Klaus-Peter Wolf
Ein Portrait
Klaus-Peter Wolf gilt als »einer der besten Drehbuchautoren deutscher Sprache«
(SWF).
Er hat mit seinen Arbeiten für den Bildschirm nicht nur ein Millionenpublikum zur besten Sendezeit in seinen Bann gezogen,
sondern auch – wie z.B. mit Svens Geheimnis (ARD, 1996) – die Kritiker begeistert und dem deutschen Spielfilm
international zu neuem Ansehen verholfen. Der »Rocky Award for best made TV-movies«, verliehen in Kanada, sei hier nur als einer seiner vielen Filmpreise erwähnt.
Produzenten stehen Schlange, um Wolf-Stoffe verfilmen zu können.
Längst kann er sich Regisseure und Schauspieler aussuchen, denn seine Drehbücher heben sich von der Massenware ab.
Auf Film-Festivals ist Klaus-Peter Wolf trotzdem ein selten gesehener Gast.
Meist erscheint er nicht einmal zu den Preisverleihungen.
Er ist dort, wo ein Autor seiner Meinung nach hingehört: In seinen Geschichten,
bei seinen Figuren. »Es gibt«
, so sagt er, »zu viele Schriftstellerdarsteller und zu wenige, die wirklich schreiben.«
Er selbst nennt sich Geschichtenerzähler. Inzwischen sind rund ein Dutzend Romane entstanden und fast fünfzig Kinderbücher.
Sie wurden in einundzwanzig Sprachen übersetzt und mehr als acht Millionen mal verkauft.
»Wenn Klaus-Peter Wolf einen neuen Roman nur anfängt, klopfen bereits Filmproduzenten bei ihm an«
,
schreibt der STERN unter der Überschrift: »Der Wolf bringt Quote«
.
Als er für seine Arbeit in der Film-und Fernsehhochschule Babelsberg den Erich-Kästner-Preis in Empfang nahm,
verblüffte er das staunende Publikum mit der Aussage, er habe soeben zum ersten Male eine Film- und Fernsehhochschule betreten.
Er grinst dabei verschmitzt. Man weiß nie genau, ob man ihm trauen kann oder nicht.
Ist dies auch nur wieder eine seiner Geschichten? Egal!
Wie alles anfing
Sein erstes Buch schrieb Klaus-Peter Wolf im zarten Alter von acht Jahren.
Da er noch nicht genügend Worte schreiben konnte, malte er seine Geschichte auf und zeichnete Sprechblasen für die Figuren ein.
Sein erstes Buch hatte zwölf Seiten. Es handelte von einem achtjährigen Jungen,
der mutig und mit gegen das Böse kämpfte. Damals war Wolf bereits ein richtiger Schriftsteller,
denn er hatte alles gemacht, was man tun muss, um ein richtiger Schriftsteller zu sein: Er hatte ein Buch geschrieben, und er fand einen Leser. Seinen Banknachbarn. Ebenfalls acht Jahre. Der kaufte das Heftchen für zehn Pfennig.
Da es so ein großer Erfolg war, setzte Klaus-Peter Wolf sich gleich hin und schrieb Band 2. Es war schon ein wesentlich reiferes Werk. Es hatte vierzehn Seiten. Es hieß: »Das Abenteuer geht weiter«.
Aber schon taten sich Probleme für den jungen Schriftsteller auf, denn er hatte nur einen einzigen Leser.
Der wollte gern Band 2 erwerben, besaß aber keinen Pfennig Geld mehr. Statt dessen versprach er, ihm für sein Werk eine Woche lang die Hausaufgaben zu machen. Das war der Anfang einer realen Schriftstellerkarriere.
Sein erster Film
Seinen ersten Film produzierte Klaus-Peter Wolf mit 9 Jahren. Er malte Figuren auf das dickste Buch, das er damals zur Verfügung hatte (denn er wollte einen langen Film drehen). Es war sein Mathematikbuch. Es hatte 180 Seiten. Unten auf die Ecken malte er zwei Boxer. Er konnte Bild für Bild einen kleinen Boxkampf mit K.O. darstellen. Wenn man die Seiten des Buches im richtigen Tempo durch die Finger laufen ließ, sah man einen spannenden Kampf.
Sein Daumenkino brachte ihm keine Filmpreise ein, wohl aber eine Fünf in Mathe, eine Rüge, weil er nicht aufgepasst hatte und einen heftigen Anschiss, weil er sein Mathebuch versaut hatte.
Talent oder Krankheit
Heute sagt Klaus-Peter Wolf selbst über diese Zeit:
Ich empfand die Welt der Erwachsenen als bedrohlich. Das Leben, das man mit anbot, wollte ich nicht haben. Ich fühlte mich klein, mickrig und hilflos. Ich fand eine Tür nach draußen. Raus aus der Welt. Die Tür war in meinem eigenen Kopf. In meiner Phantasie machte ich Geschichten, die mir halfen, die Wirklichkeit zu verändern. In meiner Phantasie spielte ich Möglichkeiten durch, konnte menschliche Verhaltensweisen austesten, Niederlagen in Siege verwandeln und ausprobieren wie es ist, mit Anstand zu Boden zu gehen.
Der kleine Junge ahnte nicht, dass er Talent hatte. Er hielt es statt dessen für eine Krankheit. Versteckte es so gut wie möglich vor den Erwachsenen und rückte nur Gleichaltrigen gegenüber damit heraus.
Die Geschichtenerzählerbande
Er gründete die Geschichtenerzählerbande. Alle Mitglieder der Bande kamen als handelnde Personen in seinen Geschichten vor. Stundenlang ging er mit seiner ständig wechselnden Bande spazieren und erzählte auf Zuruf neue Geschichten. Vom Weltraumabenteuer bis zum Indianerüberfall, vom realistischen Familienalltag bis zum Fantasymärchen mischte er alles nach seinen eigenen Bedürfnissen und denen seiner Zuhörer.
Abenteuerspielplätze gab es noch nicht. Die Wohnungen waren klein, die Straßen gefährlich. In der Geschichtenerzählerbande konnten wir Abenteuer auf kleinstem Raum erleben. Wir gingen einfach nebeneinander her, stundenlang auf einem Garagenhof im Kreis oder auch auf dem Schulhof. Natürlich fiel den Erwachsenen auf, dass da etwas Besonderes geschah, dass Kinder dort die ganze Zeit intensiv miteinander redeten, gestikulierten und keinerlei Spielzeug brauchten. Das kam einigen verdächtig vor. Meiner damaligen Klassenlehrerin war das Ganze nicht geheuer. Als ich die ersten schlechten Noten schrieb, bat sie meine Mutter zur Schule. Ich sei ein Träumer, ein Spinner, ein Lügner. Dieses Herumspinnen, Geschichtenerfinden, sollte mir auf jeden Fall untersagt werden, auch zu Hause. So sollten sich meine Schulleistungen endlich verbessern. Von da an tagte die Bande im Geheimen. Ich war acht, höchstens neun, und erlebte bereits, was es heißt, wenn ein Talent unterdrückt wird. Je stärker die Verbote wurden, um so mehr spürte ich, dass ich von Bildern und Geschichten geradezu geflutet wurde. Ich brauchte ein Ventil. Die Geschichtenerzählerbande wurde immer wichtiger. Ich will meinen Lehrern hier nicht Unrecht tun. Auf ihre Weise hatten sie schon recht. Ich folgte ihrem Unterricht nur bruchstückhaft. Immer wieder gingen meine Gedanken sehr weit weg. Auch wenn ich mir Mühe gab, meiner Lehrerin an den Lippen zu hängen. Jeder Satz von ihr löste eine Assoziationskette in mir aus. Ein zarter Hinweis auf das Meer reichte aus, und ich erlebte Abenteuer auf einem Piratenschiff.
