Achat
Achat, der Engel aus dem Abflussrohr
Im Himmel ist die Hölle los
Eigentlich ist Achat auf die Erde gekommen, um Kira beizustehen. Aber er ist durch die Schutzengelprüfung gefallen und hat weder die Fähigkeiten noch das Aussehen eines Schutzengels. Ob das wohl gut geht?
Achat ist ein kleiner Engel.
Er ist schon zweimal durch die Schutzengelprüfung gefallen und deshalb war er zuletzt als Heilstein in der Eifel tätig,
da kann man wenig verkehrt machen. Aber jetzt ist im Himmel der Personalnotstand ausgebrochen und er bekommt eine zweite Chance:
Die kleine Kira fürchtet sich vor allem und jedem und nun, nach der Scheidung ihrer Eltern,
kommt auch noch die »neue« Tochter ihres Papas ausgerechnet in ihre Klasse!
Was werden die Klassenkameraden dazu sagen? Achat soll Kira Mut machen.
Doch er hat nur zwei kleine, zerzauste Flügelchen und kann auch nicht durch Wände gehen,
geschweige denn sich durch die Kraft seiner Gedanken an jeden erwünschten Ort versetzen.
Schon bei seiner Ankunft läuft alles schief?
Achat verirrt sich ins Abflussrohr des Waschbeckens und erschreckt Kira erstmal gewaltig …
Wer hier wen rettet, das wird sich zeigen, aber vielleicht gibt es ja tatsächlich sowas wie Schutzmenschen für hilflose Schutzengel?
Leseprobe
Im Himmel war die Hölle los. Sämtliche Alarmanlagen klingelten seit Stunden.
Zunächst glaubte Achat an ein technisches Problem. In letzter Zeit lief hier so einiges schief.
Das neue Computersystem war eine einzige Katastrophe. Als Achat aber zum Einsatzleiter gerufen wurde, ahnte er gleich:
Diesmal war es schlimmer. Viel schlimmer.
Normalerweise befasste Chefengel Maikel sich gar nicht mit solchem Kleinkram.
Nur selten hatte jemand wie Achat überhaupt die Gelegenheit, mit Engeln der Führungsebene zu reden.
Der erhabene Maikel war völlig entnervt und stocksauer. Sein Heiligenschein leuchtete nicht mehr.
Im Gegenteil – um Maikel herum verdunkelte sich alles. Die Luft vibrierte. Achat spürte das drohende Gewitter.
Er bekam gleich ein schlechtes Gewissen. Was hatte er diesmal falsch gemacht?
An den Computern saßen keine Engel. Es sah aus, als hätten sie ihre Arbeitsplätze fluchtartig verlassen.
Auf einem Bildschirm rannten kleine Teufelchen hin und her. Da hatte wohl jemand das verbotene »Schieß-den-Teufel«-Spiel gespielt.
Offensichtlich nicht zum ersten Mal, denn wer immer es war, er hatte schon 10.000 Punkte im zweiten Level.
Achat zeigte auf den Bildschirm und sagte: »Das war ich nicht!« Aber Maikel hörte ihn nicht. Er sah ihn nicht einmal an.
Maikel musste schreien, um die Alarmanlage zu übertönen: »Du siehst ja, was hier los ist! Ich brauche deine Hilfe, Achat!«
»Meine Hilfe? Aber … ich bin durch die Schutzengelprüfung gefallen Ich kann nicht fliegen.
Ich kann nicht durch Wände gehen. Ich kann nicht mal …«
»Ja, ja, ich weiß!« brüllte Maikel. »Du kannst nicht rechnen. Deine Sprachausbildung ist noch nicht beendet.
Normalerweise würde ich einen dämlichen Versager wie dich nicht mal in diesen Raum lassen. Aber was soll ich machen?
Wir haben einfach nicht genug Personal. Wir sind hoffnungslos unterbesetzt.«
Maikel schickte einen Feuerblitz in die Computeranlage.
Sofort verstummte die Alarmsirene und die Lichter auf dem Bildschirm erloschen.
