gängigen Abschiebepraktiken der Behörden.
Sein Gerechtigkeitssinn erwacht …
In diesem vielfach ausgezeichneten und auch verfilmten Jugendroman entlarvt Klaus-Peter Wolf die deutsche Gesellschaft:
Natürlich setzt man sich für Menschenrechte ein, natürlich erzieht man seine Kinder gewaltfrei,
aber wenn es um die praktische Umsetzung in der Politik geht, um die Konsequenzen und Folgen für das Gemeinwesen,
sieht die Wirklichkeit ganz anders aus -einmal ganz abgesehen davon, dass Einzelne bewusst manipulieren und täuschen …
Auch wenn die Handlung des Buches in den 80er Jahren spielt, so hat sie doch nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.
Der Autor erhielt für dieses Buch u. a. den Anne-Frank- Anerkennungspreis.
1
Jetzt, da alles vorbei war, hätte sie es am liebsten herausgeschrien: »Ja, ich habe es getan! Ich, Elke Stobbe!«
Verflogen war die erniedrigende Angst, entdeckt zu werden. Keine miese Geheimhaltung mehr. Kein Sprechen hinter vorgehaltener Hand. Keine Furcht vor Verrat. Kein Flüstern am Telefon.
Mit einem Mal waren alle Befürchtungen und Einschränkungen verschwunden. Sie fühlte sich großartig. Übermütig und durchtrieben. Befreit von einem unerträglichen Druck. Dämme in ihr waren gebrochen. Wellen bedenkenloser Leichtigkeit durchfluteten sie. Sie konnte jetzt fröhlich mit dem Schlimmsten rechnen, denn das Schlimmste, was immer es sein mochte, machte ihr nichts mehr aus. Seitdem sie es getan hatte, ging sie leichtfüßiger. Die Straße wurde für sie zum Trampolin. Gern hätte sie eine Kaugummiblase vor dem Mund zerplatzen lassen.
Die Leuchtreklame vom Flipperladen spiegelte sich vor ihr in einer Pfütze. Der Regen hatte nachgelassen. Frische Feuchtigkeit glänzte auf den Dächern. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie viele unterschiedliche Schwarztöne es gab. Die wenigen Bäume hoben sich dunkel von den Häuserfassaden ab. Das silberne Schwarz der Dächer und das bläuliche Schwarz des Himmels.
Elke Stobbe stand, den Kopf in den Nacken gelegt, vor der Boutique Marion und atmete so bewusst wie möglich. Selbst in die entferntesten Verästelungen ihrer Lungenbläschen wollte sie Sauerstoff pumpen. Gern hätte sie den Sternenhimmel in sich aufgesaugt. Vom Mond sah sie nur eine kleine Sichel, die sie an die türkische Flagge erinnerte. Sie breitete ihre Arme aus, die Handflächen nach oben. Für Sekunden glaubte sie, abheben zu können. Ohne die geringste Kraftanstrengung hinaufzuschweben. Leichter zu werden als Luft. Die Stadt unter sich zurückzulassen. Eins zu werden mit dem Universum.
Vielleicht lag es an Raki? Sie spürte den Anisgeschmack bei jedem Einatmen. Noch brannten ihre Lippen von dem scharf gewürzten Hammelfleisch.
Ein Auto rollte auf sie zu. Sie hörte das Surren der Reifen auf der nassen Fahrbahn. Kleine Wasserfontänen klatschten gegen den Bürgersteig. Ein Motorengeräusch nahm sie nicht wahr.
»Na, Mädchen, bist du Schlafwandlerin oder voll gekifft?«
Schlagartig wurde ihr bewusst, in welch merkwürdiger Pose sie dastand. Noch vor ein paar Stunden hätte sie sich jetzt ängstlich weggestohlen. Fast jeden zweiten Abend, wenn sie zu Fuß nach Hause ging, wurde sie von irgendwelchen Männern angemacht. Wenn das aus einem Auto heraus passierte, nutzte es nichts, schneller zu laufen. Aber sie ging dann so dicht wie möglich an der Häuserzeile entlang. Eine Klassenkameradin von ihr war einmal in ein langsam fahrendes Auto gezerrt worden. Mitten in der Stadt. Es waren drei junge Männer. Sie hatten sie eine Weile befummelt, versucht sie auszuziehen und dann wieder freigelassen. Sie hatte noch Glück gehabt.
Elke drehte sich ohne jede Eile um, stemmte die Fäuste in die Hüften und blickte dem Fahrer ins Gesicht. Er lehnte sich lässig aus dem heruntergekurbelten Fenster. Er grinste breit übers ganze Gesicht.