Wen wundert es, dass seine Lehrer zu der Überzeugung kamen, er sei für das
Gymnasium gänzlich ungeeignet und könne es nicht schaffen. Er sollte auf der
Volksschule bleiben. Das wollte er aber nicht, denn dort verbot man ihm,
Geschichten zu erzählen. Er hatte die diffuse Vorstellung, auf dem Gymnasium
sei es leichter für ihn, weil es dort erlaubt sei, »seinen Gedanken nachzuhängen«
.
Er machte auf eigenen Wunsch eine Sonderprüfung und bestand.
Die ersten Erfolge
Noch während er in Gelsenkirchen am Grillo-Gymnasium die Schulbank drückte,
erschienen seine Geschichten in der damals recht aktiven Undergroundpresse,
bei Mini- und Kleinstverlagen, in zahllosen Anthologien, Lyrikzeitschriften und
wurden vom Radio gesendet.
Für die Schule hatte er kaum Zeit. Bis zu zweihundert Briefe verließen pro Woche
die elterliche Wohnung. Er bot seine Geschichten überall an und zunehmend
wurden sie gedruckt.
Auch die ersten großen Tageszeitungen stiegen ein.
Klaus-Peter Wolf lacht:
Zum Beispiel die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) druckte damals meine Kurzgeschichten regelmäßig nach. Ich bekam achtzig Pfennig Zeilenhonorar, was irrwitzig viel Geld war. Die Redakteure ahnten nicht, dass sie Geschichten eines Schülers druckten, der sie heimlich im Unterricht schrieb. Es konnte damals durchaus passieren, dass Klaus-Peter Wolf neben Heinrich Böll und Siegfried Lenz in einer Wochenendausgabe erschien.
Der erste Artikel über Klaus-Peter Wolf aus der Westfälischen Rundschau (1970):
Schon früh das harte Brot der Schreiberei gekostet
Gelsenkirchens jüngster Literat hat bereits ein großes Publikum
Lord Edes Geschichten kommen vor Grillo- Schülern und -Lehrern an
»Die Nacht im Käfig wurde gemütlich. Der Lord rauchte seine Pfeife, Charlie Rind war
glücklich über seinen neuen Namen, und sie sahen hoffnungsvoll in die Zukunft. Morgen würden sie die Hexe finden, und das Land wäre vom Hunger befreit. Dann wollten sie ein Schiff nehmen und auf eine andere Insel fahren, um dort ihrer Lieblingsbeschäftigung
nachzugehen – dem Nichtstun, aber Wichtigtun.« So beginnt das fünfte Kapitel der »Phantastischen Geschichten auf den Happy Islands Inseln« von Klaus-Peter Wolf (16),
ehedem Mitarbeiter der früh verschiedenen Schülerzeitung Janus, zur Zeit hauptberuflich
Obertertianer am Grillogymnasium. Der hauptberufliche Schüler ist Gelsenkirchens jüngster Schriftsteller mit Publikumserfolg.
Der Nachwuchsliterat, der den Stil von Siegfried Lenz imitiert und parodiert, hat schon früh
das harte Brot der Schriftstellerei gekostet: »Schon in der Volksschule habe ich Geschichten
erzählt. Das hat mir meine Mama aber bald verboten, weil ich mir die Storrys im Unterricht
ausdachte.«
Zum Schreiben kam Lord Ede, wie seine Klassenkameraden den phantasiebegabten
Blondschopf nennen, aber erst im vergangenen Jahr. »Wir haben da im Deutschunterricht eine Geschichte von Lenz gelesen. Die hat mir so gut gefallen, dass ich mir dachte: Den kannste doch mal imitieren.«
Ergebnis: Die skurrilen Satiren und Parodien von den »Glücklichen
Inseln«.
Kein Geld für eine Schreibmaschine
Eines Tages fiel die Kladde mit Klaus-Peters literarischen Versuchen Kunsterzieher Van der Grinten in die Hände. Der kleine blonde Wolf: »Er hat die Arbeiten gelesen und dann gemeint:
Bevor es aber zum Drucken – kommt, wandert Lord Ede mit seinen Werken ein-, zweimal in der Woche durch die Klassen der Unterstufe.Das muss gedruckt werden.
«
Wolf, bescheiden-verschmitzt: »Die Sachen sollen erst mal in einer Auflage von 500 Stück vervielfältigt werden. Im Augenblick haben wir nicht mal Geld für 'ne Schreibmaschine. Ziemlich mau bei jungen Schriftstellern.«
Kumpel und Klassenkamerad Klaus Streuf (17) – »Den hab ich auf der Judomatte kennengelernt.«
Weil er mit gebrochenem Finger nicht trainieren konnte, gab ich ihm 'ne Geschichte von mir zu lesen. Und dann hat er gesagt: »
– liest, und Klaus-Peter Wolf beobachtet die Reaktionen des Publikums. Wir arbeiten von jetzt an zusammen.
Ich konnte mich gar nicht dagegen wehren.«
Direktor stellt Mittel zur Verfügung
Über das Entgegenkommen aller Lehrer, vor allem aber von Studienrätin Dr. Magdalene
Linnenborn, die ihre Deutschstunden zur Dichterlesung zur Verfügung stellt, und Oberstudienrat Walter
Günther, der die Texte grammatikalisch und orthographisch korrigiert – Lord Ede, als Klassensprecher anerkannte Autorität: »Meine letzte Zeugnisnote in Deutsch war 'ne 3. In den
anderen Fächern, och, da bin ich so Durchschnitt. Mehr ist nicht.«
– Wundert sich das einzige Kind eines Bademeisters und einer Friseuse: »Das ist ein ganz neuer Stil. Vom Janus
waren wir ja verwöhnt, in Opposition zu stehen.«
Oberstudiendirektor Fox hat für Wolfs Ambitionen volles Verständnis. Er stellt die notwendigen Mittel kostenlos zur Verfügung.
»Dafür muss ich dann die ersten vervielfältigten Exemplare kostenlos verteilen.«
Entschuldigungen bei Siegfried Lenz
Das Literatenteam besteht freilich nicht nur aus Autor und Lesechef Streufen, der übrigens Wolfs erbarmungsloser Kritiker ist, sondern auch aus einer zeichnenden Schneiderin:
»Marie Luise Symanzik haben wir im Freibad entdeckt. Als sie eine meiner Geschichten gelesen hatte, fing sie gleich an zu zeichnen. Sie machte uns die Illustrationen.«
Wenn die Werke mal gedruckt werden. Klaus-Peter skeptisch: »Wir können die Sachen doch keinem Verlag geben, weil
sie noch nicht getippt sind. Ich habe schon mal Arbeiten an einen Verlag geschickt, aber
nicht zurückbekommen, obwohl Porto für die Rückantwort beilag.«
Zunächst aber will sich der selbstbewusste Jungdichter bei Vorbild Siegfried Lenz in
Hamburg entschuldigen: »Ich will ihm meine Sachen schicken und ihn um Verzeihung bitten, dass
ich ihn so parodiere.«
Der junge Mann, der unbedingt Schriftsteller werden will, weiß,
was sich gehört. Wie heißt es im dritten Kapitel der »Phantastischen Geschichten«: »Charlie stieg aus, fegte die Scherben beiseite und sagte:
Wenn ich mir zu bemerken erlauben darf
, sprach er, der Lord will aber auch immer mit dem Kopf durch die Wand.
«
Und wieder ein Verbot
Klaus-Peter Wolfs erste Gedichte wurden von der Schülerzeitung Janus am Grillo-Gymnasium gedruckt, die wegen eines Artikels über Sexualität damals sofort verboten wurde. Dem Chefredakteur, Bernd Aulich, wurde nahe gelegt, die Schule zu verlassen. Trotz dieser massiven Zensurmaßnahmen gründete Klaus-Peter Wolf eine eigene, neue Schülerzeitung, die nur er selbst zu verantworten hatte. Wegen ihrer Frechheit war sie schnell überregional gefragt. Einige Ausgaben wurden in mehreren Auflagen gedruckt. Es war eine der wenigen Schülerzeitungen, die Plus machten, sodass er seine Redakteure sogar bezahlen konnte.