Kein Wunder, dass es im Himmel Probleme mit den Computern gibt, dachte Achat.
Wenn er die Systeme immer so runterfährt …
Jetzt war es ganz still. Maikel atmete aus und setzte sich hinter seinen Schreibtisch.
Er wirkte auf Achat wie vom Kurs abgekommen, wie der durchgedrehte Kommandant eines Raumschiffes.
Seine Augen konnten sehr gütig sein, sagte man, aber jetzt waren sie stechend.
Er zeigte auf das große Schild hinter sich. Dort stand der Engelgrundsatz Nummer Eins:
Jeder Mensch, der einen Engel zu Hilfe ruft, soll Hilfe bekommen.
Es war mehr als eine Regel. Es war ein Gesetz.
Maikel schimpfte: »Der große Boss hat sich das klasse ausgedacht.
Jeder Mensch, der einen Engel zu Hilfe ruft, soll Hilfe bekommen. Jeder! Und wie soll ich das machen? Es gibt immer mehr Menschen und sie rufen uns für jeden Mist! Früher bat ein gottesfürchtiger Mensch um Hilfe, wenn er kurz vor dem Ertrinken war oder an einer schweren Krankheit litt. Heute schreit jeder Gangsterboss, der sich beim Rasieren schneidet: «Oh Gott, oh Gott, ich verblute! Hilfe!»
Maikel schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. Aus seinen Ohren fuhren kleine Blitze, die wie winzige Schlangen über seinen Körper krochen. «Für so etwas sind unsere Schutzengel einfach nicht ausgebildet!
»Können die das nicht?« fragte Achat.
Zornig sah Maikel ihn an. »Sie sind überqualifiziert!« schnauzte er. »Soll ich einen Erzengel schicken, weil ein Kind seine Hausaufgaben vergessen hat? Oder hier!« Er hob einen Aktenordner hoch. »Paul. Der kleine Hosenscheißer wünscht sich, dass er eine Eins in Deutsch bekommt. Ich muss einen Engel schicken. Wie wäre es, der Bengel würde einfach lernen?! Dauernd haben wir Ärger mit dieser Göre Antje. Sie wünscht sich, dass ihre Mama nicht mehr für sie kocht. Sie will lieber bei ihrer Oma essen. ? Unter uns, der Sauerbraten ihrer Mama schmeckt wirklich wie das Essen in unserer Kantine. Sollte verboten werden.«
Maikel streckte die Akte von sich weg und rümpfte die Nase, als ob sie stinken würde. »Für den Kleinkram muss ich meine Leute einsetzen.« Er hob beschwörend die Hände über seinen Kopf. »Aber bitte! Der große Meister denkt sich tolle Regeln aus! Er muss sie ja nicht umsetzen. Ich sag dir! Mir steht es manchmal hier!«
Achat schluckte. Dies konnte seine große Chance werden. Wahrscheinlich würde Maikel ihn gleich zum Schutzengel Erster Klasse machen und dann zur Erde schicken. Achat war bereit. Ihm war alles recht, womit er sich vor der Schutzengelprüfung drücken konnte. Achat hatte die letzten 500 Jahre als Heilstein verbracht. Er brauchte jetzt Bewegung. Eigentlich wollte er gar kein Schutzengel werden. Er wäre lieber Mittelstürmer in der Himmelself. Aber er kam nicht in die Mannschaft. Er war zu klein, zu langsam und traf nur selten den Ball. Kein Wunder! Erst lag man Jahrhunderte lang bewegungslos als Stein herum, dann sollte man plötzlich hinter einem Ball her rennen.