» Du bist ja ganz nass, Schwester. Komm, steig ein. Ich lade dich zu einem Grog ein.«
Sie verstand nicht viel von Autos, aber sie wusste, dass der Kerl in einem BMW saß. Er war höchstens zwanzig.
»Ich habe heute schon bessere Angebote bekommen«, sagte sie.
Mit einem ersten leichten Widerstand hatte er durchaus gerechnet. Deswegen gab er nicht auf.
»Na komm schon. Wenn wir uns beeilen, können wir noch die Spätvorstellung im Autokino sehen.«
»Ach, weißt du, ich würde ja eigentlich ganz gerne …« Sein Grinsen wurde noch unverschämter. »… Aber was wird dein Papi sagen, wenn du so spät nach Hause kommst? Der wird sich bestimmt Sorgen machen. Jetzt hat er dir schon mal seinen Wagen geliehen, da musst du ihn nicht sofort enttäuschen.« Entgeistert sah er sie an. Seine Augen wurden kleiner. Sein Blick drohend.
Elke stampfte mit dem Fuß auf.
»Los, Junge! Jetzt hau ab. Ich hab den grünen Gürtel im Judo; und wenn ich nicht sofort deine Rücklichter sehe, knote ich dich ums Lenkrad.«
Er kurbelte tatsächlich die Scheibe hoch, zeigte ihr doof und gab Gas.
Sie hüpfte vor Freude in die Luft. Sie fand sich einfach toll. Sie hatte keine Angst mehr. Sie war plötzlich schlagfertig. Sie hatte gewonnen. Zum ersten Mal wirklich aus eigener Kraft gewonnen.
So schnell konnte sich ein Mensch verändern.
Es ist, dachte sie, wie bei einer Champagnerflasche. Jahrelang liegt sie ruhig im Keller. Sie staubt voll, und niemand beachtet sie. Doch wenn jemand kommt und ihr hilft, den Korken auszuspucken, dann knallt es plötzlich, und aus der Flasche schäumt der berauschende Saft.
Sie lachte über den Gedanken, fand ihn amüsant, wollte ihn anderen mitteilen. Ja, sie war eine Champagnerflasche. Der Korken knallte gerade erst heraus. Nun würde sie ihren kostbaren Saft über diese Welt ergießen.
Wie philosophisch ich sein kann, dachte sie und freute sich auf das Gesicht ihres Philosophielehrers. Der würde Augen machen. Gleich morgen in der zweiten Stunde …
Sie tänzelte weiter in Richtung Stadtpark. Sonst benutzte sie immer einen anderen Nachhauseweg. Wenn es dunkel war, traute sie sich nicht durch die Parkstraße. Nun ging sie absichtlich dorthin. Im Schaufenster einer Apotheke sah sie sich selbst beim Laufen zu. Ihre Bewegungen waren spielerisch. Die Füße berührten beim Gehen kaum den Boden. Die Jeans klebten eng an den Beinen. Die blonden Haare hingen in langen Strähnen herab. Sie warf sie nach hinten.
»Du bist hübsch. Hast eine astreine Figur!«, sagte sie zu sich selber.
Am Ende der Straße beschloss sie, in eine Eckkneipe zu gehen. Früher war sie nur in Kneipen gegangen, wenn dort jemand auf sie wartete oder sie mit mehreren aus ihrer Klasse im Rudel gehen konnte. Jetzt fand sie das plötzlich albern. Sie spürte die Blicke der Männer. Sie genoss die Aufmerksamkeit. Noch warteten die meisten unsicher. Vielleicht parkte ihr Freund nur den Wagen ein und kam dann nach? Vielleicht wäre sie ungeschoren davongekommen, wenn sie sich still in eine Ecke gesetzt hätte, um eine Limonade zu trinken und dann wieder zu verschwinden? Aber sie stellte sich an den Tresen.
»Asbach-Cola bitte.«
Der dickbauchige Wirt nickte.
Es hockten knapp ein Dutzend Leute in der Kneipe. Vier saßen an einem Tisch und spielten Karten. Drei schielten noch zu Elke rüber. Der Vierte moserte schon, weil er weiterspielen wollte. Außer Elke befand sich nur noch eine Frau in dem Raum. Sie hatte ein altes, verlebtes Gesicht. Sie saß am Ende der Theke mit dem Rücken zu den Toiletten. Vor ihr stand ein halb volles Bierglas und ein leeres Schnapsglas. Im Aschenbecher schwelte eine Zigarette. Der Mann neben ihr wirkte schmuddelig. Mürrisch und unausgeschlafen. Die Frau redete mit langen, schleppenden Sätzen auf ihn ein und spielte dabei mit der rechten Hand an seinem Bauch herum. Manchmal berührte sie wie unabsichtlich seinen Reißverschluss.