Der junge Autor hatte Glück. In seiner Stadt entstand die Literarische Werkstatt
Gelsenkirchen. Einige heute prominente Autoren haben dort ihre Wurzeln,
z.B. Tatort-Autor Frank Göhre und der Satiriker Michael Klaus, der stellvertretender Präsident
des Westdeutschen PEN-Clubs wurde und leider viel zu früh verstarb.
Wen wundert es, dass Klaus-Peter Wolf in der Arbeiterstadt Gelsenkirchen zunächst
unter den Einfluss schreibender Bergarbeiter geriet? Josef Büscher, Richard Limpert,
Kurt Küther – ihnen verdankt er den scharfen Blick für die Realität, die Hinwendung
zu den sozialen Problemen unserer Zeit.
Er wurde jüngstes Mitglied im Schriftstellerverband und hatte das Glück, großen Autoren zu begegnen, die ihn ernst nahmen und ihm mit Tipps zur Seite standen, wie Heinrich Böll, Josef Reding, Ingeborg Drewitz, Max von der Grün, Carl Amery und Bernt Engelmann.
Mit den Arbeitern der Firma Eurovia schrieb er ein Stück über die Schließung ihres
Werkes. Was als Straßentheater geplant war, wurde schließlich bei den
Ruhrfestspielen uraufgeführt. Die Betroffenen spielten sich selbst.
Bereits vor dem Abitur, das er mit grausam schlechtem Durchschnitt bestand, erhielt
er zwei Literaturpreise: Den Literaturpreis der Stadt Gelsenkirchen und den ARGUS-
Literaturpreis für die beste deutsche Kurzgeschichte. Damals schrieb er bereits hart
an der Wirklichkeit recherchierte Geschichten über Außenseiter der Gesellschaft.
Über Penner, Sonderschüler und kriminelle Jugendliche.
Schon mit fünfzehn Jahren veranstaltete er auf eigene Faust und später mit anderen
Autoren zusammen öffentliche Lesungen. Zu seinen Lesungen erschienen hundertfünfzig, manchmal zweihundert Zuhörer. Es
wurde nicht nur vorgelesen, sondern auch heiß diskutiert. Die Tagespresse
berichtete darüber. Zunächst lokal, dann auch überregional. Der Autor wurde immer
häufiger zu Lesungen eingeladen.
Auf so einer Veranstaltung lernte er den damals jungen Verleger Helmut Braun
kennen, der auch dem jüdischen Autor Edgar Hilsenrath in Deutschland zum
Durchbruch verhalf. Die beiden waren sofort fasziniert voneinander. Braun
druckte Wolfs ersten Kurzgeschichtenband (sein erstes richtiges Buch, nach
zahllosen zusammengeschusterten, selbstgeklebten und -gehefteten Ausgaben).
Die erste Auflage war nach fünf Monaten vergriffen. Braun startete eine zweite
und brachte nacheinander Wolfs ersten Roman und seine ersten Kinderbücher
heraus.
Die Berufswahl
Von allen Seiten bedrängt, erst einen ordentlichen Beruf zu erlernen und sich nicht gleich auf das Leben als Künstler einzulassen, fällte Klaus-Peter Wolf für sich eine klare Entscheidung:
Ich wollte Schriftsteller sein und nichts anderes. Es kam mir vor wie eine Entscheidung auf Leben und Tod. Zu oft hatte ich als kleiner Junge die Worte gehört:
Lern du erst mal was Anständiges!Und so glaubte ich, die Schriftstellerei sei etwas Unanständiges. Ich kannte zu viele hoffnungsvolle Autoren, die aber erst einmal Lehrer wurden, um dann hinterher in Ruhe – und mit einem Brotberuf im Rücken – weiter schreiben zu können. Sie träumten diese Träume ein paar Jahre, aber dann waren aus ihnen keine Autoren geworden, sondern eben Lehrer. Gute meist. Immerhin.
Aber das wollte ich nicht. Ich sah meine Klassenkameraden. Ich hörte ihre Diskussionen. Sie planten ihr Leben. Wollten dies oder das werden. Mir kam es so vor, als hätte ich diese Möglichkeit gar nicht. Ich wollte nicht Schriftsteller werden. Ich war es von Anfang an. Ich hatte nur die Möglichkeit, es zu leugnen und unglücklich zu werden oder es zu sein mit allen Konsequenzen. Ich lernte also bewusst nichts Anständiges. Ich wollte mir keine Brücken in ein sicheres Leben bauen. Ich lebte nur vom geschriebenen Wort.
Die Pleite
Leider übernahm der Verleger Helmut Braun sich und ging pleite.
Klaus-Peter Wolf versuchte mit dreizehn anderen Autoren, den Verlag zu retten.
Sie gründeten eine Art Auffang GmbH, in der nur Schriftsteller Einleger werden
durften. Niemand anderes sollte Stimmrecht erhalten. Es sollte der erste wirklich
autoreneigene Verlag der Bundesrepublik werden, und natürlich sollte ein Autor
diesem Verlag vorstehen: Klaus-Peter Wolf.
Zunächst sorgte der Verlag für viel Wirbel in der Branche. Er war die »Rakete
auf dem Buchmarkt« (Die Zeit). Klaus-Peter Wolf wurde zum »Aufsteiger der Woche«
(STERN). Zahlreiche Künstler unterstützten das Unternehmen. So spendierte der
legendäre Holzschneider HAP Grieshaber einige Originalholzschnitte, andere Künstler
gaben Geld oder standen mit Bürgschaften zur Seite. Neben den Romanen von Edgar
Hilsenrath erschien das gesamte lyrische Werk von Rose Ausländer und ein Songbuch
von Ina Deter im Literarischen Verlag Braun.
Dort erschien nun sein Roman Dosenbier und Frikadellen, der das Leben einer
kriminellen Jugendbande (einer Rockergruppe aus dem Ruhrgebiet) erzählte.
»Halbstark mit Sturzhelm« aus der BWZ 05.1980
Klaus-Peter Wolf hatte eine Weile mit diesen Leuten zusammen gelebt.
Der Roman wurde ein Erfolg, von der linken Untergrundpresse bis zur FAZ in den
höchsten Tönen gelobt. Lizenzen gingen ins Ausland, die Filmrechte wurden
verkauft. Aus heutiger Sicht betrachtet man die Arbeit des Verlages und seine
Entdeckungsfreude mit Wohlwollen. Das Gesamtwerk von Rose Ausländer
erschien (jetzt 5. Fischer und dtv), doch die anderen Bücher des Verlages
floppten.
Wolf sagt über sich selbst:
»Ich führte den Verlag wie ein Geisteskranker. Kein
Wunder, dass ich nach 13 Monaten wieder pleite war. Ich war 25 und hatte 2,7
Millionen in den Sand gesetzt. Geld, das mir nicht gehörte.«
Eine harte Zeit begann. Die Gläubiger waren hinter ihm her. Man pfändete alles.
Da er mit seiner Frau und einigen Mitarbeitern im Verlagsgebäude
wohnte, blieb ihnen nichts. Sie mussten raus aus dem Haus. Die Konten
gepfändet, die Gehälter gestoppt, die Autos beim Konkursverwalter.
Nicht genug damit, übereifrige strengten sogar einen Betrugsprozess gegen ihn
an, und er wurde zu drei Monaten ohne Bewährung verurteilt.
Der junge Autor setzte sich hin und schrieb einen Brief an zwölf deutsche
Verleger. Er schilderte seine Situation, und um Geld genug für das nächste halbe
Jahr zu bekommen, bot er seinen neuen Roman an, von dem bis dahin nicht eine
einzige Zeile existierte.
Er erhielt den gewünschten Vorschuss und schrieb den Roman Vielleicht gibts die Biscaya gar nicht.
Der Roman erzählt die Liebesgeschichte zwischen einem
Tramper und der vierzig Jahre alten Hausfrau Gisela, die bereits zwei erwachsene
Söhne hat und aus ihrem Leben aussteigen will.