»Du wirst zur Erde reisen und der kleinen Lina helfen Sie hat darum gebeten. Die halbe Nacht hat sie gestern geheult.«
Achat nickte. »Ja, klar, mach ich doch gerne. Ist mir eine Ehre. Bekomme ich dann jetzt richtige Flügelsengel?«
Maikel schüttelte den Kopf. »Das heißt Engelsflügel, du Trottel. Nein, kriegst du nicht.«
»Ja, aber als Schutzengel muss ich doch auch alle Fähigkeiten von Engeln haben!« protestierte Achat. »Was soll Lina denken, wenn sie meine winzigen Federn auf dem Rücken sieht. Ich sehe aus wie ein gerupftes Huhn!«
Maikel war es nicht gewöhnt, dass man ihm widersprach. Er funkelte Achat an. »Du musst ja kein Zugunglück verhindern! Das hier ist Kleinkram. Kaum der Rede wert. Dafür braucht man keinen richtigen Engel. Das kriegt auch so ein Stümper wie du hin.«
Ohne dass die Tür geöffnet wurde, stand plötzlich der mächtige Engel Ron im Raum. Seine Flügel hatten eine Spannweite von gut fünf Metern. Sein langes blondes Haar und seine edlen Gesichtszüge machten ihn besonders bei jungen Frauen sehr beliebt. Er konnte sich wie alle Schutzengel durch die Kraft seiner Gedanken zwischen den Welten hin und her bewegen. Die Flügel benutzte er nur manchmal aus reiner Eitelkeit.
Bestimmt wird er den Schönling schicken, dachte Achat. Aus meiner Chance wird nichts.
Aber für Ron hatte Maikel andere Aufgaben. »Wo bleibst du denn? Ich warte seit Stunden auf dich!«
Erhobenen Hauptes erwiderte Ron: »Ich musste ein Schiffsunglück verhindern. Tausend Passagiere. Schon vergessen? So was kann schon mal ein paar Minuten dauern. Worum geht´s denn? Was ist so eilig?«
Maikel stöhnte: »Ein Atomkraftwerk gerät außer Kontrolle. Die Wachmannschaft ist besoffen. Eine Geburtstagsfeier.«
»Das ist nichts für mich. Das weißt du genau!«
»Ron, bitte! Die Fachengel sind gebunden. Das Geburtstagskind persönlich hat uns gerufen. Hör es dir an!«
Maikel blickte kurz zur Decke. Zunächst rauschte eine Toilettenspülung. Dann ertönte die Stimme eines Betrunkenen:
»Lieber Gott, bitte lass heute nichts passieren. Rülps. Wir sind alle so kacke zu wie schon lange nicht mehr. Rülps.«
Ron lachte bitter: »Das nennst du jetzt ein Gebet, ja? Wo sind wir denn?« Er schüttelte seine lange blonde Mähne. »Nein, nein und nochmals nein. Ich bin für so etwas nicht ausgebildet. Schiffe. Bohrinseln. Taucherunfälle. Für den ganzen atomaren Mist bin ich nicht zuständig.«
Maikel schluckte. Heute war nicht sein Tag. Schon wieder widersprach ihm jemand.
»Außerdem habe ich letzten Monat siebzig Überstunden gemacht. Mir reicht es echt!«
Maikel faltete die Hände und sah nach oben. Dann sagte er so freundliche wie möglich: »Bitte, Ron. Du hast bei mir was gut. Ich werde mich beim Big Boss für deine Beförderung einsetzen.«
Ron flatterte mit den Flügeln. »Ein paar Wochen Urlaub wären mir lieber. Sagen wir in der Karibik. Blauer Himmel, Sandstrände, Sonnenschein. Schöne Frauen und kühles Bier …« Maikel nickte.
Jetzt kapierte Achat. Es stimmte also tatsächlich. Manchmal machten Engel – als ganz normale Menschen getarnt – auf der Erde Urlaub. Sie mussten dann weder fromm sein noch brav. Er hatte davon gehört, es aber für eines der üblichen Gerüchte gehalten.
Sofort war Ron einverstanden und verschwand mit einem Sprung durch die Wand.
Das werde ich auch bald können, dachte Achat.
»Nun zu dir«, sagte Maikel und sah Achat lange abschätzend an. »Lina hat ein Problem. Ihre Eltern haben sich getrennt. Ihr Vater, der Blödmann, lebt jetzt mit einer anderen Frau zusammen. Die hat auch eine Tochter, genau in Linas Alter. Nun ist Lina natürlich eifersüchtig.«
Das verstand Achat sofort, aber was sollte er dagegen tun?