Elke sah in die entgegengesetzte Richtung. Da Verhalten der beiden machte sie sauer. Nahm ihr die gute Laune. Zog sie runter. Sie bekam ihre Asbach-Cola. Die kleinen braunen Bläschen sprudelten über den Rand des Glases hinaus. Sie hielt das Glas nahe an ihr Ohr und hörte dem leisen Rauschen und Zischen zu, bevor sie trank.
Da stand schon jemand neben ihr. Mitte dreißig. Kurze schwarze Haare. Kleine runde Augen. Ziemlich angesoffen. Er war von einer ruhigen, selbstsicheren Härte. Er würde sich keine Blöße geben. Großzügig hielt er ihr eine Zigarette hin und raunte, als ob er von einem vergrabenen Schatz reden würde: »Zigarette?«
Elke schüttelte den Kopf. »Nein, danke.«
Er nickte ein bisschen beleidigt. Aber immerhin, es war ja möglich, dass sie Nichtraucherin war. Junge Mädchen, die allein spätabends in Kneipen gingen und Asbach-Cola bestellten, konnte sich kaum jemand als Nichtraucherin vorstellen. Bevor er es noch einmal versuchte, sah er sie abschätzend an, drückte seine eigene Zigarette in den Aschenbecher und bestellte sich ein neues Bier.
»Na, so allein?«
Elke antwortete nicht. Sie nippte erneut an ihrem Getränk. Leider musste sie feststellen, dass sie jetzt doch Herzklopfen bekam. Warum stand sie hier? Was wollte sie sich damit beweisen? Der Kerl rückte näher heran. Warum bezahlte sie nicht und ging? Das war einmal, dachte. sie. Die Zeiten sind vorbei. Endgültig. Besser zehn Kraftproben am Tag als ständig lieb, brav, angepasst und ängstlich.
»Ich glaub, der kommt nicht mehr, Mädchen. Auf den brauchst du nicht länger zu warten. Der lässt dich sitzen.«
Sie sah ihn fest an und sagte laut und deutlich, damit es auch alle anderen Leute in der Kneipe hören konnten: »Ich warte auf niemanden. Ich bin nicht verabredet.« Er grinste.
»Brauchst dich doch nicht schämen, weil dich mal einer sitzen lässt. Also, wenn du meine wärst, ich würde …«
»Bin ich aber nicht!«
»Ich würde dich nicht sitzen lassen. Das kannst du mir aber glauben.«
Schon versuchte er, den Arm um sie zu legen. Sie wich ihm aus. Er zog sie mit sanfter Gewalt an sich. Er rechnete nicht mit viel Widerstand. Er wollte sie trösten. Schließlich hatte sie einer sitzen lassen, und solche Mädchen waren leicht zu haben. »Möchtest du ein Likörchen?«
Stumm kämpfte sie gegen seinen Arm und die aufdringliche Hand. Alle Anwesenden beobachteten die Szene interessiert. Auch der Wirt. Niemand griff ein. Alle warteten gespannt ab. Er versuchte, sie zu küssen. Angeekelt stieß sie ihn zurück und keifte: »Wer Raucher küsst, trinkt auch Rheinwasser! « Damit hatte sie die Lacher auf ihrer Seite. Sie prusteten alle gleichzeitig los.
Der Typ neben Elke bekam einen roten Kopf. Jetzt war er der Blamierte. Um die Situation zu überbrücken, lachte er mit. Doch Elke wusste, dass dieser Sieg nur von kurzer Dauer sein konnte. Der würde jetzt nicht aufgeben. Im Gegenteil. Er musste versuchen, die Schlappe wieder auszumerzen.
Elke wollte als Siegerin dastehen. Sie trank ihre Cola aus, stellte das Glas auf die Theke und sagte laut: »Danke für die Einladung.«
Dann verließ sie unter dem ausgelassenen Gebrüll der Gäste mit eiligen Schritten die Kneipe. Auch auf der Straße verlangsamte sie ihre Schritte noch nicht. Sie musste Abstand gewinnen. Es war nicht auszuschließen, dass der Typ gleich wutentbrannt hinter ihr hergelaufen kam. Wenn das dein neuer Lebensstil wird, dachte sie, dann solltest du wirklich mal einen Judokurs belegen …
Book on demand
Bücher des Verlages »Die Schatzkiste« sind elektronisch gespeichert und werden auf Bestellung gedruckt. Sie sind nie vergriffen!
Buch & medi@ GmbH/ Verlag die Schatzkiste
Ruffinistr. 21 80637 München
Tel. 089/139290-46
Fax 089/139290-65
eMail info@buchmedia.de
www.verlag-die-schatzkiste.de