Auch in diesem Roman, wie bereits in Dosenbier und Frikadellen verarbeitete
Klaus-Peter Wolf eigene Erfahrungen.
So sagt er über seinen Roman:
Jeder noch so gute oder schlechte Roman ist doch ein Stück Biografie des Autors. Belanglos, ob er das will oder nicht. Belanglos, ob er es zugibt oder nicht. Um Spekulationen vorzubeugen, will ich mich also lieber gleich zu erkennen geben.
Ja, ich hatte eine Geliebte, die zwanzig Jahre älter war als ich. Ich habe auch versucht, in Schweden zu wohnen und zu leben. In Istanbul im Papyrus habe ich gegessen und Raki getrunken, im Divan geschlafen und im Dreck gelegen, als mir die Kugeln um die Ohren flogen. Dieser Roman ist aus den gemachten Erfahrungen gearbeitet. Er wäre ohne sie undenkbar. Trotzdem bin ich nicht Mick, und Gisela ist nicht identisch mit meiner ehemaligen Geliebten. Auch die anderen Figuren dieses Buches sind keine Kopien von wirklichen Menschen. Nur – ohne diese wirklichen Menschen mit Anschrift und Bankverbindungen wären auch die Figuren im Roman nicht möglich.
Fast nebenbei gelang Klaus-Peter Wolf in dem Roman, die Gefühle der siebziger
einzufangen. Der Roman wurde von der Kritik als »der große Liebesroman der
Siebziger Jahre«
gefeiert. Ein Buch, von der ersten bis zur letzten Zeile schön,
schrieb der »Düsseldorfer Express«.
1988 widmete die DDR-Kulturzeitschrift »Der Sonntag« Klaus-Peter Wolf eine ganze Seite.
Die Redakteurin Regina General ging der Frage nach:
»Wer ist das eigentlich, dieser KP Wolf? Ein Genie? Ein Scharlatan?
Ein Senkrechtstarter, der den ehrgeizigen Projektionen aus der fliegenden Technik gleich unsanft auf der Erde landen wird.«
Als Autor war er schon damals für viele ein Rätsel, unfassbar, versteckt hinter seinen Geschichten.
Der Neuanfang im Westerwald
Rettung, Bankrott und Hauptgewinn
Mehr über diese Zeit erfahren Sie hier
Vor den Gläubigern flüchtete Klaus-Peter Wolf in den Westerwald. Dort blieb er 20 Jahre.
Er heiratete und bekam zwei Töchter, Mona und Maxi.
Auch in seiner neuen Umgebung wendete er sich wieder den Ausgestoßenen zu,
wahrscheinlich fühlte er sich bei ihnen geborgen. Diesmal waren es türkische und
kurdische Asylanten.
Er gründete eine Initiativgruppe zur Unterstützung dieser Asylsuchenden. Als
trotz aller Bemühungen immer mehr seiner Freunde ausgewiesen wurden und in
ihrer Heimat ums Leben kamen, schrieb er voller Wut und Verzweiflung den
Roman Die Abschiebung. Die gleichnamige Verfilmung wurde 1985 zur besten
Sendezeit vom ZDF ausgestrahlt, hatte mehr als 11 Millionen Zuschauer und
löste eine nachhaltige Debatte aus.
Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, u.a. auch ins Russische und
Türkische. Zu dieser Zeit hatten die Auflagen seiner Bücher längst die
Millionengrenze überschritten.
Zwischen den harten, realistischen Themen wendete er sich immer wieder
fröhlichen, lustigen Kindergeschichten zu, die beim Lesen ein befreiendes Lachen
auslösen. Einige Literaturkritiker vermuteten, dass es zwei Schriftsteller namens
Klaus-Peter Wolf gäbe. In verschiedenen Besprechungen hieß es: »Klaus-Peter
Wolf hat einen neuen, hart recherchierten Roman vorgelegt. (Nicht zu
verwechseln mit dem Kinder- und Jugendbuchautor Klaus-Peter Wolf).«
Aber er hat beide Autoren in seiner Brust und der eine ist wohl nötig, um den
anderen psychisch am Leben zu erhalten. Schreiben scheint von jeher sein
Lebenselixier gewesen zu sein. Er sagt von sich: »Die Literatur war meine
Rettung, mein Bankrott und trotzdem mein Hauptgewinn beim Roulette des
Lebens.«
1987 protestierte Klaus-Peter Wolf zusammen mit anderen Westerwälder Bürgern gegen die militärischen Tiefflüge im Westerwald, indem er über seinem Haus einen mit Helium gefüllten Luftballon aufsteigen ließ, der in 100 Metern Höhe ein deutliches Signal gegen Tiefflieger setzte. Bald schon gab es eine ganze Kette solcher Ballons im Westerwald. Klaus-Peter Wolf wurde wegen Behinderung des Luftverkehrs über der Bundesrepublik Deutschland angezeigt. Ihm sollte exemplarisch der Prozess gemacht werden. Der damalige Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller, Bernt Engelmann, sagte dazu: »Sie werden nicht versuchen, Klaus-Peter Wolf einzusperren. Das geht nicht, dafür hat er viel zu große Sympathien in der Bevölkerung. Dies ist der Versuch, ihn wirtschaftlich zu vernichten.«
Im Februar 1987 nahm Klaus-Peter Wolf auf Einladung von Dschingis Aitmatov und Michail Gorbatschow am Moskauer Friedensforum teil. Nachdem er dort eine kurze Rede über die Luftballonaktion im Westerwald gehalten hatte, solidarisierte sich spontan Peter Ustinov. Er nannte das Ganze »Eine köstliche Kunstaktion. Klaus-Peter hat mit einem Kinderspielzeug eine Armee herausgefordert. Ist das nicht wunderbar?«
Peter Ustinov erklärte: »Wir werden dich nicht im Stich lassen und alle zu deinem Prozess kommen.«
Dann malte er auf einen kleinen Zettel sich selbst als Luftballon gegen die Tiefflieger. Mit ihrer Unterschrift drückten auch andere Teilnehmer ihre Sympathie aus. So Friedrich Dürrenmatt, Günter Wallraff, Max von der Grün, Klaus Maria Brandauer, Hanna Schygulla und Bernt Engelmann.
Mehr über die Moskauer Konferenz ist zu lesen in seinem Moskauer Tagebuch.
Klaus-Peter Wolf gehörte zum Erneuererflügel der DKP.
Nach längeren Reisen durch die Sowjetunion (über die er auch geschrieben hat)
trat er 1987 enttäuscht aus der Partei aus.
»Sozialismus ohne Demokratie ist für mich kein Zukunftsentwurf, sondern ein Alptraum.«
(Klaus-Peter Wolf)
Scheinbar mühelos fließen ihm die Bücher aus der Feder. Kinder- und
Jugendbücher und Romane wechseln sich ab. Dazu ein Dutzend Hörspiele, die
meisten vom WDR produziert. Außerdem begann er, fürs Fernsehen zu
schreiben. Er erfand für die ARD den Sportarzt Conny Knipper (gespielt von
Dietmar Bär) und schrieb eine Reihe viel beachteter Spielfilme, z.B. Samstags, wenn Krieg ist (mit Angelica Domröse) oder »Svens Geheimnis« (mit Richy
Müller und Katharina Meinecke).
Viele seiner Spielfilme wurden zu Einschaltquotenhits.
Svens Geheimnis fand zunächst in Deutschland keine große Beachtung, doch dann erhielt der Film in Kanada den »Rocky Award for the best made TV-movie of the world«. Es folgten zahlreiche andere Preise, u.a. der »Magnolia Award«, Schanghai für das beste internationale Drehbuch.
Danach verfilmte er den Roman Donnas Baby für RTL. Bettina Woernle führte die Regie, in den Hauptrollen Ken Duken und Anna Brüggemann.