Maikel fuhr fort: »Lina hat Angst, weil Maren in ihre Klasse kommt. Sie fürchtet sich vor der Begegnung. Sie hat Angst, die Liebe ihres Vaters zu verlieren. Sie hat überhaupt vor jedem Mist Angst. Manchmal weiß sie in der Schule die richtige Antwort, traut sich aber nicht, sie zu sagen. Sie hat Schiss, Fahrrad zu fahren und … ach! Geh hin und regel das!«
Achat nickte, als sei alles ganz klar und einfach.
Maikel stand auf. Er legte seine rechte Hand auf Achats Schulter.
War das jetzt eine Einbildung – oder spürte er schon, wie die Kraft der Schutzengel in seinen Körper floss?
»Geh jetzt!« sagte Maikel.
Achat nickte erfreut. Er rannte auf die Wand zu. Genau an der Stelle, an der Ron gerade den Sprung in die Menschenwelt gemacht hatte, prallte Achat ab, wie ein Ball, der gegen eine Wand geschossen wird.
Maikel schüttelte den Kopf. »Ach ja, entschuldige. Ich dachte, ich hätte es dir gesagt. Du kannst natürlich nicht durch Wände gehen. Aber wenn du deine Aufgabe gut erfüllst, wirst du zum Schutzengel ernannt. Dann hast du alle Fähigkeiten und Rechte.«
Achat tat alles weh. Fast sehnsüchtig dachte er an die Zeit als Stein zurück. Damals holte er sich keine blauen Flecken. Er konnte Wärme und Kälte unterscheiden. Tag und Nacht. Aber Schmerzen oder Knochenbrücke kannte er nicht.
»Aber wie soll ich dann die Welten wechseln?« fragte er.
»Du bekommst ein Tor zugewiesen. Eine alte Uhr. Dadurch kannst du rein und wieder raus. Bis Dienstag Nacht um Zwölf ist das Tor offen.«
»Und wenn ich meine Aufgabe bis dahin nicht erledigt habe?«
Maikel griff sich and en Kopf und stöhnte. »Also gut. Bis Mittwoch Nacht um Zwölf. Und wenn du es bis dahin nicht geschafft hast, wirst du wieder zu einem Stein. Diesmal für mindestens tausend Jahre.«
»Nein, Chef! Bitte das nicht! Ich werde alles tun, um …«
»Verschwinde! Und enttäusch mich nicht!«
Achat ging. Diesmal durch die Tür.
Pressestimmen
»Achat entpuppt sich als Katastrophe. Erst bleibt er auf dem Weg zu Kira im Abflussrohr stecken und verursacht eine Überschwemmung, dann wartet er mit unmöglichen Ideen auf, die Kira erst mal richtig in Schwierigkeiten bringen. Lesestunden, die nicht nur durch den Ideenreichtum von Klaus-Peter Wolf und Bettina Göschl zum Vergnügen werden, sondern auch durch die außerordentliche sprachliche Gestaltung. Was dem einen zu deftig erscheinen mag, ist für den anderen genau richtig. Es lässt sich jedoch nicht bestreiten: Die Sprache bildet mit ungeheurer Treffsicherheit Alltagssprache ab, ohne dabei je anstrengend zu sein. Großartig! Man muss dieses kleine Engelsbiest einfach mögen. Eine herrlich turbulente und unkonventionelle Engelsgeschichte!«von Cornelia Tillmanns – Bulletin Jugend & Literatur – Dezember 2005
»Die Autoren haben nicht nur ihre besondere Idee spannend und einfallsreich dargestellt, es ist ihnen auch gelungen, dies Buch zu einem Lese- und Vorlesevergnügen zu machen. Eine große Hilfe sind dabei die lebendige Sprache und auch die gelungenen Illustrationen.«GEW – Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur – GEW – März 2007
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