Der Autor hätte jetzt in schneller Folge Film um Film machen können, die Angebote häuften sich, die Produzenten standen Schlange, doch er zog sich zurück und versuchte sich an dem Psychothriller Ein tödliches Wochenende, produziert von Holm Dressler für den NDR, Regie Thorsten C. Fischer. Im »Tödlichen Wochenende« verarbeitete er ganz offensichtlich eigene Therapieerfahrungen, natürlich überspitzt und in einen Kriminalfall verstrickt. Nie wurden im deutschen Fernsehen therapeutische Situationen so sehr auf den Punkt gebracht.
Die Szene im roten Gummiboot, wenn der Therapeut seine Klienten bittet zu entscheiden, wer aussteigen soll, weil nicht genug Proviant an Bord ist, gehört zu den Sternstunden des deutschen Fernsehens.
Danach verfilmte er seinen Roman Donnas Baby. Leider hatte der Film den trivialen Titel Das schwangere Mädchen.
Mit Weil ich gut bin hat Klaus-Peter Wolf noch einmal das Leben seiner Figuren aus Svens Geheimnis beleuchtet. Wer die Filme kennt, sieht Zusammenhänge und erkennt, was aus den einzelnen Leuten geworden ist. Der Film, mit völlig anderen Schauspielern besetzt, Dieter Landuris, Nina Petri, Tom Schilling, Julia Hummer und zum ersten Mal in einer kleinen Rolle Wolfs Tochter Maxi, erzählt im Grunde die Geschichte von Sven weiter, nur drei Jahre später.
Weil ich gut bin wurde von der Kritik mit großen Vorschusslorbeeren bedacht: »Solche Dialoge schreibt in Deutschland nur einer: Klaus-Peter Wolf.«
(WR)
Doch gelingt es dem Fernsehen nicht, das »Phantasiemonster Wolf« restlos zu
schlucken. Denn immer wieder taucht er ab, um seine realistischen Romane zu
schreiben. So wird er für zwei Jahre zum Mädchen- und Frauenhändler Harold
Kempf, der in Rheinland-Pfalz ein Büro betreibt und für seinen Mädchen- und
Frauenhandel eine offizielle Steuernummer erhält. Er hat mehr als 120 Kunden
und bewegt sich in Händlerkreisen schon bald ganz oben.
Ergebnis dieser Recherche ist dann der Bestseller Traumfrau, der den Autor
überall in die Schlagzeilen bringt.
Artikel aus dem Spiegel-Magazin (11.9.1989):
Stumme Frau gesucht
Auch Mädchen- und Frauenhändler erhalten eine Steuernummer und Steuerbescheide
Beim Finanzamt Hachenburg im Westerwald meldete sich ein außergewöhnlicher Unternehmer als braver Steuerzahler. Die Beamten, die ohne Aussehen der Person auf jeden Pfennig achten, gaben dem Firmengründer die Steuernummer 18/ 079/ 0175/ 7. Als Beruf/ Gewerbe trugen sie ein: Mädchen- und Frauenhandel. Für das erste Kalendarvierteljahr 1989 setzte das Finanzamt 700 DM als Umsatzsteuer- Vorauszahlung fest, taxiert nach den Bestimmungen der Abgabenordnug. Der Bescheid für das zweite Quartal fiel mit 900 DM höher aus.
Die Beamten gingen offensichtlich davon aus, dass der Mädchen- und Frauenhandel, der nach Strafgesetzbuch mit Freiheitsentzug mit bis zu 10 Jahren geahndet werden kann, ein erträgliches Gewerbe ist. In Wahrheit tätigte das Unternehmen Hot Pants- Mädchen- und Frauenhandel kein einziges Vermittlungsgeschäft.
Der Schriftsteller Klaus-Peter Wolf, 35, hatte unter falschen Namen, mit Hilfe seines Freundes Harold Kempf, 33, eine Scheinfirma gegründet. Auf diesem Weg wollte er Informationen für seinen Roman Traumfrau gewinnen, der soeben erschienen ist. Wolf beschreibt darin den Handel mit Frauen aus der Dritten Welt und die Psyche der Männer, die sich ihre Gefährtinnen bei Menschenhändlern in der Bundesrepublik kaufen. Experten schätzen, dass sich derzeit rund tausend Vermittler
auf Exoten (Branchenjargon) spezialisiert haben, die für ein paar Mark in Fernost oder Südamerika angeworben und in
der Bundesrepublik zu Preisen bis zu 10000 Mark an den Mann gebracht werden. Die Kuppler können ihre Kunden über
Anzeigen, in denen liebevolle asiatische Frauen oder Mädchen, Mädchen, Gratis- Info angepriesen werden.
Auf die Idee, auf Schein in das Geschäft einzusteigen, war Wolf gekommen, als er bei seinen Recherchen einen
großen der Branche besuchte: den Darmstädter Heiratsvermittler Günter Menger, 54, der sich selber zu den Seriösen zählt. Menger, berichtet Wolf, habe ihn über drei wichtigsten Regeln beim Vermakeln ausländischer Frauen aufgeklärt:
1. Verletzte niemals die Visa- und Passbestimmungen
2. Bezahle pünktlich die Steuern
3. Tue den Frauen keine direkte Gewalt an
Menger offerierte einen Lizenz-Vertrag für den Raum Altenkirchen (Westerwald) gegen eine monatliche Gebühr von 298 Mark. Wenn Wolf etwas Selbstvertrauen und Energie zeige, schrieb der Vermittler, »können wir sie in Altenkirchen zum Marktführer machen«
. Zu den weiteren Verhandlungen solle Wolf »eine Gebietslandkarte«
mitbringen, »damit bei der Abgrenzung des Lizenzgebietes eine Überschneidung vermieden wird«
. Auch Spezial-Wünsche sind in der »modernen Form des Sklavenhandels«
(so der rheinland-pfälzische Justizminister Peter Caesar) jederzeit zu befriedigen. Wolf meldete seinem Lizenzgeber Menger, er haben einen 29 Jahre alten
Interessenten mit besonderen Bedürfnissen: Der Mann suche eine Stumme Frau, weil ihn »seine Verflossene in den
letzten Jahren mit ihrer ständigen Nörgelei nur genervt habe«
. Mengers Antwort »die Wünsche sind erfüllbar – ohne
Probleme!«
Ohne Anstoß zu erregen, meldete Wolf sein Unternehmen bei den rheinland-pfälzischen Behörden an.
Besonderen Wert legte er darauf, als Geschäftszweck immer »Mädchen- und Frauenhandel« anzugeben.
Selbst die sexistische Firmen Bezeichnung »Hot Pants« machte die Finanzbeamten nicht stutzig. In einem Brief
teilte Wolf der Behörde mit, dass »in letzter Zeit durch unsachliche und reißerische Darstellung in den Medien«
sein Gewerbe »in Verruf geraten sei«
, viele Mädchenhändler würden »sich deshalb jetzt Partnervermittler«
nennen.
Er lehne dies aber ab, so Wolf, schließlich leiste sein »Unternehmen einen entwicklungspolitischen nicht zu
unterschätzenden Dienst und Erlöse die Frauen aus Hunger und Elend«
.
Einem Sachbearbeiter in der Gemeindeverwaltung Hachenburg kam die Bezeichnung »Mädchen- und Frauenhändler« zwar
»unseriös« vor. Doch er forschte nicht nach, sondern brachte die Gewerbeanmeldung in gesetzestreue Form:
Als »angemeldete Tätigkeit«
trug er »Vermittlung von Frauen aus verschiedenen Ländern«
ein.
Prompt beglückwünschte die Industrie und Handelskammer Koblenz den Jungunternehmer zur Gründung seiner
Firma. »Da sie sich gerade Selbstständig gemacht haben«
, bot ihm die Kammer auch noch einen »speziellen
Beratungsdienst für Existenzgründer«
an.
»Ganz dünnes Eis« aus dem Spiegel-Magazin 05.1992
Merkwürdigerweise wird er aber von Teilen der Literaturkritik völlig ignoriert.
Klaus-Peter Wolf wird gelesen, hat riesige Auflagen, wird übersetzt und verfilmt,
aber er ist nicht einzuordnen. Er ist kein Autor für die Feuilletons. Wenn er nicht
schreibend und recherchierend unterwegs ist, so befindet er sich auf Lesereise,
hin zu seinem Publikum. 180 bis 200 Lesungen im Jahr, an manchen Tagen
gleich drei hintereinander (in Schulen). Der Autor schreibt am liebsten im Zug und
in Hotelzimmern. Was dort entsteht, liest er seinen Zuhörern dann gleich vor und
diskutiert es mit ihnen.
»So verliere ich nie den Kontakt zur lebenden Sprache
und zu meinem Publikum.«
Wenn Sie mehr über die Beziehung zwischen Klaus-Peter Wolf und Hans Bödecker wissen wollen, klicken Sie hier:
Zur Familie Bödecker hatte Klaus-Peter Wolf immer eine intensive und gute Beziehung.
»Die Familie Bödecker hat mehr für die Lesekultur in Deutschland getan als sämtliche Kultusminister aller Länder zusammen«
.
»Einen wirklich Besessenen kann nichts aufhalten«
. Dieser Satz steht in einem
seiner Romane. Wer Wolf erlebt hat, ahnt, wie sehr der Satz auf ihn selber
zutrifft. Er ist ein Erzähler aus Leidenschaft. Er hat mehr als
viertausend öffentliche Veranstaltungen hinter sich (wobei nur selten die Stühle
ausreichen) und ist verantwortlich für mehr als einhundert Stunden Fernsehen.
Die Drehbücher für die Verfilmungen seiner Romane schreibt er fast immer selber, so für Samstags, wenn Krieg ist, Regie führte, wie auch bei Svens Geheimnis Roland Suso Richter, in den Hauptrollen Heino Ferch, Markus Knüfken und Angelica Domröse.
Sein Roman Feuerball bildete die Grundlage für eine neue Reihe im »Polizeiruf 110« fürs Bayrische Fernsehen. Die Psychologin Sylvia Jansen wurde gespielt von Gaby Dohm. Die Verfilmung konnte natürlich nicht Feuerball heißen, da es einen James-Bond-Film mit dem gleichen Titel gibt. Der Film lief unter dem Titel »Polizeiruf 110« – Feuer! Regie Maria Knilli. Der zweite Polizeiruf in der Reihe, Im Netz der Spinne stammt auch aus Klaus-Peter Wolfs Feder, mit einer köstlichen Paraderolle für Armin Rohde.
Da die Hauptfigur des Psychothrillers Feuerball 15 Jahre alt ist, fand das Buch viele jugendliche Leser. Die Figur des Jens Roth, der sich auf der Suche nach seiner Identität fragt, ob er verrückt ist oder die Welt, bietet offensichtlich vielen jungen Menschen die Möglichkeit zur Identifikation. Im Frühjahr 2007 wird der Roman bei Bertelsmann neu erscheinen.
Klaus-Peter Wolfs Romanfiguren sind Spiegelbilder einer verwahrlosten Gesellschaft, in der jeder am Rand des Abgrunds lebt. Neurotisch, von Existenzängsten geplagt und vom Leben gebeutelt, schlagen sich seine Figuren durch. Ihre Handlungsmotive entspringen nur selten einer intellektuellen Planung. Sie sind fast immer emotional bedingt. Niemand traut irgend jemandem und wenn doch, dann wird er hereingelegt. Die Hölle trägt jeder in sich. Wolfs Bücher haben deswegen so eine beklemmende Atmosphäre. Man kann nicht aufhören zu lesen.
Seine Jugendbuchserie Drei tolle Nullen (»Die Kids-Kultbuchserie«, BUCHMARKT) ist im Franz-Schneider-Verlag erschienen.
Es gibt 9 Bände über Oskar, Olaf und Olli.
Es gründeten sich im gesamten deutschsprachigen Raum mehr als 200 »Drei-tolle-Nullen-Fanclubs« mit eigenen
Clubausweisen und vom Autor persönlich unterschriebenen Urkunden.
So verpflichten sich die Mitglieder der »Drei-tolle-Nullen«-Clubs: »Zu lachen, wenn
wir fröhlich sind, zu weinen, wenn wir traurig sind, zu essen, wenn wir Hunger
haben, zusammenzuhalten und uns nicht unterkriegen zu lassen und den
Erwachsenen Streiche zu spielen, so oft es nur geht«
.
Kein Wunder, dass die Serie vom Fernsehen entdeckt wurde.
Die »Drei tollen Nullen« sind eine deutsch-polnische Coproduktion, die Günter Herbertz von der Firma TV 2000 realisierte.
Inzwischen gehören die »Drei tollen Nullen« zum Standardprogramm von Kinderkanal und ARD und haben, obwohl sie bisher schon neun Mal wiederholt wurden, steigende Einschaltquoten.
Für seinen Roman Das magische Holz erhielt der Autor die Kalbacher Klapperschlange. Dies ist der einzige Literaturpreis, der von einer reinen Kinderjury verliehen wird. Vor Klaus-Peter Wolf erhielten ihn so namhafte Autoren wie Elke Heidenreich, Klaus Kordon, Paul Maar und Arnulf Zitelmann.
Und wieder legte Klaus-Peter Wolf mit Donnas Baby (1996, Scherz-Verlag) eine große Liebesgeschichte vor.
Jens und Donna sind typische »Klaus-Peter Wolf Gestalten«. Donna wächst behütet im Elternhaus auf und wird dann ungewollt schwanger. Ihr Freund Jens träumt davon, als Saxophonspieler sein Geld zu verdienen, hat keinen ordentlichen Schulabschluss und natürlich auch keine Berufsausbildung. Er knackt Autos und das nicht mal besonders gut. Trotzdem erweisen die beiden sich als stabiles Paar. Die gebrochenen Helden, die erst unter größtem Druck ihre persönliche Stärke entwickeln und die gefallenen Engel – sie haben Klaus-Peter Wolf immer angezogen.
Bei der Buchpremiere formulierte es ein junges Mädchen auf den Punkt: »Die beiden sind im Grunde Romeo und Julia im Jetzt. Nur diesmal gewinnen die beiden.«
Es ist ein ungewöhnlicher Roman, der die Gemüter sehr bewegt hat, denn ständig wird der Leser vor Entscheidungen gestellt. Und wieder gelingt Wolf damit ein Sittengemälde unserer Zeit und unserer Seelenzustände.
Das Buch fand lange nicht so viele Leser wie die anderen Wolf-Romane. Donnas Baby wurde zwar Buchtipp des Monats im STERN, aber die Radikalität, mit der hier zwei junge Menschen auf ihrem Lebensglück beharren und sich für ihr Kind entscheiden, obwohl doch alle dagegen sind, stieß bei der Kritik auf Ablehnung.
Lange bevor Donnas Baby erschien, hatte Klaus-Peter Wolf bereits die Recherchen zu seinem Roman Karma-Attacke begonnen. »Karma-Attacke« erzählt die Geschichte von der 15-jährigen Vivien, die in Köln in der Psychiatrie lebt. Professor Ullrich, der sie als Therapeut behandelt, glaubt an Wiedergeburt. Was andere Ärzte Wahnvorstellungen nennen und mit Medikamenten behandeln, sind für ihn Erinnerungen,von denen Vivien geflutet wird. Er hofft, durch Vivien seiner eigenen Identität auf die Spur zu kommen und er weiß: Wenn er mit ihr beweisen kann, dass es Reinkarnation gibt, wird man seinen Namen mit Freud und Einstein in einem Atemzug nennen.
So ist Vivien einerseits glücklich, den Professor zu haben, denn für ihn ist sie nicht einfach eine Irre, er behandelt sie, als sei sie die Königin der Geschlossenen Abteilung, andererseits kapiert das junge Mädchen natürlich sehr bald, dass er sie nie, niemals freilassen wird. Denn sie ist der Schlüssel zu seiner eigenen Geschichte.
Auffällig auch hier wieder, wie in anderen Wolf-Romanen, der jugendliche Held in einer scheinbar ausweglosen Situation. Vielleicht liegt hier das große Missverständnis, das sich um Klaus-Peter Wolfs Romane rankt: Sie werden für Jugendbücher gehalten, weil junge Menschen mit ihren Konflikten im Mittelpunkt stehen. Liest man dann so einen Roman als Jugendbuch, ist der gebildete Kritiker natürlich entsetzt über die »schlimmen Szenen«, die sich darin finden. Sämtliche Tabus, die es im Jugendbuch gibt, werden hier gebrochen. Aber genau das ist auch der Irrtum. Klaus-Peter Wolfs Romane sind keine Jugendbücher. Karma-Attacke ist ein Psychothriller. Gruselig wie »Das Schweigen der Lämmer«, aber mit viel mehr Tiefgang, denn wie immer nimmt er auch hier seine Leser mit in die Abgründe der menschlichen Seele.
Dass es sich bei diesen Romanen nicht um Jugendbücher handelt, sieht man allein schon an den Übersetzungen. Nirgendwo im Ausland erscheinen diese Bücher als Jugendbücher, sondern als Neue Deutsche Literatur, Thriller, Krimi oder eben einfach nur als Romane. Es ist ein typisch deutsches Missverständnis, das sich da um einen Autor rankt.
Die Unsicherheit der Literaturkritik, wie man diesen Schriftsteller einordnen kann, trug sicherlich dazu bei, dass Karma-Attacke zwar in esoterischen Zeitschriften groß besprochen wurde,
aber die große Literaturkritik wieder mal mit starrem Blick wegsah.
»Karma–Attacke« aus Mensch & Sein 01.2002
»Einblicke in die Tiefen der Seele« aus Esotera 09.2001
Dann erschien das Buch auch noch zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, am 17. September 2001.
Nach den schrecklichen Ereignissen am 11. September dominierten andere Themen das Weltgeschehen. Dichter, die nicht über den Islam oder Terrorismus geschrieben hatten, kamen öffentlich kaum noch vor.
Trotzdem fand dass Buch durch eine Welle von Flüsterpropaganda seine Leser. Kein Wunder, für viele ist
Karma-Attacke der beste Roman, den Klaus-Peter Wolf je geschrieben hat.
Der für seine gründlichen Recherchen bekannte Wolf ließ sich für »Karma-Attacke« sogar zum Reinkarnationstherapeuten ausbilden. Der Roman wurde für ihn zu einer Abenteuerreise zu sich selbst und hat den Autor verändert. Siehe Interview:
Interview über den Roman »Karma-Attacke«
Als der SPIEGEL sein Sonderheft zum Thema »Erziehung« herausbrachte, wurden dort 10 Kinderbücher empfohlen. Zwei davon stammen aus der Feder von Klaus-Peter Wolf: Jens-Peter und der Unsichtbare und Der Hexer von Bottrop. Inzwischen sind von »Jens-Peter und dem Unsichtbaren« sechs Bücher
erschienen sowie ein dicker Sonderband »Jens-Peter und der Unsichtbare – Die besten Geschichten«.
Der pfiffige kleine Junge wurde von der Literaturkritik hart angeschossen. Die WELT widmete einem Verriss fast eine halbe Seite, aber das konnte Jens-Peter und seinem unsichtbaren Freund nur wenig anhaben. Bei Kindern in aller Welt erfreut er sich immer größerer Beliebtheit. Inzwischen gibt es die Reihe auch als Taschenbuch bei Arena, Jens-Peter wurden sogar ins Koreanische übersetzt. Die größten Erfolge aber feiert er in Spanien. Die Bücher sind dort in exakt der gleichen Ausstattung erschienen, natürlich mit den Bildern von Amelie Glienke, aber in Spanien heißt Jens-Peter natürlich nicht Jens-Peter, sondern Antonio Juan – und er ist ein Held.
In Deutschland fand man diese Geschichten zunächst zu unpädagogisch,
was in dem Ausspruch gipfelte: »Das Schlimme an diesen Büchern ist,
dass so viele Kinder sie lesen.«
In Spanien hingegen hatten die Pädagogen von Anfang an weniger Bedenken.
Dort gab es rasch eine Extraausgabe für den Unterricht.
Inzwischen setzt sich in Deutschland Frau Dr. Ingrid Hintz, Akad. Rätin im Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Hildesheim, für »Jens-Peter« ein.
Im Schroedel-Verlag hat sie in der Reihe »Texte.Medien« sogar ein Lehrerbeiheft herausgegeben und ein Lesetagebuch für Schüler.
Außerdem eine Billigausgabe von Jens-Peter und der Unsichtbare voll verknallt für Schüler.
Ihr ist es auch zu verdanken, dass sich einige »Jens-Peter«-Geschichten zur Freude der Schüler inzwischen in Schulbüchern wiederfinden,
z.B. im Lehrwerk »Wortstark« des Schroedel-Verlags.
Doch schon hat Klaus-Peter Wolf eine neue Figur erfunden. Sie heißt »Felix Schnupfen«. Und »Felix«
ist der größte Lügner aller Zeiten. (Ueberreuter-Verlag)
Seine Bücher für Erstleser sind inzwischen längst Klassiker geworden. Die Leselöwen Pferdegeschichten gibt es bereits in der zwanzigsten Auflage, dicht gefolgt von seinen »Seeräuber«- und Drachengeschichten.
Zum Morden nach Norden
Nach 20 Jahren Ehe ließ Klaus-Peter Wolf sich scheiden und zog zunächst nach Köln.
Dann aber lockte ihn das Meer.
Gemeinsam mit seiner neuen Lebensgefährtin, der Liedermacherin Bettina Göschl,
zog er nach Norden an die Nordsee.
Gemeinsam verfassten sie dort einige Jugendbücher, z.B. die Reihe Das magische Abenteuer (4 Bände)
sowie einige Bücher für Erstleser.
Gemeinsam mit Bettina Göschl wendete er sich zum ersten Mal dem Bilderbuch zu.
So enstanden mit Bildern von Marie Blazejovsky Anna im Land Verkehrtherum und Der Schal, der immer länger wurde (Annette-Betz-Verlag). »Der Schal, der immer länger wurde« ist international das erste Bilderbuch, das sich mit dem Thema Alkoholismus auseinandersetzt. Ein Junge liebt seinen alkoholkranken Vater und steht zu ihm. Dieses Thema war Bettina Göschl und Klaus-Peter Wolf äußerst wichtig, da sie beide aus Familien mit Alkoholproblemen kommen. Das Buch erschien gleichzeitig in dänischer und deutscher Sprache. Es ist ein zutiefst poetsicher Text, der ohne jede Schuldzuweisung auskommt.
Für den Bertelsmann-Verlag schrieben sie die Erzählungen Leon und die wilden Ritter und »Jenny und die Seeräuber«.
Im hohen Norden begann Klaus-Peter Wolf gleich zu morden
und schrieb zwei neue »Tatorte«, Janus
für die Kommissarin Charlotte Sänger und ihren Partner Fritz Dellwo,
gespielt von Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf, Regie Klaus Gietinger und Abgezockt
für die Kommissarin Lena Odenthal und ihren Assistenten Mario Kopper (SWR), gespielt von Ulrike Folkerts und Andreas Hoppe, Regie Christoph Stark.
Im Augenblick arbeitet er an einer Krimireihe für den Fischer-Verlag. Seine neue Kommissarin heißt Ann Kathrin Klaasen.
Zwischen Bettina Göschl, Maxi Wolf und Klaus-Peter Wolf ist es in letzter
Zeit zu einer intensiven Zusammenarbeit gekommen. Sie produzieren mit viel
Spaß themengebundene CDs für den Jumbo Verlag in Hamburg. Bettina Göschl
singt ihre Lieder, Maxi Wolf tritt als Gastsprecherin auf und gestaltet auf
ihre unverwechselbare Art all die liebenswerten und skurrilen Figuren aus
Klaus-Peter Wolfs Feder.
Während die Musikbranche über Umsatzeinbußen klagt, erfreuen sich die CDs
der drei ständig wachsender Beliebtheit. Der Studiotermin für die nächste
Aufnahme steht schon fest.
Klaus-Peter Wolf und sein Verleger Peter Lohmann bei
einer Wattwanderung von Neßmersiel nach Baltrum im Sommer 2005. Peter
Lohmann veröffentlichte 1989 K.P.
Wolfs Roman Traumfrau im Galgenberg Verlag. Das Buch wurde ein Bestseller.
Später verlegte Peter Lohmann auch
die Romane »Kapuzenmann«, Donnas Baby und Karma-Attacke.
In Ostfriesland wendete sich Klaus-Peter Wolf wieder ganz seiner alten Leidenschaft, dem Kriminalroman, zu. Er erfand die Kommissarin Ann-Kathrin Klaasen. Sie wohnt in der Stadt Norden, im gleichen Viertel wie Wolf, ja, sogar in der gleichen Straße. Gleich mit dem ersten Roman, Ostfriesenkiller, gewann Ann-Kathrin Klaasen viele Fans. Sie ist eine verletzliche Kommissarin, sie verrennt sich und macht Fehler. Sie verstrickt sich und hat Probleme, sich abzugrenzen. Das unterscheidet sie von vielen ihrer coolen männlichen Kollegen. Sie ist, wie Klaus-Peter Wolf selbst, immer ganz nah dran an den Menschen, reibt sich an gesellschaftlichen Verhältnissen und will sich mit schnellen Antworten nicht zufrieden geben.
KP Wolf war einige Jahre ehrenamtlich im Vorstand eines Hilfsdienstes für Behinderte im Westerwald tätig. Und wie so oft sind seine Erfahrungen Anlass für Romane oder Filme. Im ersten Ann-Kathrin-Klaasen-Krimi, Ostfriesenkiller, werden nacheinander mehrere Personen getötet, die alle nur eines gemeinsam haben: sie arbeiten in einem Hilfsdienst für Behinderte und deren Angehörige. Ann-Kathrin Klaasen stößt auf Sylvia, die in einer Art Villa Kunterbunt lebt und vom Hilfsdienst betreut wird. Sie ist schön, reich, völlig distanzlos und hat das Gemüt einer Neunjährigen. Mit psychologischem Einfühlungsvermögen und erzählerischem Geschick führt KP Wolf die Leser in die düsteren Seiten einer Welt, die nach außen hin schön und bunt aussieht.
In Ostfriesenblut geht Klaus-Peter Wolf noch einen Schritt weiter. Er nutzt die wunderschöne ostfriesische Landschaft als Kulisse für eine sehr düstere Geschichte, die uns erzählt, wie Monster geschaffen werden.
»Der Kriminalroman«, sagt Klaus-Peter Wolf, »ist für mich die beste Literaturgattung, mit der ich erzählen kann, wie Menschen gemacht, geprägt und zerstört werden. Krimis spielen ganz im Hier und Jetzt, müssen milieugenau sein und können so den Riss zeigen, der durch uns alle geht. Im Kriminalroman kann man gesellschaftliche Kritik am konkreten Einzelfall vorführen. Ich habe Krimis immer geliebt. Wenn man etwas über ein Land wissen will, lohnt es sich, ein paar Krimis zu lesen, die dort in den letzten Jahren geschrieben wurden. Ich kriege dadurch mehr über die Befindlichkeiten mit, soziologische Studien geben da viel weniger her.«
Natürlich will er die Reihe fortsetzen, und die jeweilige Premiere zum nächsten Ann-Kathrin-Klassen-Krimi soll wie immer in Norden sein, der Stadt, in der die Kommissarin lebt.
Der dritte Krimi wird Ostfriesengrab heißen.
Wolfs Reviertheater
Als kleiner Junge besuchte Klaus-Peter Wolf oft das Musiktheater im Revier. Besonders spannend fand er die Bochumer Gastspiele im Schauspielhaus. Seine Lieblingstante arbeitete im Musiktheater im Revier als Schneiderin. Von daher hatte er immer Zugang zu billigen Karten.
So sah er in jungen Jahren zahlreiche Stücke und er liebte sie, auch wenn er sie oft noch nicht verstand: »Manche Stücke sah ich zweimal und dann kapierte ich ein bisschen mehr.«
Heute werden seine doppelbödigen Spitzendialoge von der Kritik im In- und Ausland gelobt. Der Anfang dafür wurde damals im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen gelegt, das glaubt er noch heute. Deshalb ist er auch besonders stolz darauf, dass sich nun im Ruhrgebiet eine Theatergruppe gegründet hat, die sich nach ihm benennt: Wolfs Reviertheater. Und das kam so:
Patricia Tomaszek, Studentin der Literaturkultur und Medien sah zusammen mit dem Journalisten und Schauspieler Michael Hoch, Klaus-Peters Wolfs Ein tödliches Wochenende im Fernsehen. Die beiden waren berührt. Sie wollten das Stück noch einmal sehen, zurückspulen, Szenen wiederholen, noch einmal mitleiden, analysieren, was sie gesehen hatten. Sie erkannten das »unglaubliche Theaterpotenzial« in dem Fernsehspiel. »Das Ding muss einfach auf die Bühne«
, so Michael Hoch.
Die beiden nahmen Kontakt zu Klaus-Peter Wolf auf und fragten ihn, wie er zu so einer Bühnenadaption stehe. Schnell gesellte sich der Essener Schauspieler und Regisseur Uwe Höltermann (auch bekannt aus dem »Wunder von Bern« dazu.
Die drei besuchten Klaus-Peter Wolf in seiner neuen ostfriesischen Heimat, wo er zurückgezogen hinterm Deich lebt und neue Stücke und Romane schreibt.
Klaus-Peter Wolf:
Ich entscheide so etwas in Sekunden. Die drei kamen herein und ich wusste, das wird gut mit denen. Ich hatte sofort Vertrauen zu ihnen. Sie sind selbst Künstler und Künstler darf man nicht am Gängelband führen. Also gab ich ihnen freie Hand. Wir redeten viele Stunden über die Verletzungen menschlicher Seelen, über Therapieerfahrungen (die in dem Stück eine wichtige Rolle spielen) und natürlich über Film- und Theatererfahrung.
Als die drei nach Hause fuhren, stand fest: Wir gründen Wolfs Reviertheater.
Die Premiere vom »Tödlichen Wochenende« wird am Samstag, 11. November, 20 Uhr in Essen, Die Bühne, Girardetstraße 2-38 stattfinden. Klaus-Peter Wolf wird bei der Premiere anwesend sein.
Die berühmte Gummibootszene
Filmkritiker schrieben später, diese Szene gehöre zu den Sternstunden des deutschen Fernsehens. Nie wurde Therapie in ihren Möglichkeiten, aber auch in ihrer Gefahr, deutlicher auf den Punkt gebracht.
Der Therapeut fordert seine Klienten auf:
»Ihr seid auf hoher See. Die Vorräte werden knapp. Es reicht nicht für alle. Einer von euch muss raus. Entscheidet, wer.«
Die Originalbesetzung im Film
- Ute Sperling
- Andrea Sawatzki
- Sabine Jung
- Nele Müller-Stöfen
- Julius
- Dominique Horwitz
- Christian
- Thomas Kretschmann
- Harry
- Jürgen Hentsch
- Jochen
- Helmut Berger
- Ernst Menzel
- Jochen Nickel
Doppelt preisgekröntes Drehbuch
Im Juli 2008 wurde die ZDF-Löwenzahn-Folge »Schlangen – Geheimnisvolle Verstecke« – dessen Drehbuch er mit Bettina Göschl verfasst hat – auf dem Filmfestival »NaturVision« mit zwei Preisen ausgezeichnet: »bester Film fürs Kinderfernsehen« und »Publikumspreis«. Zudem ist der Film für das 6. Istanbul International Children's Film-Festival nominiert.